Mo, 23. Oktober 2017

Libro-Prozess

18.01.2011 18:06

Zweiter Prozesstag im Zeichen der Bilanztricks

Beim Libro-Prozess in Wiener Neustadt sind am Dienstag, dem zweiten Verhandlungstag, Details der ausgeschütteten Sonderdividende in Höhe von 440 Millionen Schilling (32 Millionen Euro) aufgrund der Bilanz 1998/99 erörtert worden. Damit wurde letztendlich der zuvor kreditfinanzierte Kauf der Buchhandelskette aus dem Imperium des ehemaligen Billa-Eigentümers Karl Wlaschek finanziert.

"Für mich hat die Jahresbilanz gestimmt", sagte der angeklagte Ex-Libro-Chef Andre Rettberg (53), der sich mit vier weiteren Beschuldigten wegen Untreue, schweren Betrugs und Bilanzfälschung verantworten muss.

Die Frage von Richterin Birgit Borns, warum man gerade vor dem Börsegang dem Unternehmen Kapital entziehe, konnte Rettberg nicht beantworten. Mehrmals verwies er auf externe Berater, den Aufsichtsrat und das Aufgaben-Splitting im Vorstand. Er habe sich auf Ex-Finanzvorstand Johann Knöbl verlassen können und ihm vertraut.

Der Ex-Libro-Chef zeigte sich überzeugt, dass die Bilanz 1998/99 mit einem Gewinn von 447 Millionen Schilling ordnungsgemäß erstellt war - nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war diese Bilanz massiv überhöht. Über Zahlungsschwierigkeiten von Libro, die der Leiter der Buchhaltung am selben Tag der Ausschüttung in einer Email angesprochen hatte, wusste Rettberg nichts, denn die Nachricht sei nicht an ihn adressiert gewesen.

Libro Deutschland im Fokus
Näher beleuchtet wurde weiters die von der Staatsanwaltschaft beanstandete Aufwertung der Libro Deutschland für die Bilanz 1998/99 auf 140 Millionen Schilling (10,2 Millionen Euro). Libro Deutschland hatte damals drei Filialen und schrieb nur Verluste, geht aus der Anklageschrift hervor. Nach dem Börsegang im November 1999 wurde Libro Deutschland wieder abgewertet. Laut Rettberg gab es Expansionspläne, die Schließung von Libro Deutschland hätte sich erst aufgrund der geänderten Marktlage ergeben.

Im Vorfeld der Aufwertung hatte WU-Professor Christian Nowotny als stellvertretender Aufsichtsratschef am 19. April 1999 in einem Brief den damaligen Aufsichtsratschef Kurt Stiassny gewarnt, dass die geplante Entschuldung der UDAG, damals noch Mutter der Libro, nur bis auf 145 Millionen Schillig möglich wäre. Die Entschuldung wurde im Rahmen des Downstream-Mergers geplant, bei dem die Tochter (Libro) die Mutter (UDAG) übernommen hatte. Dies sollte als Vorbereitung für den Börsengang dienen.

Rettberg: "Das kann ich nicht erklären"
Diese Warnung des Mitangeklagten Nowotny kannte Rettberg nach eigenen Angaben nicht. "Es fehlen genau 145 Millionen Schilling und dann ergibt die Bewertung der Libro Deutschland 140 Millionen? Erklären sie mir das", fragte Borns nach. "Das kann ich nicht erklären", antwortete Rettberg und verwies auf ein "Gutachten" der KPMG. Dieses bezeichnet die KPMG selbst nur als "Stellungnahme".

Am Nachmittag kam dann der Zweitangeklagte, Johann Knöbl, zu Wort. Rettberg sei immer über die Unternehmensvorgänge informiert worden. Zur Bilanzerstellung 1998/99 erläuterte er, dass der Buchhaltungschef im Februar 1999 Alarm geschlagen hätte, dass es zwischen der Auswertung und der Datenbank eine Differenz gebe - bestehend in der Filiale 99. Dort waren Retourwaren im Wert von 76 Millionen Schilling gelagert, bekräftigte Knöbl - im Zusammenhang mit dieser Filiale sieht die Staatsanwaltschaft Bilanzfälschung. Das Verfahren wird am Mittwoch mit der weiteren Befragung des Beschuldigten fortgesetzt.

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