Di, 21. November 2017

Lehrjahre in Hamburg

17.08.2010 14:50

Vor 50 Jahren: Die Beatles starteten ihre Karriere

Vor 50 Jahren, in der Nacht vom 17. zum 18. August 1960, haben fünf Burschen aus Liverpool, die sich erst seit Kurzem The Beatles nannten, ihr erstes Konzert im Hamburger "Indra Club" gegeben. In den folgenden zweieinhalb Jahren legten sie mit rund 280 Auftritten im "Indra" und weiteren Klubs im Amüsierviertel rund um die Reeperbahn - darunter auch im inzwischen legendären "Star-Club" - den Grundstein für ihre spätere Karriere und die "Beatlemania".

Es muss ein Schock für die Beatles gewesen sein: Als die jungen Musiker in Hamburg ankamen, landeten sie in einem schmuddeligen Lokal. Das Publikum: keine Musikfans, sondern vor allem Seeleute, Prostituierte und deren Freier. Im "Indra" auf der Großen Freiheit standen die Beatles in der Nacht vom 17. zum 18. August 1960 erstmals in der Hansestadt auf der Bühne - und fortan Abend für Abend.

Um sie herum Sex-Klubs und Seemannskneipen. Der Älteste von ihnen - Stuart Sutcliffe - war wenige Wochen zuvor gerade 20 geworden, der Jüngste - George Harrison - ist erst 17. Damals sind sie noch zu fünft - und weit entfernt davon, als "Fab Four" eine bis dahin nicht gekannte Euphorie auszulösen.

Geschlafen wird in einem Kino
Bruno Koschmider, Besitzer des "Indra" und des "Kaiserkellers", der sich eine Reihe von Gruppen aus der nordenglischen Hafenstadt geholt hatte, brachte John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Stuart Sutcliffe und Pete Best im "Bambi"-Kino unter. Beatles-Experte Ulf Krüger, der sich Ende 1960 im "Kaiserkeller" mit der Band anfreundete, berichtet in seinen Büchern von "zwei spärlich beleuchteten fensterlosen Räumen neben der Herrentoilette des Kinos". "Die Grundfläche dieser Behausung betrug etwa 16 Quadratmeter. Die Musiker schliefen in ausgedienten Militärbetten. Als Waschbecken diente ihnen das Handwaschbecken der benachbarten Herrentoilette." Auch von einem Kondom, das McCartney und Best im "Bambi"- Kino angezündet haben sollen, erzählt man sich in Hamburg.

Jeden Abend sechs bis acht Stunden gespielt
St. Pauli damals - das war ein raues und zwielichtiges Viertel. Sechs bis acht Stunden mussten die Beatles dort Nacht für Nacht schuften und spielten dabei alle möglichen und unmöglichen Tanznummern der damaligen Zeit - das schult. In den Klubs floss der Alkohol, gegen die Müdigkeit half das eine oder andere Aufputschmittelchen.

Vom "Indra" zogen sie im Oktober in den "Kaiserkeller", wo sie bis Ende 1960 spielen sollten. Nachdem allerdings Harrison ausgewiesen wurde, weil er erst 17 war, traten die Beatles zu viert auf. Im Dezember wechselte die Band ins "Top Ten". Doch ihr vorheriger Klubchef Bruno Koschmieder sorgte nach der Kondom-Kokelei dafür, dass McCartney und Best wegen fehlender Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen abreisen mussten, wie Krüger berichtet. Lennon folgte ihnen, Sutcliffe blieb bei seiner Verlobten Astrid Kirchherr in Hamburg.

Weitere Hamburg-Gastspiele folgten
Von 1960 bis 1962 pendelte die Band regelmäßig zwischen Liverpool und Hamburg hin und her. Während des zweiten Hamburg-Gastspiels im "Top Ten" im Frühjahr 1961 stieg Sutcliffe, dessen eigentliche Liebe der Malerei galt, aus. Im Frühjahr darauf - am 13. April 1962 - öffnete schließlich der legendäre "Star-Club" auf der Großen Freiheit seine Tore. Sein Mitbegründer Horst Fascher, vom ersten Hamburg-Auftritt der Beatles an "so etwas wie ein Intimus" der Band, holte die Beatles zurück. Kurz vor ihrer Rückkehr nach Hamburg starb Sutcliffe an einem Hirnleiden. Insgesamt drei Gastspiele gaben die Beatles im "Star-Club". Hatten sie im "Indra" noch für 30 D-Mark (15 Euro) pro Kopf und Tag gespielt, waren es nun 500 und am Ende sogar 700 Mark pro Beatle und Woche.

Viele Musiker auf St. Pauli kamen damals aus Großbritannien, vor allem aus Liverpool. "Im 'Top Ten' und ab 1962 erst recht im 'Star-Club' herrschten weitaus professionellere Auftrittsbedingungen als in den Liverpooler Lokalen", weiß Krüger. Und die talentierten, gutaussehenden und neugierigen jungen Beatles hätten die besten Voraussetzungen mitgebracht. Hier entwickelten und kultivierten sie ihren Stil - nicht nur musikalisch. Gerade in Sachen Geschmack, Optik und Auftreten hätten Freunde wie Kirchherr, Klaus Voormann und Jürgen Vollmer - Studenten und Existenzialisten, die sich an der französischen Kultur orientierten - viel Einfluss auf die jungen Beatles gehabt.

Für Beatles waren Hamburg die Lehrjahre
Als sie am Silvesterabend 1962 ihr letztes "Star-Club"-Konzert gaben, hatten die Beatles Hamburg längst erobert. Inzwischen mit der ersten Single in den englischen Hitparaden ("Love Me Do") und mit Ringo Starr statt Pete Best am Schlagzeug machten sie sich nun daran, ihren weltweiten Siegeszug anzutreten. Das Phänomen Beatlemania ergriff erst die Heimat der Briten, später die ganze Welt. Als erfolgreichste Band des 20. Jahrhunderts gilt die Gruppe, die sich bereits 1970 wieder trennte - und Hamburg darf sich ihrer Lehrjahre rühmen. Oder wie sagte es einst John Lennon? "Ich bin in Liverpool aufgewachsen, aber in Hamburg bin ich erwachsen geworden."

Genau 50 Jahre später erweckte die Allstar-Band "Bambi Kino" in der Nacht von Montag auf Dienstag mit Musikern von Maplewood, Nada Surf und Moby die Pop-Geschichte zum Leben, indem sie die Songs des ersten Beatles-Auftritts im Geist der damaligen Zeit interpretierte (siehe auch Video).

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