Di, 12. Dezember 2017

Mediziner-Notruf

15.08.2010 13:14

Der gute alte Hausarzt ist vom Aussterben bedroht

Wir Österreicher können uns glücklich schätzen, auf der sprichwörtlichen Insel der Seligen zu wohnen. Im Gegensatz zu anderen Staaten, wo sich häufig nur Reiche eine Untersuchung leisten können, funktioniert bei uns die medizinische Versorgung klaglos. Noch! Denn der gute, alte Hausarzt gerät in der Steiermark zunehmend in Gefahr.

Insgesamt 961 niedergelassene Allgemeinmediziner gibt es in der Steiermark, die den ersten Kontaktpunkt im Gesundheitssystem darstellen. Ein System, das seit Jahrzehnten gut funktioniert und Vorteile für alle Beteiligten bringt:

  • Für den Patienten, der einen Doktor hat, der ihn im besten Fall ein Leben lang betreut, Diagnosen stellt, Therapien verordnet und ihm so die bestmögliche Versorgung zuteil werden lässt.
  •  Für das Gesundheitssystem, da die Patientenströme bzw. -wege geordnet und unnötige Mehrfachuntersuchungen vermieden werden. Das entlastet auch den Spitalsbereich, der bekanntlich seit Jahren mit einer steigenden Patientenzahl konfrontiert ist.
  • Und letztlich für die niedergelassenen Fachärzte, weil der Hausarzt entsprechend "vorfiltern" kann und dadurch eine bessere Vernetzung möglich wird.

Nur vier geförderte Lehrpraxen
Doch jetzt schlägt die Ärztekammer Alarm: Schaut die Politik weiterhin tatenlos zu, droht ein dramatisches Hausärztesterben. Denn für die Lehrpraxen, die unsere angehenden Mediziner ausbilden sollen, fehlt das Geld. 41 dieser Einrichtungen gibt es aktuell in unserem Bundesland, nur vier davon werden allerdings gefördert. Heißt im Klartext: Herr und Frau Doktor müssen in den meisten Fällen selbst in die Tasche greifen, um die Lehrpraxis-Ausbildung für den Nachwuchs zu finanzieren. Das können sich die meisten aber gar nicht leisten.

Wolfgang Routil, der Präsident der steirischen Ärztekammer, kennt die Problematik: "Es gibt viele, die zum Allgemeinmediziner ausgebildet wurden und niemals in einer Lehrpraxis waren. Ganz einfach, weil das dafür notwendige Geld fehlt. Die Politik hat da dringenden Handlungsbedarf!" Ihm "assistiert" Julia Baumgartner, "Praktikerin" aus Graz und Vorsitzende der jungen Allgemeinmediziner. Sie hatte das Glück, ihre Lehrpraxis von ihrem Ausbildungsarzt finanziert zu bekommen: "Wir brauchen klare Richtlinien für die Aus- und Weiterbildung.

"Hausärzte dürfen keinesfalls abgewertet werden"
Bislang funktionierte es oftmals nach dem Motto: "Dann werd ich halt Hausarzt." Dieser immens wichtige Beruf dürfe, so Baumgartner, aber keinesfalls abgewertet werden. "Immerhin sind wir mit einem umfassenden Patientenspektrum konfrontiert. Vom Baby bis zum Greis - wir sind die ersten Ansprechpartner. Da braucht's auch ein besonderes G'spür für die Menschen", sagt die junge Frau, die für sich den "Traumjob" gefunden hat. Hier hakt auch Ronald Otto, der Obmann der Sektion Turnusärzte, ein: "Ohne Hausärzte würden die Kosten des Gesundheitswesens explodieren, die Spitalsambulanzen aus allen Nähten platzen. Wir Ärzte haben unsere Hausaufgaben gemacht, jetzt ist die Politik am Zug. Das derzeitige Ausbildungsmodell ist nicht mehr adäquat." Seiner Rechnung nach würden elf Millionen Euro jährlich ausreichen, um das Lehrpraxis-Modell auf solide Beine zu stellen.

Die Alarmglocken schrillen also bereits, und zwar laut und weithin vernehmbar. Wolfgang Routil: "Im Durchschnitt geht jeder Steirer zehnmal pro Jahr zum Doktor, das Vertrauen in ihn ist extrem hoch. Es steht also viel auf dem Spiel, und wir machen uns wirklich Sorgen. Wenn die Allgemeinmedizin nicht aufgewertet wird, fehlt uns der Nachwuchs - und der gute, alte Hausarzt wird aussterben!"

von Gerald Schwaiger, "Steirerkrone"

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