15.07.2007 16:08 |

Festival-Highlight

Das war das "Nuke" 2007

Zwei Tage „Nuke“-Festival in St. Pölten – auch heuer stand der Sommerevent in Niederösterreich wieder als Garant für abwechslungsreiche Musik, bestes Wetter und „Good Vibrations“. Bei Temperaturen jenseits der Dreißig-Grad-Marke ließen es sich etliche Tausend Fans mit musikalischer Untermalung durch Bands wie Fanta4, The Roots, Wir sind Helden, Calexico, Freundeskreis, The Prodigy, Beastie Boys oder waschechten Reggae-Artists wie Alpha Blondy, Junior Kelly, Jahcoustix oder Anthony B. gut gehen.

Wie schon eine Woche zuvor beim „Lovely Day“ standen auch am Nuke wieder zwei Bühnen parat. Die Sunstage lockte draußen mit einem abwechslungsreichen Programm aus Rock, Hip-Hip, Poprock, Ska, Hip-Hop, Dance, Country und etlichen anderen Genres. Drinnen auf der Moonstage gaben sich derweil namhafte Roots-Reggae-Artists aus aller Welt die Klinke in die Hand.

TAG EINS
Den Anfang machte mit „Babylon Circus“ eine Kickstart-Mischung aus Reggae, Ska und Bastarda. Die aus Frankreich stammende, zehnköpfige Band versprühte Manu-Chao-Flair und machte ordentlich Dampf. Wegen der kurzfristigen Absage von Amy Winehouse (offiziell schafft sie der Tourstress – inoffiziell soll sie britischen Medien zufolge momentan schlicht zu launisch zum Spielen sein) wurde das Lineup etwas durcheinander gebracht. Als Ersatz traten gleich als zweite Band „The Otentikk Street Brothers“ auf, die mir ihrem Mix aus Hip-Hop und Reggae immerhin das Publikum bei Laune hielten.

Nach eigenen Angaben „ein Hit“ war der Auftritt des oberösterreichischen Volksmusik-Crossover-Duos „Attwenger“. Und die beiden Herrschaften lehnten sich nicht zu weit aus dem Fenster: Vom Drum’n’Base mit steirischer Knöpferlharmonika als quasi Analog-Analog-Synthesizer über einen Hip-Hop-Landler bis zur funkigen Polka wurde eine Art alternatives Wetterpanorama (das Original gibt's täglich ab 6.30 Uhr auf ORF2) geboten.

Der „B Seiten Sound“, eine feine, österreichische Ska/Reggae-Truppe. hatte es schwer mit „Kosheen“ als Gegenprogrammierung auf der Sunstage die Indoorbühne zu eröffnen. Ein paar kamen – doch die Show, die Kosheen-Frontfrau Sian Evans draußen durchzog, war im Vergleich zu ihrem Auftritt letztes Jahr ein Feldzug. Die britischen Dance/Rock-Vermenger boten einen Streifzug durch ihre drei Alben Resist, Kokopelli und Damage und Sian Evans fegte derartig über die Bühne, dass es ihr zwischenzeitlich die Schuhe auszog. Der Publikumsbrüller blieb natürlich „Catch“, wenngleich die Nuke-Fans die Songs des neusten Albums bereits auswendig konnten.

Während man auf der Moonstage von 17.15 Uhr bis 20.25 Uhr mit dem Roots-Reggae-Dreierpack aus „Tanya Stephens“, „Fantan Mojah & Perfect“ und „Junior Kelly“ die volle Ladung „Bassdrum auf der Drei“ bekam, ging’s draußen mit „Calexico“ weiter. Die Band aus Tucson, Arizon war wie geschaffen für das genrereiche Nuke-Festival. Die hochgradig talentierten Musiker um Joey Burns und John Convertino verwandelten sich vom Mariachi-Ensemble zum Country-Sextett und wieder zurück. Mit im Gepäck hatten sie nicht nur ihr neues Tour-Only-Album „Tool Box“ sondern auch die Opener, Babylon Circus. Bei den letzten beiden Songs standen somit gezählte 15 Musiker auf der Bühne und unten blieb kein Fuß länger als eine Sekunde auf dem Boden.

Nach der mexikanisch-kalifornischen Partie Stand mit der deutschen Poprockband „Silbermond“ ein weiteres Highlight am Programm. Frontfrau Stefanie Kloß brachte frischen Wind fürs Publikum, den sie bei ihren Dauersprints über die Bühne erzeugte. Neben Radioohrwürmern gab’s auch eine überaus amüsante Reggae-Einlage, zu der der männliche Teil des Publikums einen Massenstrip hinlegen durfte. Am Mikrofonständer hingen danach als Beweis für Silbermonds Tauglichkeit als Festivalband Dutzende nassgeschwitzte T-Shirts.

Ganz andere Saiten zogen „The Prodigy“ auf. Mit der Aggressivität einer Death-Metal-Band stürmten sie die Bühne und kleideten ihren Electropunk in ein Blitzlichtgewitter, für das man am Eingangstor zum Nuke eine Epileptikerwarnung hätte anbringen sollen. Den ganzen Synthesizer- und Laptop-Kram hatten „Bauchklang“ auf der Moonstage nicht nötig. Die volle Halle staunte einmal mehr über die Stimmen der sechs Niederösterreicher, die sich quer durch alle Genres „beatboxten“. Nach gut einer Stunde und der fabelhaften Show von Bauchklang sah es in der Halle plötzlich so aus, als würde jemand das Publikum mit dem Staubsauger nach draußen ziehen.

Dancehall-Star Anthony B., der in dreizehn Jahren Karriere dreizehn Alben und mindestens ebenso viele Collaborations gemacht hat, musste in der Halle gegen sein Echo ansingen, derweil sich draußen vor der Sunstage alles auf die Zehen trat. Die Fantastischen Vier wussten den Auflauf zu bändigen und gaben mit einer feinen Songauswahl aus ihrem neuen Album „Fornika“ und alten Klassikern von „Le Smou“ bis „Sie ist weg“ alles, was die Diskografie zu bieten hat.

TAG ZWEI
Während am ersten Tag Bands wie „Silbermond“ noch richtig gerockt hatten, stand der zweite Tag am Nuke-Festival im Zeichen der „Vibes“: Mit Jahcoustix, Beenieman und Alpha Blondy warteten drei ganz große auf die Nuke-Fans. Viel zu früh ging es jedoch auf der Sunstage  - nach einer halben Stunde mit dem Elektrodub-Duo „Sonic Junior“ und den fabelhaften „Jahcoustix“ - für „Donavon Frankenreiter“ los. Die bärtige und etwas humoristischere Version von Jack Johnson hätte sich auch einen späteren Slot und damit mehr Publikum verdient.

„Beenieman“, die jamaikanische Antwort auf Scatman John, brachte die bei den letzten Frankreiter-Songs erheblich aufgestockte Menge erstmals an diesem zweiten Tag zum Tanzen. Der Dancehall-DJ aus dem Heimatland des Reggae ließ immer wieder kurze, schnelle Salven auf das T-Shirt schwingende Publikum los und sorgte für hörbares Fußgetrampel. Drinnen auf der Moonstage zog derweil die Beduinenkarawane ein: Die Tuareg-Gruppe „Tinariwen“ brachte Sahara-Flair in die Halle und war schon allein wegen ihrer traditionellen Gewänder ein Publikumsmagnet. Immer mehr Fans strömten in die Halle, angelockt von den arabischen Klängen, die die sieben mit Tuch verhüllten Musiker aus ihren E-Gitarren lockten, und lauschten den spirituellen Songs der Afrikaner. Wegen der späten Zaungäste mussten die natürlich gleich mehrere Zugaben spielen.

Nach einem Intro und einem Gemeinschaftsgebet legte „Alpha Blondy“, die Reggae-Legende von der Elfenbeinküste, mit seiner hochkarätigen Live-Band los. Der mit 54 älteste Frontmann des Tages beschwörte das Publikum mit religiösen, aber auch politischen Texten auf Französisch, Englisch und Hebräisch. Die Szenerie vor der Moonstage glich indes einer Tanzschule. „Senor Coconut and his Orchestra“ versuchten das Publikum zum Cha-Cha-Cha-Tanzen zu bringen, was einigen Tanzschülern sichtlich Freude bereitete, den Festivalbesuchern mit etwas weniger Schlaf jedoch nur ein Kopfschütteln abrang. Vielleicht war aber auch die viel zu laut aufgedrehte, Nerv und Trommelfell tötende Clave (=die beiden zusammengeschlagenen Holzstöckchen, die den Grundrhythmus zeichnen) der Grund, warum in der Halle direkt proportional zur Spielzeit immer mehr Platz wurde.

Nachdem auch des Senors Tanzkurs ein Ende fand, schlüpften Kurt Wagner und seine Band „Lambchop“ durch den Seiteneingang auf die Bühne. Nach Beenieman und Alpha Blondy war der minimalistische Alternative-Country der Band aus Nashville, Tennessee Balsam für die wundgetanzten Füße der Festivalbesucher – egal, ob man nun die nüchterne Romantik der Songs genoss oder sich von den weichen Jazzgitarren in einen Nachmittagsschlaf wiegen ließ.

Mit zwanzig Minuten Verspätung (Grund: Stau auf der Autobahn) trafen „The Roots“ um kurz nach acht Uhr auf der Sunstage ein. Der Powermix aus Jazz und Rap traf voll ins Schwarze. Nach dem spirituellen Nachmittagslineup hatte man die Heys und Jos und das rumorende Sousaphon (die Tuba zum Umhängen) der kultigen Hip-Hopper bitter nötig. Dafür wurde die Spielzeit auch ein wenig überzogen. Bekannt als „das blinde Ehepaar aus Mali“ gingen „Amadou & Mariam“ um halb neun auf die Moonstage. Der afrikanische Gitarrenpop der beiden begeisterte nicht wenige. Mit satten Solis und virtuosen Songs erspielte sich das Duo schnell eine erweiterte Zuhörerschaft und luchste sogar den draußen tobenden The Roots ein paar Zuhörer ab.

Das Mehr an Publikum kam überraschenderweise auch mit Beginn des Auftritts von „Wir sind Helden“. Die mit LED-Lichtshow und Bläsertrio angereiste Band wirkt längst nicht mehr so alternativ und hip wie bei ihrem Debütalbum. Schwarzes Hemd und weiße Krawatte und die überall laufene von Beschwerden über Pfeifgeräusche im Ohr geprägt war. Unter etlichen Zuschauergruppen waren auch Diskussionen entbrannt, warum der Slot vor dem Headliner ausgerechnet an die Band gegeben wurde, die „eh auf jedem Festival auftritt“. Musikalisch ging’s jedoch wieder bergauf und bei der mit Peter Gabriels „Sledgehammer“ eingeläuteten Zugabe „Denkmal“ grölte das Publikum bereitwillig mit.

Grölen ist ein Begriff den man bei Joy Denalane, die indes auf der Moonstage ihr zweites Album „Born & Raised“, das ausschließlich englischsprachige Songs enthält, vorstellte, nicht anwenden will. Die 34-jährige Soulsängerin aus Berlin legte sich voll ins Zeug, obwohl ihr und der Band noch ein Auftritt mit „Freundeskreis“ als Moonstage-Headliner bevor stand. Nach Joys Set wurden die Instrumente zurückgerollt und die Bühne war frei für Max Herre und Afrob, die sich zum zehnjährigen Jubiläum des Hip-Hop-Konglogmerats durch die Geschichte der Band rappten.

Weniger offenherzig und die Nähe zum Publikum suchend gaben sich die Beastie Boys draußen auf der Sunstage. Die amerikanischen Maßanzug-Hip-Hopper, die zuvor wegen zwei Interviews den kompletten Pressebereich für eine Stunde räumen ließen, machten einen auf dicke Brieftasche und kleideten die Sunstage in ein buntes Lichtermeer. Wer sich aus hüpfenden und brüllenden Mitvierzigern etwas macht, kam voll auf seine Kosten. Die Beastie Boys selbst legten eher wenig Wert darauf, wo sie waren oder vor wem sie spielten. Bei ihnen war St. Pölten schlicht Wien und das Festival gespickt mit hochkarätigen Stars, die ja auch am Sonntag (!) noch spielen würden.

Christoph Andert

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