Mo, 18. Juni 2018

Armutsrisiko sinkt

22.07.2017 16:51

Gehälter: Aufholjagd der Niedrigverdiener?

Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer, lautet eine gängige Behauptung. "Doch eine Reihe neuer Untersuchungen zeigt, dass das so nicht mehr stimmt. Die Zahl der Menschen in den untersten Einkommensklassen geht seit Jahren zurück", erklärt Wirtschaftsforscher Bernhard Felderer.

Die letzte Untersuchung der Statistik Austria scheint das zu bestätigen: Die Armutsgefährdung in Österreich ist seit 2008 von 20,6 auf 18 Prozent zurückgegangen, ein Minus von 157.000 Personen. Aktuell werden aber noch immer 1,5 Millionen Menschen bei uns als "arm" definiert. Das bedeutet, dass sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen.

"Es ist eine Tatsache, dass in den 90ern und bis Mitte der 2000er-Jahre die Schere auseinandergegangen ist, weil es viele Jobs gab, die vom technischen Wandel betroffen waren, die brutto schlechter bezahlt wurden oder weggefallen sind", so Felderer. Seither habe sich die Lage verbessert. Felderer: "Man hat das zum Beispiel in Deutschland gesehen, dass durch die Effekte von Hartz IV Menschen einen Job bekommen haben, die früher arbeitslos waren."

Österreich im Windschatten Deutschlands
Das waren (für vier Millionen Menschen!) zwar "Billigjobs", aber sie haben mehr verdient, weil sie nicht mehr auf Hilfe vom Staat angewiesen waren. Seit 2005 ist nicht zuletzt dadurch die Arbeitslosigkeit in Deutschland kontinuierlich gesunken. Das Ifo-Institut sieht auch einen deutlichen Rückgang der Ungleichheit der Bruttolöhne seit 2005. "Dazu trug bei, dass seither mehr gut ausgebildete Junge auf den Arbeitsmarkt gekommen sind", ergänzt Felderer. Diese Entwicklung lasse sich auch in Österreich beobachten, wenngleich es bei uns kein Hartz IV gab und die Erholung auf dem Arbeitsmarkt später einsetzte als in Deutschland.

Dazu kommt natürlich, dass in den Kollektivvertragsverhandlungen öfter (Brutto-)Abschlüsse gemacht wurden, die die untersten Lohngruppen bevorzugten. Für Netto-Verbesserung sorgte der Staat: Die Steuerreform war so aufgebaut, dass die prozentuelle Entlastung bei Niedrigeinkommen höher war. Durch die Erhöhung der "Negativsteuer" (Rückerstattung von Sozialversicherungsbeiträgen) profitierten auch jene, die so wenig verdienen, dass sie ohnedies keine Lohnsteuer zahlen.

Generelle Wende oder nur Anstiegspause?
"In fast allen Industriestaaten sieht man, dass die Ungleichheit in der Lohnverteilung zumindest nicht mehr stärker angestiegen ist. In Österreich ist sie leicht gesunken. Die Frage ist, ob das nur eine Pause im Anstieg der Ungleichheit ist, oder ob wir es mit einer generellen Wende zu tun haben", analysiert Felderer.

Manfred Schumi, Kronen Zeitung/krone.at

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