So, 24. Juni 2018

"Renn-tner" Schumi

23.10.2006 15:01

Massa siegt in Sao Paulo, Alonso Weltmeister

Nach dem grandiosen Schlussakt auf der Rennstrecke gab Michael Schumacher auf der Party noch einmal Vollgas. Bei reichlich Caipirinha konnte der Seriensieger und Formel-1- Rekordsammler sein Pech im 250. und zugleich letzten Rennen seiner einzigartigen Karriere schnell vergessen.

Bis zuletzt hatte der Ferrari-Pilot keinen Schimmer, dass ihm sein Team klammheimlich eine rauschende Abschiedsfete nach dem Großen Preis von Brasilien am Sonntag in São Paulo organisiert hatte. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit feierten die Ferrari-Familie und der Schumacher-Clan an einem geheim gehaltenen Ort bis tief in die Nacht.

Aus, Schluss, vorbei
Mit ein bisschen Wehmut, aber ohne Tränen, mit einer brillanten Abschiedsvorstellung, aber ohne das erhoffte Happyend hatte Schumacher seine Grand-Prix-Ära abgeschlossen. "Ich bin jetzt nicht traurig, sonst hätte ich diese Entscheidung nicht getroffen", versicherte der Rekordchampion nach seiner letzten Runde locker und gelöst. Er wirkte fast schon erleichtert: "Es gibt keinen Formel-1-Fahrer Michael Schumacher mehr."

Herzlich umarmte der frisch gebackene Renn-Rentner Ehefrau Corinna, Vater Rolf, Manager Willi Weber, seinen früheren Physiotherapeuten Balbir Singh, Ferrari-Teamchef Jean Todt, Technik- Direktor Ross Brawn, seine Ingenieure und Mechaniker. Dann noch die letzten Interview-Runden und nichts wie weg vom "Autodromo José Carlos Pace", um seinen Grand-Prix-Ausstieg zu feiern.

Genie auf Rädern
Mit seinem vierten Platz nach Reifenplatzer und furioser Aufholjagd hatte Schumacher noch einmal seine Ausnahmekönnen bewiesen. Die Presse im Ferrari-Land Italien schwang nach dem letzten Arbeitstag ihres "Michele" zwischen Abschiedsschmerz und Begeisterung. "Schumi verabschiedet sich wie ein König. Der Roboter, der uns nicht gefiel, hat es geschafft, uns mitzureißen", schrieb die "La Repubblica. Der französische "Le Figaro" verabschiedete Schumacher auf Deutsch: "Auf Wiedersehen, Schumi...".

Schumacher selbst hat mit dem großen Pech an seinem letzten Grand- Prix-Wochenende nicht groß gehadert. Ohne die defekte Benzinpumpe im Qualifying und den nach einem Überholmanöver schon in der neunten Rennrunde ruinierten Reifen hätte der wie besessen fahrende Ferrari- Star seinen Ausstand mit dem 92. Grand-Prix-Sieg krönen können. "Wir hatten ein Wahnsinns-Auto. Vom Speed her hätten wir heute sicher alle überrunden können", schwärmte er von seinem F1 248.

Massa siegt, Alonso ist Weltmeister
Statt Schumacher durfte Teamkollege Felipe Massa den ersten Heimsieg eines Brasilianers seit Ayrton Senna vor 13 Jahren bejubeln. Statt Ferrari feierte Renault den Gewinn der Konstrukteurs-WM. Und statt Schumacher triumphierte erneut Fernando Alonso in der Fahrer- WM. "Wir hätten Michaels Karriere gerne anders enden sehen. Aber das Schicksal hat es nicht gewollt", trauerte Todt.

Beeindruckende Bilanz
So bleibt es nach Sao Paulo bei der ebenso einmaligen wie beeindruckenden Bilanz von sieben WM-Titeln, 91 Grand-Prix-Siegen, 74 schnellsten Rennrunden, 68 Pole-Positionen, 1369 Punkten, 13 Saisonsiegen und dem schnellsten Titelgewinn nach 11 von 17 Läufen, um nur die bedeutendsten Bestmarken aufzulisten. Dass diese Rekorde Schumachers je gebrochen werden, erscheint unwahrscheinlich. Alonso traut sich dies trotz seiner erst 25 Jahre jedenfalls nicht zu. "Ich glaube nicht, dass ich sieben Mal Weltmeister werden kann, weil ich nicht so lange in der Formel 1 bleiben will", sagte der Spanier, der erst seine fünfte Saison bestritt.

Schumacher behauptete sich nicht nur 16 Jahre lang in der Körper und Geist aufs Höchste beanspruchenden Königsklasse des Motorsports, er dominierte zudem über einen langen Zeitraum wie kein anderer zuvor. Nicht von ungefähr sprach man sogar von der "Formel Schumi". Jetzt will der PS-Pensionär nach der Erfüllung seiner letzten Pflichten erst einmal ausspannen und seinen "leeren Akku" wieder aufladen. Am Wochenende stehen die "Ferrari Days" in Monza an. "Danach wird es etwas ruhiger", sagte Schumacher. Wenn er dann sein meist im rasenden Tempo vorbeigerauschtes Rennfahrerleben in Ruhe Revue passieren lässt, kann der Rheinländer realisieren, ob ihm die Formel 1 fehlt. "Derzeit vermisse ich nichts, ich habe doch gerade erst aufgehört", sagte er.

"Es kann nur mein Ziel sein, auf diesem Niveau zu fahren, nicht auf einem anderen, und diese Kraft sehe ich nicht mehr. Ich stelle das in Frage, daher ist es besser, man hört auf, wenn man das Gefühl hat, dass es nicht mehr so gut werden könnte", nannte Schumacher nochmals seine Beweggründe für seinen Rückzug. Auf die Frage, ob er etwas in seiner Karriere bedauere, verwies Schumacher auf Frank Sinatras Welthit "I did it my way": "So habe ich es auch gemacht." Er sei auch seinen Weg gegangen.

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