Umweltkatastrophe

Gletscher: Das leise Sterben der weißen Riesen

Niederösterreich
06.12.2025 18:00

Alarmierend schnell schmilzt den Glaziologen des Alpenvereins das ewige Eis unter den Füßen weg. Wird nichts unternommen, gibt es am Ende des 21. Jahrhunderts kein Eis mehr.

Dort, wo jahrhundertelang Eis gelegen hat, wo blau schimmernde Spalten wie Kathedralen in die Tiefe führten, bleibt heute nur ein breiter, grauer Schutthang zurück. Die Gletscher sterben. Und sie tun es schneller, als selbst Pessimisten es jemals für möglich hielten.

Die ehrenamtlichen Gletschermesser des Alpenvereins haben gerade wieder ihre Routen beendet – an knapp 90 Gletschern. Doch Jahr für Jahr wird ihr Weg gefährlicher, länger, brüchiger. Viele Anstiege sind kaum noch begehbar, weil das Eis fehlt und der Fels instabil geworden ist. Andere Gletscher verschwinden schlichtweg. Man kann kein Eis mehr messen, wenn keines mehr da ist.

Wenn die Gletscher schmelzen ...

hat das verheerende Folgen für die Natur.

Dazu zählen:

  • instabile Felsflanken
  • Felsstürze und Murgänge
  • Mangel an Sommerwasser
  • Probleme für Landwirtschaft und Energie
  • ökologische Kipppunkte in Alpenseen und Tälern

„Wir verlieren unsere Messobjekte“
„Es ist ein Rennen gegen die Zeit“, sagen die Fachleute des Alpenvereins. Manche Gletscher stehen kurz davor, aus dem Messprogramm gestrichen zu werden. Nicht, weil sie unwichtig wären – sondern weil sie buchstäblich wegschmelzen. Österreich könnte, so die Prognosen, in 40 bis 45 Jahren praktisch eisfrei sein. Ein Satz, der klingt, als stamme er aus einer dystopischen Zukunft. Doch er beschreibt unsere Gegenwart. Die Wissenschaft schlägt Alarm. Und zwar weltweit.

Chile: Wenn eine Dürre kein Ende findet
Am anderen Ende des Globus ringt Chile – seit fünfzehn Jahren – mit einer Megadürre. Ein Ereignis, das kein Klimamodell vorhergesagt hat. Nichts, absolut nichts hätte darauf hingedeutet, dass ein modernes Land in eine Trockenheit schlittern könnte, die länger dauert als die gesamte Schulzeit eines Kindes.

Die Gletscher der südlichen Anden sind die letzten Notfall-Reservoirs. Doch sie zahlen ihren Preis: Sie schmelzen in Rekordgeschwindigkeit. Ein internationales Forschungsteam, darunter Forscherinnen und Forscher aus Österreich und der Schweiz, modellierte ein Zukunftsszenario für „Chile 2.0“ – eine erneute Megadürre gegen Ende des Jahrhunderts. Das Ergebnis ist eine Warnung wie aus einem Katastrophenfilm: Die wichtigsten Gletscher würden nur mehr halb so viel Schmelzwasser liefern wie heute. Die kleineren? Wären bis dahin wohl schon verschwunden.

Megadürren - die neue Normalität?
Die Wissenschaft ist sich inzwischen einig: Die Extremereignisse werden häufiger, länger, härter. Und sie treffen uns unvorbereitet. Gletscherschwund wirkt wie ein „langsamer Tod“, kaum merkbar im Alltag, aber fatal in seinen Folgen. Wenn das alpine Eis fehlt, fehlen Trinkwasser, Landwirtschaftswasser, Energie und ökologische Stabilität. In Chile. Und in Europa. „Man muss nur in den Mittelmeerraum schauen, um zu sehen, wie die Alpen aussehen könnten“, sagt ein Forscher trocken. Ein Satz, der schwerer sitzt als jede Statistik.

Gletschermesser Michael Krobath am Rande des Gössnitzkeeses im Jahre 2017. Foto:
Gletschermesser Michael Krobath am Rande des Gössnitzkeeses im Jahre 2017. Foto:(Bild: Michael Krobath)

Österreich: Wo die Geschichte des Eises endet
Auch bei uns wird das junge 21. Jahrhundert in die Klima-Geschichte eingehen – als das Jahrhundert, in dem die Gletscher verschwanden. Das Naturhistorische Museum Wien widmet dem dramatischen Wandel bis zum 10. Jänner eine neue Ausstellung: „Alpengletscher im Wandel“. Der Fotograf Jürgen Merz hat dafür Hunderte historische Standorte wieder aufgesucht, exakt jene Aussichtspunkte, an denen Fotografen vor 150 Jahren prunkvolle Eisströme ablichteten. Heute steht er dort – und findet blanken Fels, rutschige Schutthalden, manchmal einen kleinen Tümpel. Das „ewige Eis“: zu Wasser geworden, davongeflossen. Die Gegenüberstellungen seiner Bilder wirken wie Ohrfeigen. Nicht belehrend. Nicht moralisch. Sondern erschütternd ehrlich.

Gletscher: Klimazeugen und Risikofaktor zugleich
Univ.-Prof. Mathias Harzhauser vom NHM Wien bringt es nüchtern auf den Punkt: Gletscher sind Wasserspeicher, Klimazeugen, Frühwarnsysteme – und ihr Schwund ist messbar und dramatisch. Seit 1850 haben sie immer wieder Rückzugsphasen erlebt, doch was seit den 2000er-Jahren geschieht, sprengt jede historische Dimension. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts haben viele Gletscher mehr als die Hälfte ihres Volumens verloren.

Der Mensch und das Eis: Ein letztes Zeitfenster
„Gletscherschutz“ klingt harmlos, fast romantisch. Doch was der Alpenverein fordert, ist radikal: ein ausnahmsloser Schutz der Gletscherflächen und ihrer Vorfelder – jener sensiblen, hochdynamischen Zonen, die sich nach dem Rückzug öffnen wie offene Wunden im Gebirge.

Es ist ein Wettlauf gegen das Schmelzen, gegen die Erderhitzung, gegen die politische Trägheit. Denn die Wahrheit ist einfach und brutal: Wir werden nicht mehr alle Gletscher retten. Aber wir können entscheiden, wie viele wir verlieren – und wie schnell.

Wer heute einen Gletscher besucht, sieht ihn vielleicht zum letzten Mal in seinem derzeitigen Zustand. Die weißen Riesen sterben nicht lautlos – aber oft unbemerkt. Und doch bergen sie eine letzte Botschaft, eingefroren in ihrem schwindenden Körper: Sie zeigen uns, wohin die Reise geht.

Wenn wir nicht handeln, wird aus dem Alpenraum ein anderer Kontinent. Einer ohne Eis. Einer ohne Rückhalt. Der Fotograf Merz sagt: „Meine Bilder sollen berühren.“ Es ist höchste Zeit, dass sie das tun.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Kostenlose Spiele
Vorteilswelt