Sie ist mit ihrem Sohn Andreas zu unserem Treffen in der Rettungsstation von Annaberg gekommen. Ein Sanitäter kocht Kaffee und packt den Weihnachtsstollen aus, den Heidi Dorfwirth mitgebracht hat - es hat aber niemand im Raum Appetit. An der Wand hängt ein gerahmtes Foto ihres Mannes, der 32 Jahre lang für das Rote Kreuz gearbeitet hat. Vor dem Haus brennen noch immer Kerzen.
Die 55-jährige Schulwartin trägt ein schwarzes Kostüm, dazu einen schwarzen Schal. Fotografieren lassen will sie sich nicht. "Mein Mann soll im Vordergrund stehen", sagt sie leise. Lang gedienter Rettungssanitäter. Beliebt im ganzen Dorf, weil er immer für andere da war. Auch in der Nacht auf den 16. September, ein Dienstag - wie der Tag des Interviews. "Das ist in Ordnung, denn ich bin nicht abergläubisch."
"Krone": Frau Dorfwirth, wir sitzen hier am Arbeitsplatz Ihres Mannes, der auch in der Pension noch Rettungssanitäter war. Welche Erinnerung an ihn taucht da vor Ihren Augen auf?
Heidi Dorfwirth: Eine gute. Er hat das hier ja alles aufgebaut. Er hat jedem Menschen geholfen. Trotzdem hat er sich die Wochenenden meistens freigenommen und Zeit mit uns verbracht, mit den Kindern und Enkelkindern.
"Krone": Wie erklärt man einem fünfjährigen Mädchen, was Ihrem Mann passiert ist?
Dorfwirth: Einem kleinen Kind kann man nicht erklären, dass der Opa erschossen worden ist. Wir haben ihr gesagt, dass er einen Unfall gehabt hat.
"Krone": Und wie erklären Sie sich die Tragödie?
Dorfwirth: Ich versuch's immer wieder, aber das kann man nie begreifen. Auf einen Rettungsmann zu schießen: Nicht einmal im Krieg haben sie so etwas gemacht! Aber er hatte Dienst an jenem Abend... Und Sie wären doch auch gefahren, wenn Sie Dienst gehabt hätten.
"Krone": Wie haben Sie den Montagabend noch verbracht?
Dorfwirth: Mein Mann kam vom Holzschnitzkurs, den er besucht hat, nach Hause und hatte schon im Wirtshaus gegessen. Wir haben noch gemeinsam ein bissel ferngeschaut und sind dann schlafen gegangen. Um halb eins ging der Pager los. Ich bin immer munter geworden, wenn es gepiepst hat.
"Krone": Sah es nach einem ganz normalen Einsatz aus?
Dorfwirth: Oh nein. Mein Mann sagte: "Da ist ein Polizist angeschossen worden!" Ich hatte Angst. "Pass auf dich auf!" Das waren die letzten vier Worte, die ich ihm gesagt hab, bevor er losgefahren ist.
"Krone": Wann haben Sie erfahren, was in jener Nacht geschehen ist?
Dorfwirth: Ich bin lange wach gelegen. Es war eine ganz stille, unheimliche Nacht, es war ja alles abgesperrt. Normalerweise hört man dann eine Rettung oder einen Notarzt, aber in dieser Nacht ist gar nichts gekommen. Ich konnte insgesamt vielleicht zwei Stunden schlafen. Um halb sieben bin ich aufgestanden. Und um halb acht kamen die beiden Polizisten, sehr gute Freunde meines Mannes. Ich wusste sofort, was passiert ist. Ich hab's an ihren Gesichtern gesehen. Mich hat's als Ganzes gerissen, als sie mir die Nachricht überbracht haben. Trotzdem ist bei mir keine einzige Träne gekommen in dem Moment.
"Krone": Wie haben Sie diese sieben Wochen ausgehalten?
Dorfwirth: Schwer. Es kommt mir auch nicht wie sieben Wochen vor, sondern als ob's erst gestern gewesen wäre. Und das Leben und die Arbeit gehen ja weiter.
"Krone": Was tröstet Sie?
Dorfwirth: Während dieser Zeit kann einen nichts trösten. Was soll da kommen, das einen trösten könnte? Das ist eben so, und ich glaube, das wird noch eine Weile so bleiben.
"Krone": Wer hat Sie unterstützt?
Dorfwirth: Meine Kinder natürlich. Es sind auch ganz viele Leute auf Besuch gekommen - die Bürgermeisterin, der Pfarrer, alle, die den Hans gekannt haben - aber mit dem Schmerz ist man letztlich doch allein. Ich gehe auch viel in die Kirche. Der Glaube hilft. Trotz allem: Er wird nicht mehr kommen.
"Krone": Heilt die Zeit, wie es so schön heißt, alle Wunden?
Dorfwirth: Ja, so sagt man... Ich kann das ganz und gar nicht bestätigen.
"Krone": War Allerheiligen schwer?
Dorfwirth: Ich bin gerne auf dem Friedhof und mache das Grab schön, deshalb war Allerheiligen nicht schwerer als jeder andere Tag. Die Fotos von der Beerdigung konnte ich aber noch nicht anschauen. Auch die Zeitungsberichte über das Unglück hab ich nicht gelesen.
"Krone": Wie sind Ihre Gefühle dem Täter gegenüber?
Dorfwirth: Ich kenne diesen Mann nicht und hab mir auch die Fotos von ihm nicht angeschaut. Was ich furchtbar finde, ist, dass es leider noch Monate, wenn nicht Jahre dauern wird, bis alles restlos aufgeklärt wird. Ich wünschte, es wäre endlich Schluss damit. Man wird jeden Tag konfrontiert, man hat keine Möglichkeit abzuschalten.
"Krone": Wollen Sie die Ehefrauen der beiden getöteten Polizisten treffen?
Dorfwirth: Ja, daran arbeitet der "Weiße Ring", da bin ich auf jeden Fall dabei. Die Opferhilfe klärt auch viele juristische Fragen für uns.
"Krone": Hat Annaberg sich verändert, seit der Wilderer hier Amok gelaufen ist?
Dorfwirth: Ja, Annaberg hat sich verändert... Ich kenne viele, die in der Nacht nicht mehr rausgehen wollen, das geht auch mir so. Wenn es finster wird, haben viele Leute Angst. Irgendwie ist etwas Unheimliches zurückgeblieben. Etwas, das man einfach nicht vergessen kann.
"Krone": Frau Dorfwirth, was wird in fünf Jahren sein?
Dorfwirth: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viel anders sein wird... (dreht an ihrem schwarzen Schal) Ich habe gelesen, dass Heinrich Treichl, der 100 geworden ist, nach dem Tod seiner Frau vor fast 30 Jahren nur noch schwarze Krawatten getragen hat. So ähnlich wird es bei mir auch sein, bestimmt. Ich werde auch immer irgendetwas Schwarzes tragen.
Die Tragödie
In der Nacht auf den 17. September richtet der Wilderer Alois Huber in Annaberg ein Blutbad an: Vier Menschen müssen sterben, unter anderem der vielfach ausgezeichnete Rotkreuz-Sanitäter Johann Dorfwirth (70), den eine Kugel im Rettungswagen trifft (seine Kollegin Elsbeth Zeuner, die gemeinsam mit ihm ausgerückt war, überlebt den Amoklauf). Dorfwirth hinterlässt seine Frau Heidi, zwei Kinder (Elke und Andreas) und zwei Enkelkinder (Nina ist 5, David 2).











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