Lohnverhandlungen

Metaller rüsten sich für einen heißen Herbst

Vorarlberg
16.09.2023 09:25

Reinhold Binder, der neue Obergewerkschafter der Metaller, war jüngst in Vorarlberg zu Besuch. Die „Krone“ hat mit ihm über 100-Milliarden-Euro-Marken und die anstehenden Verhandlungen gesprochen.

Krone: Vor der Forderungsübergabe wollen Sie verständlicherweise keine konkreten Zahlen nennen, von welchen Daten gehen Sie aber als Grundlage für ihre Forderung aus?
Binder: Für uns ist die durchschnittliche Inflation der vergangenen zwölf Monate der Ausgangspunkt. Diese dürfte bei 9,6 Prozent liegen. Darüber hinaus haben wir die Zahlen der Branche genau analysiert. Und da schaut es nicht schlecht aus.

Sie haben bereits einen zweistelligen Lohnzuwachs in den Raum gestellt. Ökonomen warnen aber vor wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Warum halten sie dennoch an einer zweistelligen Erhöhung fest?
Bei Kollektivvertragsverhandlungen blicken wir immer zurück und nicht nach vorne. Es gab hohe Gewinnausschüttungen, viele haben in den letzten Monaten sehr viel Geld gemacht. Es ist daher nur gerecht, dass nun auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihren Anteil erhalten. Und ich hätte gerne von den Ökonomen gehört, dass es eine Gewinnzurückhaltung geben muss. Denn ein nicht unerheblicher Teil der Inflation ist gewinngetrieben. Die Beschäftigten werden jedenfalls nicht verzichten. Wir haben nichts zu verschenken, sondern wir haben etwas aufzuholen.

Das Säbelrasseln auf beiden Seiten war wohl noch nie so laut wie heuer. Warum?
Einerseits sind wir in einer Phase extrem hoher Inflation, anderseits kühlt sich die Konjunktur nach einer Hochphase etwas ab. Das macht die Ausgangslage nicht leicht. Dass wir es heuer schwerer haben als in manch anderen Jahren, ist auch auf ein Regierungsversagen zurückzuführen. Man hat die Inflation laufen lassen und nicht in die Preise eingegriffen. Noch immer fehlen ein Energiepreisdeckel und die temporäre Aussetzung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. Der angekündigte Mietpreisdeckel kommt zu spät und fällt zu gering aus. In Zeiten hoher Inflation brauchen die Arbeitnehmer die Lohnerhöhungen wie einen Bissen Brot. Aber sie haben sich ihren Anteil am wirtschaftlichen Erfolg auch verdient. Erst vor Kurzem wurde vermeldet, dass die Auslandsexporte die 100-Milliarden-Marke gesprengt haben. Das solche Erfolge möglich sind, liegt am Engagement und der harten Arbeit der Beschäftigten in der Industrie.

Viele Unternehmer argumentieren, dass es nicht ihre Verantwortung sei, die die Teuerung auszugleichen. Haben diese damit zum Teil nicht Recht?
Bisher war es gute Tradition, dass sich die Arbeitgeber ihrer sozialen Verantwortung bewusst sind. Diesen Weg will man heuer anscheinend verlassen. Aber selbst Wirtschaftsforscher mahnen, dass ein Verlust der Kaufkraft dem gesamten Wirtschaftsstandort - also auch der Industrie - schaden wird. Die Arbeitgeber schneiden sich mit so einer Haltung nur ins eigene Fleisch.

Der Abschluss der Metaller gilt traditionell als richtungsweisend. Nach ihnen ist der Handel dran. Wird mit einer saftigen Erhöhung der Löhne und Gehälter für die Konsumenten alles noch teurer? Stichwort: Lohn-Preis-Spirale.
Es ist ganz einfach: Die Löhne folgen den Preisen. Die Preiserhöhungen der letzten Monate sind zu einem nicht geringen Teil auf eine Gewinn-Preis-Spirale zurückzuführen. Das hat einerseits die EZB aber auch die Österreichische Nationalbank bestätigt. Auf eine Lohn-Preis-Spirale gibt es bis dato keinen Hinweis, und dies, obwohl wir bereits in der Frühjahrslohnrunde sehr gute Abschlüsse erzielt haben.

Wie sollen die höheren Personalausgaben aber wieder kompensiert werden? Werden die Preise damit auf dem hohen Niveau verharren, anstatt sich womöglich zu normalisieren?
Die Aufwendungen für Personal sinken, die für Material steigen. Es sind also nicht die Löhne, die für die Unternehmen Mehrkosten bedeuten, sondern eher hohe Energiepreise und Verteuerungen durch Lieferengpässe.

Abgesehen von den Zahlen - welche Verbesserungen bei den Rahmenbedingungen streben sie an?
Das Arbeitszeitthema wird sicherlich in den Verhandlungen eine Rolle spielen. Wie und in welcher Form, lasse ich noch offen. Die Übergabe des Forderungsprogrammes findet schließlich erst am 25. September statt.

Wie weit sind Sie heuer bereit zu gehen? Werden etwa wieder Warnstreiks oder gar Streiks notwendig sein?
Jetzt gehen wir in die Verhandlungen. Je nach Verhandlungsverlauf werden wir dann entscheiden, ob wir die Beschäftigten in den Betrieben informieren und dann - wenn notwendig - mit ihnen gemeinsam gewerkschaftliche Maßnahmen beschließen. Unser Ziel ist ein gutes Ergebnis für die Beschäftigten. Was es braucht, um dieses Ziel zu erreichen, wird sich in einigen Wochen zeigen. PV

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