04.10.2011 16:48 |

Kritischer Empfang

Rauer Wind für "No-Name-Trainer" Marcel Koller

Nicht gerade mit offenen Armen wird der Schweizer Marcel Koller auf seinem neuen Posten als österreichischer Teamchef empfangen. Während sich die Nationalspieler - vor allem Christian Fuchs, der ihn aus seiner Zeit bei Bochum gut kennt - durchwegs erfreut zeigten, kamen von einigen Fußball-Experten sehr kritische Stimmen. Auch die krone.at-User macht die Bestellung des laut Kurt Jara "No-Name-Trainers" nicht gerade glücklich: Knapp 70 Prozent meinen, dass Koller nicht der Richtige für diese Position ist.

Nationalspieler Fuchs, der mit Koller beim VfL Bochum zusammenarbeitete, brach in wahre Lobeshymnen aus: "Für mich ist das eine super Sache. Ich kenne ihn als sehr ehrgeizigen Trainer, der gut mit jungen Spielern umgehen kann. Es war schon eine Überraschung, damit hat niemand gerechnet. Aber es ist eine gute Entscheidung. Koller lässt offensiv spielen, will aber auch eine geordnete Defensive."

Fuchs: "Es hat Spaß gemacht mit ihm"
Der Schweizer bereite zudem die Fußballer gut auf die Matches vor: "Er legt viel Wert auf Taktik und Videoanalyse, ist ein sehr besonnener Mensch und kann gut auf Spieler eingehen. Ich traue mich zu behaupten, dass Bochum nicht abgestiegen wäre, wenn er geblieben wäre. Er kann auch laut und emotional werden, aber nicht negativ emotional. Es hat viel Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten."

Auch England-Legionär Paul Scharner konnte sich für die Bestellung von Marcel Koller durchaus begeistern: "Ich freue mich aufs Kennenlernen und blicke einer rosigen Zukunft entgegen. Die Strukturen des ÖFB werden jetzt in die richtige Richtung geändert." Sehr gut in Erinnerung hat den Schweizer auch Kapfenberg-Stürmer Marc Sand, der in der Saison 2007/08 unter ihm arbeitete: "Ich denke, dass es eine sehr gute Lösung für Österreich ist. Er ist ein sehr professioneller Trainer und akribischer Arbeiter, der mit Leib und Seele bei der Arbeit ist."

Jara enttäuscht: "Habe mehr Erfolg gehabt als Koller"
Sehr verärgert reagierte hingegen Trainerlegende Jara, der auch zum Kreis der Kandidaten gezählt hatte, auf die Bestellung von Koller, mit dem er einst bei Grasshoppers Zürich gemeinsam spielte und dann auch trainierte. "Ich kann eigentlich nichts über Koller sagen, weil das schon sehr lange her ist. Es ist sicherlich eine gewisse Enttäuschung da. Das Anforderungsprofil hätte auf mich sicher besser zugetroffen, weil ich im Ausland mehr Erfolg hatte und mehr Titel geholt habe als Koller. Viele Leute haben mir zugesprochen und tun es jetzt auch noch - sie sagen: 'Du wärst der Beste gewesen'."

Auf den Teamchef-Posten hatte sich Jara nach dem Gespräch mit dem ÖFB-Präsidenten ohnehin nicht mehr viel Hoffnung gemacht: "Ich habe ein gutes Gespräch mit Alfred Ludwig geführt und eines mit Leo Windtner, das war mehr Kaffeeklatsch. Nach dem Gespräch habe ich gewusst, dass es sowieso nichts wird, deswegen war ich auch nicht so überrascht. Man muss jetzt abwarten, ob der Erfolg kommt. Aber wenn nicht, dann sollte man das nicht nur am Teamchef festmachen, sondern auch an den Entscheidungsträgern." Eine österreichische Lösung wäre für den Tiroler jedenfalls besser gewesen: "Jetzt kommt für österreichische Verhältnisse ein No-Name-Trainer, da stößt man jeden heimischen Trainer vor den Kopf. Wenn ein Kapazunder gekommen wäre, das wäre etwas gewesen, aber jetzt ..."

Prohaska: "Koller fängt jetzt bei null an"
In dasselbe Horn stieß auch "Krone"-Experte Herbert Prohaska (siehe Kommentar in der Infobox): "Ich habe ein zwiespältiges Gefühl. Man weiß, dass ich (mit Andreas Herzog, Anm.) eine andere Lösung bevorzugt hätte. Man muss so fair sein und abwarten, aber es ist wahrscheinlich so, dass sich der Großteil im Land eine andere Entscheidung gewünscht hätte. Koller wird sich bisher nicht groß mit dem österreichischen Fußball beschäftigt haben. Seine Aufgabe ist viel schwerer als für einen, der die anderen kennt. Das heißt, er fängt im Prinzip bei null an."

Abwartend, aber sicher nicht euphorisch reagierten auch die Trainer der österreichischen Bundesligisten. "Ich sehe das aus der Trainersicht. Dass es kein Österreicher geworden ist, ist für mich persönlich schade. Aber Koller hat meine vollste Unterstützung, sofern er sie benötigt", erklärte etwa Peter Stöger, der Coach von Wiener Neustadt. Paul Gludovatz, ebenfalls als Teamchef-Kandidat im Gespräch, konnte den neuen Schweizer nicht wirklich einschätzen: "Ich kann zu Koller nichts sagen. Ich weiß nur, dass ich die Punkte im Anforderungsprofil erfüllt hätte, außer, dass ich vielleicht zu wenig verlangt habe. Ich fühle mich aber nicht übergangen."

Karl Daxbacher: "Man sollte den Mann arbeiten lassen"
Austria-Trainer Karl Daxbacher plädierte jedenfalls für Geduld mit Koller: "Man sollte den Mann arbeiten lassen. Er hat eine sehr gute Reputation. Vorverurteilungen haben da nichts verloren. Ich habe ein sehr gutes Gefühl, ohne ihn näher zu kennen. Immerhin hat er auch in der Schweiz sehr erfolgreich gearbeitet. Ich würde sagen, der ÖFB hat sich das reiflich überlegt."

Kapfenberg-Coach Werner Gregoritsch gab hier seinem Wiener Kollegen recht: "Koller muss sich in den österreichischen Fußball erst einleben. Da braucht er Zeit." Einem heimischen Trainer hätte der Steirer allerdings mehr abgewinnen können: "Ich glaube, dass eine österreichische Lösung angebracht gewesen wäre. Foda, Gludovatz oder Jara hätten es sich verdient gehabt. Da bin ich ein wenig ein Patriot."

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