19.03.2022 08:53 |

Klimaforscherin:

„Die Energiewende haben wir verschlafen“

Die Grazer Ökonomin Birgit Bednar-Friedl war maßgeblich an der Erstellung des neuen Weltklimaberichts beteiligt. Die Prognosen für die Steiermark sind düster: Ohne radikale Wende werden Hitze, Wasserknappheit und Überflutungen zu ständigen Begleitern.

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Frau Bednar-Friedl, was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die aus der Erarbeitung des 3000 Seiten starken Weltklimaberichts der Vereinten Nationen gezogen werden können?
Die Dimension dessen, was sich bereits bis heute zum Negativen verändert hat, ist bedrückend. Zudem sehen wir, dass wesentlich mehr Bereiche von Klimawandelfolgen betroffen sind, als bislang gedacht. Es geht nicht nur um die Landwirtschaft, es geht auch um Ökosysteme oder etwa Infrastruktur, letztlich natürlich um unsere Gesundheit und die Wirtschaft.

Worauf muss sich die Steiermark in Zukunft einstellen?
Die vier Hauptrisiken für Europa und damit auch die Steiermark sind Hitze, Dürre, Überflutungen und Wasserknappheit, all das wird stark zunehmen, die Folgen werden dramatisch sein.

Welche Maßnahmen müssten sofort von der Politik, jeder Firma sowie eines jeden Einzelnen umgesetzt werden?
Im Verkehr nur mit einer Bepreisung zu arbeiten, ist zu wenig. Es braucht gleichzeitig einen massiven Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Eine Umstellung des Energiesystems, raus aus dem Fossilen, ist ebenso höchst an der Zeit.

Diesbezüglich hat Österreich ja einiges verschlafen.
Warum in Österreich so lange so wenig im Bereich der erneuerbaren Energien getan wurde, ist in nicht nachvollziehbar. Wir sind ein reiches Land, wir hätten schon viel früher weit mehr unternehmen können.

An welcher Schraube kann jedes Unternehmen drehen?
Auf welche Energieform man setzt, kann sich jeder überlegen. Ökostrom zu beziehen ist die eine Option, eine Fotovoltaikanlage aufs Dach zu setzen, die andere. Mitarbeiterparkplätze nicht mehr kostenlos zur Verfügung zu stellen oder Anreize zu geben, dass man mit dem Rad oder Öffis zur Arbeit fährt, sind ebenso einfache Möglichkeiten. Die Vorbildwirkung darf man auch nicht außer Acht lassen: Wenn der Chef täglich mit dem großen BMW vorfährt, hat das eine andere Wirkung, als ob er in die Arbeit radelt.

Welche Hausaufgabe sollte jede Privatperson auf die Agenda setzen?
Wenn immer mehr konsumiert und damit produziert wird, stehen wir vor dem Dilemma, dass auch die besten technischen Lösungen zur CO2-Reduktion in der Industrie nichts bringen, da die Emissionen trotzdem zunehmen. Wir müssen unseren Lebensstil hinterfragen: Brauche ich wirklich jedes Jahr ein neues Handy? Oder etwa ein eigenes Häuschen im Grünen? Jeder möchte heute ein Eigenheim - und nach ein paar Jahren wohnt man plötzlich nur mehr zu zweit auf 150 Quadratmeter.

Schützen Frauen das Klima anders als Männer?
Maßnahmen, die Männer setzen, sind in der Regel eher technischer Natur: Energieversorgung, Fahrzeugumstieg usw. Lebenstilveränderung oder etwa das Feld der Ernährung sind hingegen eher weiblich dominiert. Das hat natürlich viel damit zu tun, wie unsere Gesellschaft organisiert ist. Es braucht aber auf jeden Fall beides.

Wie teuer kommen Anpassungsmaßnahmen im Vergleich zu den zu erwartenden Klimaschäden?
Es gibt viele Studien zu dem Thema, einhelliger Tenor: Die Klimaschäden werden mit Sicherheit wesentlich teurer kommen als notwendige Anpassungen.

Von abgeholzten Regenwäldern in Brasilien bis zum SUV als Stadtvehikel - worüber können Sie sich ärgern?
Wenn es nur um die Interessen der nächsten fünf Jahre geht - so etwas verursacht tiefes Unverständnis bei mir. Ist es wirklich sinnvoll, in niedrigeren Lagen noch weiter zu beschneien und Investitionen in diese Richtung zu unterstützen? Wenn bewusst Scheuklappen angelegt werden, das ärgert mich.

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