Interview & Album

Granada: Für Zusammenhalt und Solidarität

Musik
07.10.2021 06:00

Drei Jahren haben sich die Austropopper Granada für ihr Drittwerk „unter Umständen“ Zeit gelassen und gut daran getan. Es verbindet die alten Stärken der Steirer mit neuen Facetten und ist alles andere als ein Corona-Werk, wie uns Thomas Petritsch, Alexander Christof und Lukacz Custos im „Krone“-Interview erklären.

kmm

Glücklich sind jene, die aus einer erzwungenen Not heraus das Beste machen - oder die aus reinem Zufall heraus das beste Timing erwischt haben. Während unzählige Künstler und Bands ihre geplanten Live-Konzerte und Tourneen mit März 2020 bis auf unbestimmte Zeit auf Eis legen mussten, kamen die Steirer von Granada erst gar nicht in diese Verlegenheit. „Wir wollten uns einsperren und wurden eingesperrt“, lacht Frontmann Thomas Petritsch im „Krone“-Interview, „2020 wollten wir bewusst eine Livepause machen, um am neuen Album zu schreiben. So entstand das neue Werk also während Corona und ist kein Corona-Album.“ Bei Granada sind solche Sätze mehr als leere Worthülsen, denn wer mit dem bisherigen Oeuvre der Grazer vertraut ist weiß nur zu gut, dass ausgefeilte, ironisch-doppelbödige Texte und eine lebensbejahende Musik durchaus Hand in Hand gehen können, ohne einen klischeehaften Bauchfleck zu veranstalten.

Liebe zur Schwermut
„unter Umständen“ heißt das Drittwerk des Quintetts, das mehr denn je unter dem Eindruck des Teamworks entstanden ist. Auch wenn anfangs so manche Zoom-Session durch die alkoholische Umnachtung diffus bilanziert werden musste, war die Prämisse eindeutig: jedes Bandmitglied solle eine Songskizze pro Woche liefern, die dann am Wochenende allen anderen präsentiert wird. „Da wir nicht unbedingt eine improvisierende Jam-Session-Band sind, war das absolut machbar“, präzisiert Gitarrist Lukacz Custos, „bei uns arbeitet anfangs sowieso jeder gerne für sich.“ Auch wenn die Pandemie per se nichts damit zu tun hat, nach zwei vorwiegenden beschwingteren Alben haben Granada auf „unter Umständen“ ihre Liebe zur partiellen Schwermütigkeit entdeckt. Tracks wie „Leuchtturm“ oder „Die Lichter gehen aus“ kehren eine bislang wenig bekannte Melancholie in den Vordergrund, die das klangliche und inhaltliche Spektrum der „gute-Laune-Band“ um interessante Facetten erweitert.

„Über all die Jahre haben wir uns natürlich untereinander gut kennengelernt, menschlich wie musikalisch“, sinniert Petritsch, „wir haben einen gewissen Sound, der bleibt, aber von dort kann man sich gut weiterentwickeln.“ Dass sich Granada für das dritte Album drei Jahre Zeit gelassen haben, tut dem Material mehr als gut. Grunge-Referenzen und psychedelische 70s-Ansätze sind nun neben dem leichtfüßigen, vom markanten Akkordeon angetriebenen Feelgood-Folk-Pop etabliert und färben die Band in gewisser Weise neu. Inhaltlich kommt man freilich nicht um die Themen herum, die einen im Alltag beschäftigen. Und auch dort ließen sich Granada nicht limitieren und schöpften wieder aus dem Vollen. Darauf angesprochen, ob die Single „Blüte“ als erste Midlife-Crisis-Nummer Granadas durchgehen würde, lacht Petritsch. „Gut möglich, sie spielt jedenfalls mit dem Älterwerden. Ich merke ja selbst, dass ich nicht mehr jedem Trend hinterherkomme und alle reden von den Boomern und der Generation Z. Mit dieser Schubladisierung habe ich gespielt und will dazu mitteilen, dass es wichtig ist, im Leben immer wieder mal das innere Kind nach vorne zu holen. Menschen, die nicht mehr Kind sein können verzweifeln irgendwann.“

Spiel mit der Optik
An Humor mangelt es im Bandcamp Granadas nicht, das zeigt schon das Video zur ersten Single-Auskoppelung „Lomari“, die mit Esoterik und Astralreisen spielt. „Die Maskierungen mit dem Fuchs und den Hasen soll ein bisschen die Scharlatanerie der Esoteriker aufzeigen. Der schlaue Fuchs, der versucht die armen Haserl abzuzocken. Die Umsetzung mit dieser Fabel fand ich gut. Es ist ein bisschen eine Abrechnung mit jenen, die andere ausnehmen und mit dem Leid der Menschen spielen, die schwer erkrankt sind, in der Schulmedizin keine Möglichkeit der Heilung sehen und auf selbsternannte Gurus vertrauen. Plötzlich sollen 300 Euro teure Holzplatten oder ein Schluck Granderwasser Wunder bewirken.“ Den angesprochenen Grunge hört man hier gut heraus, „Chikungunya“ wiederum spielt mit psychedelischen Klängen. „Der Song ist von unserem Bassisten Jürgen und bewusst experimentell. Chikungunya ist ja ein Virus bzw. Fieber und bei uns geht es um ein Delirium, das zu wollüstigen, sexualisierten Momenten führt.“

Dass Granada im Streaming-Zeitalter nicht nur auf den schnellen Hit aus sind, sondern ihre Musik als Gesamtkunstwerk betrachten zeigen nicht nur die fehlenden Berührungsängste zu bestimmten Themen, sondern auch die Liebe zu den Großen vergangener Zeit. „Schembrun“ ist ein vertontes Gedicht des legendären HC Artmann, dem lyrischen Vater des Austropop, dessen 100. Geburtstag Granada vor einigen Monaten im Radiokulturhaus mit einem Konzert feierten. Das Sprachbild und der Inhalt von Artmanns Werken hat eine immanente Wirkung auf die Band, vor allem auf Gitarrist Custos. „Die Nachkriegsgeneration hatte zur Sprache keinen großen Bezug, aber das änderte sich mit seinem Werk ,Med ana schowazzn dintn‘. Er wurde von einem Tag auf den anderen zum Popstar, der einen Einfluss auf Helmut Qualtinger und viele andere hatte. Artmann hatte eine ganz eigene Lithografie und sein Wienerisch laut in Gedichten nachzulesen ist wirklich witzig. Vor allem hat er nicht nur romantische, sondern auch sehr düstere Seiten an sich.“

Solidarität und Zusammenhalt
Schriftsteller und Poeten wie Kafka, Mann, Bernhard oder Jandl hätten eine prägende Wirkung auf Granada, führt Petritsch aus, nur mit der einst so fruchtbaren Szene rund um das Forum Stadtpark in Graz habe sich die Band bislang nicht so ausführlich befasst. „Ein wichtiger Treffpunkt für unterschiedliche kulturelle Disziplinen und das auch noch heute, das steht außer Frage.“ „unter Umständen“ dreht sich sehr stark um Solidarität und Zusammenhalt. „Mei Velo“ spielt etwa darauf an, dass man das Rad vor allem im urbanen Raum klimafreundlich als Fortbewegungsmittel seiner Wahl einsetzen könnte und der eingangs erwähnte „Leuchtturm“ steht sinnbildlich für jemanden, der gegen Windmühlen kämpft und sich gegen alle Widerstände für etwas einsetzt. „Der Song ist inspiriert von Menschen, die Pionierarbeit leisten. Die sich gegen eine breite Masse stellen und gegen eine herrschende Vormeinung ankämpfen, um Dinge zum Positiven zu verändern. Das kann man, wenn man will, gerne in Zusammenhang mit ,Fridays Fur Future‘ oder ,Black Lives Matter‘ sehen.“

Bei all dieser breiten Themenpalette ist es dann doch erstaunlich, dass es Granada auch auf „unter Umständen“ wieder einmal mühelos gelingt, Anspruch und Leichtfüßigkeit spielend zu vermischen. „Es ist irrsinnig schwer sich selbst zu reduzieren“, erklärt Akkordeonist Alexander Christof, „eben nicht viel zu machen und alles sehr tight zu halten ist im Popbereich eine unheimlich große Kunst. Man kann schnell mal Dinge verändern oder woanders hinzufügen, aber all das eben nicht zu machen, das ist die Schwierigkeit am Komponieren.“ Petritsch weiß, dass nach einigen Jahren bei Granada auch Erwartungen mitschwingen. „Bei unserer Instrumentierung sind wir fix, da kann man schwer was ändern. Das Grundprinzip kann aber ruhig gleichbleiben, solange man von dort weg immer schaut, was klanglich und textlich noch alles geht. Aber ich gebe zu, auch da wäre Reduktion das Zauberwort.“ Rund 40 Songskizzen sind in den letzten Jahren entstanden und es ist gut möglich, dass man einige davon in Zukunft noch hören wird. Schließlich entstand auch der Sommerhit „Summerfieber“ in seinen Grundzügen schon bei den Sessions zum Zweitwerk „Ge bitte!“…

Österreich-Tour
Im Februar 2022 wollen Granada ihre neuen Songs nun auch vor Publikum präsentieren. Die avisierten Konzerttermine sind. 16. Februar im Salzburger Rockhouse, 18. Februar im Conrad Sohm in Dornbirn, 21. Februar in der Wiener Arena, 23. Februar im Linzer Posthof und am 26. Februar das Heimspiel im Grazer Orpheum. Alle weiteren Infos und Karten gibt es unter www.oeticket.com

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