15.04.2021 10:15 |

Grenzenlose Dörfer

Vorarlberg: Die Zersiedelung als Naturraumfresser

Zersiedelung - der Albtraum aller umsichtigen Raumplaner. Das Phänomen, das Landschaften in rasendem Tempo verschlingt, hat sich dem Künstler Paul Renner auf ganz ungeahnte Weise eröffnet.

Nach einem Vortrag beim Symposium „Vakanz“ im Jahre 1995 lud der bekannte Vorarlberger Künstler Paul Renner die Pritzker-Preisträgerin Zaha Hadid und den Architekten Raimund Abraham (verantwortlich für das Österreichische Kulturforum in New York) zu einer Rundfahrt in den Bregenzerwald. In Schwarzenberg stoppte das Trio. Renner präsentierte stolz den fantastischen Ausblick auf den vorderen Bregenzerwald, bis nach Sulzberg sah man an diesem strahlenden Tag. Da schlugen sich Hadid wie Abraham die Hand an den Kopf und riefen unisono aus: „Wie grauenhaft zersiedelt ist das doch! Furchtbar!“ Ein Schock für Renner. „Ich wollte mit dem Bregenzerwald ja angeben - aber die beiden haben das ganz anders gesehen“, berichtet er. Seitdem hat Renner, der abwechselnd in Großdorf und Italien lebt, die Zersiedelung nicht nur im Bregenzerwald im Fokus. „Das Rheintal ist meines Erachtens diesbezüglich ja schon lange kaputtgebaut, da kann man nichts mehr machen. Der Bregenzerwald ließe sich vielleicht noch retten, einigermaßen.“

Vom Zentrum an den Rand gedrängt
Zersiedelung hat viele Gründe: Etwa die jahrzehntelange Gepflogenheit, die Ortszentren aussterben und stattdessen die Ortsränder ausufern zu lassen. Damit hängt ein weiteres Problem zusammen, der Leerstand. In nicht wenigen Dörfern stehen mitten am Hauptplatz riesige Gasthäuser leer. Doch anstatt diese neu zu nutzen, verfallen sie. Weil sich die Erben nicht einigen können, weil niemand in eine Sanierung investieren will oder weil die Eigentümer schlicht nicht auf das Geld aus einem Verkauf angewiesen sind. Böse Zungen behaupten gar, dass in diesem Zusammenhang immer wieder der Faktor Sturheit eine Rolle spielen soll...

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Das Rheintal ist ja schon lange kaputtgebaut, da kann man nichts mehr machen. Der Bregenzerwald ließe sich vielleicht noch retten.

Paul Renner

Sinkt die Bebauungsdichte, steigt die Verkehrsdichte
Ein weiteres Problemfeld ist die Baulandhortung. Sind die besten Bauplätze in Zentrumsnähe nicht zu haben oder unbezahlbar, wird eben am Rand gesiedelt - und die Region zersiedelt.
„Aus der Perspektive eines Wieners leben wir im Bregenzerwald ja im Paradies.“ Aber: „Für jede minimalste Besorgung steigen wir ins Auto. Ich auch!“, benennt Renner eine der vielen negativen Folgen der Gemeindeausfransung. Sinkt die Bebauungsdichte, steigt die Verkehrsdichte: Wie der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) errechnet hat, geben Haushalte in Regionen mit geringer Siedlungsdichte um 50 Prozent mehr Geld für Mobilität aus als jene in Städten mit hoher Siedlungsdichte. Und klar ist auch: Das Geld wird nicht für Öffi-Tickets ausgegeben, sondern für individuelle PS-Stärken. Wurden im Jahr 2000 in ganz Vorarlberg noch 24.000 Zweit- oder Drittautos gefahren, sind es jetzt bereits 57.000

Jeder zahlt mit - egal, wo er oder sie lebt
Und die Zersiedelung kostet Geld - und zwar uns alle. Zufahrtsstraßen, Kanal, Wasser: Die Kosten dafür liegen laut VCÖ bei freistehenden Häusern bis zu zehnmal höher als bei mehrgeschossigen Wohngebäuden.
Glücklicherweise gibt es zunehmend Bestrebungen, der Zersiedelung Einhalt zu gebieten. Ein gutes Beispiel ist etwa Krumbach. Frühzeitig wurde dort erkannt, dass es Verdichtung braucht, um das Dorf neu zu beleben. Die Folge dieser mittlerweile jahrzehntelangen Anstrengungen in Sachen Raumplanung: Mehrgenerationenwohnungen mitten im Dorf, dazu ein Cafe, ein Busterminal, ein Nahversorger und vieles mehr. Der Bau von Einfamilienhäusern, sagte der ehemalige Bürgermeister Arnold Hirschbühl einmal, sei mittlerweile zur Ausnahme geworden.
Ein Dorf für alle - diesen Gemeinschaftsgedanken würde auch Renner gerne forciert sehen und hofft auf ein stärkeres Bewusstsein in der Bevölkerung - damit sich nicht mehr „jeder eine Schachtel auf die Wiese stellt“.

Angelika Drnek
Angelika Drnek
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