13.12.2020 14:10 |

Toni Stricker:

„Musik“ ist ein schwieriges Instrument

Die pannonische Musiklegende improvisiert zur Not auch am Handy Was der 90-Jährige „seinem“ Burgenland zum 100er wünscht Eine unverblümte Analyse unserer Zeit und ihrer Defizite

Was ist eigentlich das „Pannonische“ an Ihrer Musik?

Als ich mit meiner Musik begann, stellte ich mir selbst diese Frage. Im Museum erfuhr ich, dass Pannonien einmal von einem Meer bedeckt war – weite Teile des ehemaligen Jugoslawien, der Slowakei, Rumäniens, Ungarns, Burgenlands, Teile des Wiener Beckens. Diesen Raum wollte ich auf einen gemeinsamen Nenner bringen

durch die universelle Sprache der Musik

Jawohl. Es ging mir um die Vielfalt der Einflüsse, die kroatischen, die jiddischen und vieles mehr. Damals sagten die Produzenten: „Dafür gibt es keinen Markt!“ Darauf ich: „Das ist das Beste, was uns passieren kann! Dann können wir eben einen schaffen!“ Siehe da: Meine erste LP gewann 1982 den Deutschen Schallplattenpreis.

„Brot und Wein“ mit André Heller war dann der erste große Verkaufserfolg

ja, obwohl es mir nie um Verkaufszahlen gegangen ist. Da hätte ich andere Angebote annehmen und mich verbiegen müssen. Ich habe auch so gut gelebt. Mir ging es immer darum, die Musik zu machen, die ich in mir spüre. Wäre ich „in“ gewesen, hätte ich immer nur die Zukunft gehabt, „out“ zu werden. Ich wollte einfach mein Publikum haben. Wir sind mit dieser Musik, die angeblich nicht gefragt war, überall hingekommen, Frankreich, ganz Europa, Amerika, bis Abu Dhabi

anscheinend ist das Pannonische Meer doch größer gewesen als bisher angenommen

wahrscheinlich (lacht)! Beim Konzert in Chicago saßen drei Schwarze vor mir und weinten zu meiner Musik. Da weiß man, dass die Musik ankommt. Das hat nichts mit Geschäft und mit der – Entschuldigung! – Scheiß Musikindustrie zu tun.

Sie feierten 2015 Ihren Abschied von der Bühne

Man muss rechtzeitig bei noch vollen Häusern aufhören. Den Jungen kann ich heute nur empfehlen, dem Mainstream nicht auf den Leim zu gehen. Wenn man fragt, was einer werden will, und man kriegt zur Antwort „Ein Star!“, hört sich schon alles auf. Star ist kein Beruf!

Sie machen einen sehr zufriedenen Eindruck. Haben Sie noch Wünsche an das Christkind?

Ja, bessere Beine! Ich hatsche durch die Gegend. Musikalische Wünsche habe ich keine mehr. Die Geige habe ich 2015 nach meinem Abschiedskonzert in Eisenstadt aus der Hand gelegt und nicht mehr angegriffen. Manchmal höre ich mir gute Musik an, Live-Konzerte großer Geiger etwa.

Was ist gute Musik für Sie? Wer sind Ihrer Meinung nach die Größten?

Ich hüte mich vor solchen Titulierungen. Aber es gibt weltweit gesehen viele großartige Violinisten in der Klassik, vor allem auch Frauen, etwa Julia Fischer oder Hillary Hahn. Österreichweit gesehen sind wir arm, das tut mir weh. Das meiste, das hier nennenswert ist, wie Julian Rachlin, hat osteuropäische Wurzeln.

Heißt das, dass Österreich zu lange Zeit die Nachwuchsförderung versäumt hat?

Ja! Wir leben von der künstlerischen Vergangenheit. Da können wir uns vorlügen, was wir wollen. Der Journalismus hat Anteil daran, indem er heimische „Stars“ herbeischreibt, denen in Wahrheit alles fehlt. Unsere großen Leistungen, die waren einmal. Einen Friedrich Gulda haben wir nicht mehr. Um so einen zarten Anschlag am Klavier hinzukriegen, darf man kein Tastenhund sein. Mich interessiert nicht, wie schnell einer den „Hummelflug“ spielen kann, sondern ob er mich berührt!

Was wünschen Sie dem Burgenland zum bevorstehenden 100. Geburtstag?

Dass es das Burgenland bleibt und bei aller Multikulturalität seine Eigenständigkeit nicht verliert. Bei der Musik, beim Essen, den Bräuchen, bei allem. Dass es sich löst von der Anbiederung an Trends und Moden. Dass das, was wir zu bieten haben, erhalten und stimmig bleibt. Ich habe mit meiner Musik immer die Grenzen offen gehalten. Doch Europa heißt nicht Einheitsbrei. Darauf pfeife ich!

Kronen Zeitung

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