20.11.2020 11:00 |

Psychotherapeutin Haid

„Kontakt zu anderen Kindern fehlt extrem“

Schon im ersten Lockdown war der Unterricht aus der Ferne eine große Belastung für alle Beteiligten. Seit Dienstag heißt es jetzt aber erneut: Die Schulbank bitte Zuhause drücken. Im Interview mit der „Tiroler Krone“ redet Psychotherapeutin Barbara Haid über die Auswirkungen des Homeschooling auf Volksschulkinder.

Krone: Welche Auswirkungen hat das Homeschooling auf die Volksschulkinder?
Haid: Es fehlt ihnen der Kontakt zu den anderen Kindern extrem. In dieser Entwicklungsphase ist das unglaublich wichtig. Sie lernen, sich langsam aus dem Familienverband herauszulösen und viele Dinge alleine zu tun. Bei diesem Schritt, in die Selbstständigkeit zu kommen, sind sie komplett zurückgeworfen. Die wichtigen Entwicklungsstufen, die sie jetzt machen würden, sind unterbrochen.

Rechnen Sie mit langfristigen negativen Folgen?
Das ist eine schwere Frage, die derzeit noch nicht ausreichend beantwortet werden kann. Die Expertinnen und Experten in aller Welt rechnen aber mit langfristigen Folgen. Die Unsicherheit und Ängstlichkeit, mit der einige in dem Alter konfrontiert sind, könnte eventuell steigen. Für uns Erwachsene ist es ja auch schwierig, mit so einer Situation konfrontiert zu sein. Auf Kinder, aber auch Jugendliche, wirkt sich das noch stärker aus.

Wie wichtig ist denn der Austausch mit Gleichaltrigen in diesen jungen Jahren?
Der Austausch ist unglaublich wichtig, weil die Kinder lernen, sich in der „Peergroup“ zu bewegen, zu verhalten und Erfahrungen zu machen. Ich appelliere daher an die Eltern, ihren Kindern zu ermöglichen, dass diese sich zumindest im virtuellen Raum oder telefonisch mit ihren Klassenkameraden austauschen können. Hierfür sollte den Kindern eine gewisse Zeit zur Verfügung gestellt werden.

Wir hatten im Frühjahr einen Lockdown, danach keinen, später einen leichten und jetzt wieder einen kompletten. Kommen die Kinder da noch mit? Wie sollte man ihnen das erklären?
Es ist wichtig, ihnen die Dinge klar zu erklären. Dabei darf man aber nicht überdramatisieren. Auch den eigenen Unmut über die Situation sollte man den Kindern nicht vermitteln, sondern ruhig bleiben. Es gilt, die Fakten zu erklären und zu sagen, dass das auch irgendwann wieder vorbei ist.

Eltern müssen jetzt in die Rolle der Lehrperson schlüpfen. Können das die Kinder akzeptieren oder brauchen sie eine Autoritätsperson von außerhalb?
Das brauchen die Kinder grundsätzlich schon. Die Eltern sind mit Mehrfach-Rollen konfrontiert, die bei den Kindern zur Verwirrung führen kann. Wenn die Mutter oder der Vater in die Rolle des Lehrers bzw. der Lehrerin schlüpft ist das eher schlecht. Sie sollten lieber eine Art „Coach“ sein. Also ein Lernbegleiter. Die Kinder müssen vor allem ermutigt werden, die Dinge selber zu probieren. Wichtig ist auch, dass die Eltern den Kontakt mit der Lehrperson immer wieder suchen.

Mit welchen Belastungen sind die Eltern konfrontiert?
Die Kinder sind den ganzen Tag zu Hause. Die Eltern müssen sie begleiten und unterstützen. Bei größeren Kindern ist das leichter. Die sind schon selbstständig. Das ist bei Volksschulkindern nicht der Fall. Hinzu kommt, dass die Eltern eigene Arbeiten erledigen müssen. Da müssen sie klar sagen, dass sie selber auch Aufgaben haben und dem Kind erklären, dass es auch einmal eine Stunde auf sich selbst gestellt ist. Danach kann man dann eine gemeinsame Pause machen.

Wenn der zweite Lockdown länger als bis zum 7. Dezember anhält, ab wann ist der kritische Punkt erreicht? Oder ist er das schon?
Es ist jetzt schon sehr kritisch. Wann der endgültige Punkt erreicht ist, dass es gar nicht mehr geht, traue ich mich nicht seriös zu beantworten. Ich hoffe sehr, dass es nach den drei Wochen zu Lockerungen kommt. Es wäre auch falsch, den Kindern zu versprechen, dass nach dem zweiten Lockdown Schluss ist. Niemand weiß, ob ein dritter kommt. Hier muss mit offenen Karten gespielt werden.

Manuel Schwaiger, Kronen Zeitung

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