16.10.2020 17:30 |

Jeder Fünfte depressiv

„Die Unsicherheit hat sehr viele Ängste ausgelöst“

Bei jedem Fünften in Österreich treten depressive Symptome auf: So ernst steht es seit Beginn der Pandemie um unsere psychische Gesundheit. Was bei Symptomen zu tun ist und wie sich jeder Einzelne schützen kann, besprechen Psychotherapeut Karl-Heinz Teubenbacher und die Leiterin der psychotherapeutischen Ambulanz in Wien, Vanja Poncioni-Rusnov, diese Woche bei „Moment Mal“ mit Damita Pressl.

Besonders junge Erwachsene sind gefährdet, zeigen die Zahlen; Personen über 65 hingegen sind weniger betroffen. „Die Anforderungen des Alltags sind größer“, erklärt Teubenbacher. Wer Ausbildung, Beruf und Kinder meistern muss, ist stärker gefordert als ein verheirateter Pensionist. Aber zusammenfassend, betont Poncioni-Rusnov, war „die Belastungssituation eine riesige für alle“. Sie berichtet von erhöhter Nachfrage: „Natürlich haben wir gemerkt, dass die Leute in einer Krise sind.“ Besonders die anhaltende Unsicherheit wirkt aus ihrer Sicht erschwerend.

Die Anliegen seiner Patienten sind seit Beginn der Pandemie ganz andere, erzählt Teubenbacher, der auch therapeutische Gruppen leitet: „Corona ist in den Gruppen eines der Hauptthemen. Die meisten Gruppen beginnen mit diesem Thema.“ Die Ängste seien gewachsen, erzählt er, und berichtet von Patienten, die etwa während der Pandemie einen Menschen verloren, einen ganz anderen Umgang mit ihrer Trauer finden mussten, sich nicht wie gewohnt verabschieden konnten. Auch Neupatienten seien hinzugekommen, bei ihm und bei den Kollegen, vor allem aufgrund von Mehrfachbelastungen, die sich durch die Corona-Krise ergeben: „Wenn mehrere Dinge zusammenkommen, ist irgendwann das Fass voll und dann kann man alleine nicht mehr weiter.“ Hier führt Poncioni-Rusnov beispielhaft die Doppelbelastung von Home-Office und Kinderbetreuung an. 

Bei der psychotherapeutischen Ambulanz in Wien, so Poncioni-Rusnov, wartet man derzeit nicht lange auf einen Therapieplatz und das Angebot ist niederschwellig verfügbar. Aber auch Telefon-Hotlines und virtuelle Seelsorge können helfen: „Ein Anruf kann eine kurzfristige Entlastung bedeuten, und das kann auch schon viel sein.“ Trotz Hotlines und Aufstockung genügt das Angebot in Österreich noch nicht. „Ich bin in der Praxis damit konfrontiert, dass ich jeden Tag Personen ablehnen muss“, berichtet Teubenbacher.

Die türkis-grüne Bundesregierung hat es sich zum Ziel gesetzt, den Bedarf an krankenkassenfinanzierten Psychotherapieplätzen in Österreich bis 2024 vollständig zu decken. Derzeit gibt es davon rund 80.000. Internationalen Schätzungen zufolge bestünde allerdings bei drei bis fünf Prozent der Bevölkerung Bedarf; es bräuchte in Österreich ein Vielfaches der verfügbaren Plätze. Corona hat das Thema ins Bewusstsein gerückt. „Das Verständnis für Psychotherapie musste sich erst entwickeln“, sagt Teubenbacher, denn: „Eine psychische Krankheit sehe ich nicht. Einen Gipsfuß sehe ich.“ Und Poncioni-Rusnov gibt zu bedenken: „Eine Flächendeckung ist super, hilft aber in Gemeinden, wo es einfach keine Therapeuten gibt, nicht. Da braucht es noch Lösungen.“ 

Doch jeder Einzelne kann bereits Schritte setzen, um Psychohygiene zu betreiben und inmitten der belastenden Lage Symptomen vorzubeugen. Bewegung, Zeit in der Natur und an der frischen Luft, das Aussprechen im Kreis der Familie oder bei Freunden und das Aufrechterhalten von Beziehungen, ob zu Menschen oder zu Tieren, sind wesentliche Faktoren, erklären die Experten. 

Damita Pressl
Damita Pressl
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