23.08.2020 09:00 |

Lokführer Hubert Ernst

Dieser Steirer ist seit 50 Jahren auf Schiene

Er ist Lokführer aus Leidenschaft und geht nach 50 ÖBB-Dienstjahren im September in Pension. Hubert Ernst aus St. Ruprecht /Raab kann über viel Schönes berichten, hat aber auch tragische Schicksale erlebt.

Am Bahnhof Wiener Neustadt laufen zwei Damen mittleren Alters und ein Kind aufgeregt an der Lok vorbei. Der Zug ist eigentlich schon abfahrbereit, doch der Oststeirer Hubert Ernst entsperrt noch einmal die ganze Anlage. „Das dauert jetzt 30 Sekunden, dann könnt ihr einsteigen“, ruft er den Frauen durch das Lokfenster des Railjet-Triebwagens zu. „Ich will keine Reisenden zurücklassen - das war immer mein Prinzip. Gerade wenn sie schon am Bahnsteig entlanglaufen.“ Kurz danach rollt der Zug los.

Ältester Lokführer des Landes
Erst im Mai 2020 hat der älteste Lokführer des Landes seine letzte Jahresprüfung für diverse eisenbahn-technische Betriebsabläufe absolviert. „Da bekommt man am Laptop per Zufallsgenerator 15 bis 20 Fragen eingespielt und muss diese in einer gewissen Zeit lösen. Nur wer einen sehr hohen Prozentsatz erreicht, ist auch weiterhin berechtigt, Züge zu führen.“

Für den begeisterten Läufer war es mit Sicherheit die letzte Prüfung. Am 18. September wird er seine Abschlussfahrt in den Diensten der ÖBB antreten - mit Empfangskomitee am Grazer Hauptbahnhof. So viel Ehre darf nach 50 Dienstjahren absolut sein.

Knochenbruch als Wink des Schicksals
Im Alter von sechs Jahren kommt der kleine Hubert am Ostersonntag nach der Messe nach Hause und will so schnell wie möglich sein Osternest suchen. „Doch beim Rauslaufen in den Garten bin ich so blöd gestürzt, dass ich mir am linken Arm Elle und Speiche gebrochen habe“, erinnert er sich und holt für die Geschichte ein wenig aus.

„Mein Vater war bei der Bahn. Daher war ich als Kind oft mit ihm auf der Oststrecke unterwegs, z. B. beim sogenannten Strecken-Gehen und Schranken-Treiben, die wurden ja alle händisch bedient.“

Feuer und Flamme für die Eisenbahn
Zurück zum Ostersonntag 1962. „Jedenfalls hat es zu der Zeit schon eine Direktverbindung mit einem Triebwagen der ÖBB von Weiz nach Graz gegeben. Und weil ich durch mein Missgeschick ein paar Mal ins Unfallkrankenhaus nach Graz zur Nachkontrolle musste, hat mein Vater einen Lokführer gefragt, ob er uns mitnimmt. Und dann sind wir im 5046er oder 5145er mitgefahren, dem damaligen Präsidentenwagen, der auch von Wien direkt nach Triest gefahren ist.“ Von da an war Hubert Feuer und Flamme für diesen Beruf.

Am 1. September 1970 beginnt er seine Lehre bei den ÖBB. Knapp sechs Jahre später fährt er das erste Mal eine eigene Lok auf freier Strecke - völlig ungeplant. „Ich wurde am Verschiebebahnhof zum Maschinenmeister zitiert. Der hat zu mir gesagt: ,Hubert, du bist mein bester Mann, du fährst jetzt mit dem Erz-Zug nach Selzthal.‘ Ich hab geantwortet: ,Aber ich werd doch erst Ende Juli 21.‘ Da hat er einfach gemeint: ,Du kannst das schon, da bin ich mir sicher.‘

Und dann bin ich losgefahren. Es waren dunkle Wolken am Himmel, ein Gewitter ist aufgekommen und ich hab’ fast nichts mehr gesehen mit den luftangetriebenen Scheibenwischern. Ich hörte mein Herz klopfen vor Aufregung."

Manchmal nur mit Unterhose bekleidet
Voll Leidenschaft spricht der Steirer von seinem Beruf - und von seiner Lieblingsstrecke: „Der Semmering ist für mich immer noch der schönste Eisenbahnabschnitt in ganz Österreich. Jedes Mal gewinnst du andere Eindrücke.“

In seiner Laufbahn hat der Steirer zahlreiche Entwicklungen mitgemacht: „Die Einführung der Taurus-Lok war sicher die größte. Das war eine richtige Revolution - sowohl technologisch und sicherheitstechnisch, als auch vom Komfort in der Fahrerkabine wie verdunkelte Scheiben und Klimaanlage.“

Bei den alten Loks hat es nur eine Sonnenblende zum Runterklappen gegeben. „Wenn es im Sommer heiß war, konnten wir wegen des Drucks bei 140 km/h auch die Fenster nicht öffnen. Da bin ich während der Fahrt oft nur ganz leicht bekleidet und manchmal sogar in der Unterhose dagesessen.“

„Würde wieder Lokführer werden“
Sicherheit, Pflichtbewusstsein und Pünktlichkeit stehen ganz oben auf seiner Liste. „Zwei Suizide habe ich in 44 Jahren als Lokführer gehabt“, erzählt er mit ernster Miene. . „Ich habe nach den Unfällen psychologische Betreuung in Anspruch genommen.“ Mit einem Bruder eines Opfers hat er bis heute Kontakt.

Hubert Ernst ist sich sicher: „Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich wieder Lokführer werden - mit allem, was dazugehört.“

Martin Obermayr, Kronen Zeitung

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