21.09.2010 13:50 |

"Akademikerabgabe"

Absolventen sollen für "Pleite-Unis" zahlen

Eine "Akademikerabgabe" soll die Probleme bei der Finanzierung der Hochschulen lösen. Diesen Vorschlag machte zumindest der deutsche Bildungsökonom Dieter Dohmen am Montagabend bei einer Veranstaltung der Universitätenkonferenz, der uniko, in Wien. Absolventen sollten sich verpflichten, befristet einen Prozentsatz ihres Einkommens an die jeweilige Uni zu bezahlen. Uniko-Chef Hans Sünkel (Bild links) bezeichnete dieses Modell als "durchaus diskutierbar", das Finanzierungsproblem der Unis könne aber "nur die öffentliche Hand lösen".

Für Sünkel macht es erst dann Sinn, über eine Erhöhung der privaten Beteiligung zur Hochschulausbildung zu diskutieren, wenn die öffentliche Hand bereit sei, den seit Jahren unterfinanzierten Universitäten die erforderlichen Mittel aufzustocken. Das sei aber mit Studiengebühren - in welcher Form auch immer - alleine nicht zu schaffen. Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie in Berlin, ist dagegen überzeugt, dass die - etwa durch wachsenden Qualifizierungsbedarf - absehbaren Finanzierungsprobleme der Hochschulen nicht durch öffentliche Mittel alleine gelöst werden könnten. "Das ist in Zeiten der Krise unrealistisch." Deshalb sei eine private Beteiligung an der akademischen Ausbildung unumgänglich.

Für ihn sollten nach einem Bachelor-Studium 3,6 Prozent und nach einem Master-Studium sechs Prozent des monatlichen Einkommens an die jeweilige Hochschule bezahlt werden. "Wer dann 2.000 Euro verdient, zahlt monatlich 120 Euro, wer 5.000 Euro verdient, zahlt 300 Euro als Akademikerabgabe", so Dohmen. Wird diese über sieben Jahre eingehoben, summierten sich die Einnahmen auf 10.000 bzw. 25.000 Euro.

Auch "Auslands-Akademiker" sollen zahlen
Durch eine vertragliche privatrechtliche Verpflichtung könnte man sich dieser Zahlung auch nicht durch Abwanderung in ein anderes Land entziehen, was im Fall Österreichs wegen der vielen deutschen Studenten interessant sein könnte. Weitere Vorteile sieht Dohmen darin, dass damit der Zugang zum Studium unabhängig von den finanziellen Voraussetzungen ermöglicht werde und das Modell zwischen gut und weniger gut Verdienenden, zwischen Eltern und Kinderlosen und zwischen Männern und Frauen ausgleiche. Wenn etwa nur Teilzeit gearbeitet werde oder Frauen weniger verdienen, zahle man auch weniger. Damit die Unis gleich etwas von einem solchen Modell hätten, könnten Banken mit einer Vorfinanzierung einspringen.

Den in Österreich unter dem Eindruck angekündigter Sparmaßnahmen im Hochschulbereich immer wieder gehörten Verweis auf Deutschland, wo die Bundesregierung angekündigt hat, in der laufenden Legislaturperiode zusätzlich zwölf Milliarden Euro für Bildung und Forschung aufzuwenden, ließ Dohmen nicht gelten. Aufgrund der Zuständigkeit der deutschen Länder für Bildung dürfe der Bund Bildungseinrichtungen wie etwa Universitäten nicht direkt finanzieren, es seien "nervige und kontraproduktive Winkelzüge notwendig, um das Bildungssystem aufrechterhalten zu können".

Sünkel für Selektion durch Aufnahmetest
Rektoren-Chef Sünkel betonte, dass auch die immer wieder geforderte Effizienzsteigerung an den Unis durchaus noch möglich sei, und verwies auf die Medizin-Unis, wo die Drop-out-Rate seit Einführung der Aufnahmetests von rund 50 auf nunmehr zehn Prozent gesunken sei. "Ohne diese Selektion und die Lenkung von Studentenströmen werden wir die Effizienz nicht erhöhen können", sagte Sünkel.

Der Rektor der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien, Christoph Badelt, ärgert sich über die Politik und fordert für die Unis eine "Paketlösung" mit einem Ausbau der gesicherten staatlichen Finanzierung sowie einer "Neudefinition der privaten Verantwortung". Die Universitäten liefen derzeit Gefahr, "zwischen den Sesseln zu sitzen, einer davon ist ein schwarzer, der andere ein roter", so Badelt am Dienstag. Auch er fordert Zugangsregelungen und eine gemeinsame Schule."Zugangsbeschränkungen sind schon längst da, weil die Leute nicht mehr in die Hörsäle hineinkommen oder keinen Betreuer finden", so Badelt. Derzeit sei außerdem die soziale Durchmischung in den Schulen unbefriedigend: Es gebe eine Selektion der Kinder mit sechs und mit zehn Jahren: "Und wenn sie die überstanden haben, dürfen sie sich über den freien Hochschulzugang freuen."

Studenten protestieren
Zu einem absurden Protest haben sich Studentenvertreter am Dienstag in Wien gegen die "absurde Bildungspolitik" zusammengefunden. In Anlehnung an die Geschichte "Alice im Wunderland" lud die Hochschülerschaft (ÖH) an der Universität Wien zu einer "Absurdi-tee-tsstunde" am Minoritenplatz vor das Wissenschaftsministerium, wo sie in Kostümen und einer Teestunde gegen die "realitätsferne Debatte" protestierten.

"Studierende fühlen sich wie Alice im Wunderland, die unverhofft in die Teestunde gerät und den Sinn der sich unendlich im Kreis drehenden Unterhaltung am Tisch nicht folgen kann", erklärt Flora Eder vom Vorsitzteam der ÖH Uni Wien. Es werde in der Bildungsdebatte nicht wahrgenommen, dass Forderungen nach Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen jeglichen Studien widersprechen würden. Bei der momentanen Diskussion stehe nicht Bildung an sich im Mittelpunkt, sondern das, was sie koste, kosten dürfe oder kosten solle. "Die Politiker müssen begreifen, wie groß der gesellschaftliche Wert von Bildung ist" und ausgeben was nötig sei, so Eders Kollegin im Vorsitzteam, Veronika Helfert.

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