01.08.2020 18:55 |

krone.tv in Bratislava

Feiern in Corona-Zeiten: „Maske trägt hier keiner“

Die Corona-Pandemie hat Österreichs Nachtleben in die Knie gezwungen. Seit Monaten kämpfen Clubbetreiber ums Überleben, kritisieren zudem die Toleranz gegenüber illegalen Partys. Auch vor einem Ausweichen der Partyszene nach Bratislava wurde schon länger gewarnt. Denn nur eine Autostunde von Wien entfernt, bietet die slowakische Hauptstadt feierwütigen Touristen eine große Auswahl an verschiedenen Nachtlokalen, seit 10. Juni sogar ohne Sperrstunde. krone.tv war vor Ort, um zu erfahren, wie das nächtelange Feiern in der Corona-Zeit funktioniert.

Bratislava, Samstag 25. Juli - am Vortag wurde in Wien, nur ein paar Kilometer die Donau stromaufwärts, die Maskenpflicht in vielen öffentlichen Räumen wiedereingeführt. An einen Betrieb in Nachtclubs und Diskotheken ist in Österreich nicht zu denken, Lokale müssen spätestens um 1 Uhr früh ihre Türen schließen. Was Österreichs Nachtgastronomen schon länger anprangern, ist Realität geworden: Immer mehr partyhungrige Menschen suchen ihr Glück hier in „Partyslava“, wie es von vielen Touristen mittlerweile genannt wird.

Der Zug bringt uns in einer Dreiviertelstunde vom Wiener Hauptbahnhof über die Grenze. Kontrollen gibt es kaum, lediglich zwei Polizisten gehen durch den Waggon und wollen den Ausweis von einigen wenigen sehen. Dort angekommen, geht es gleich in die Innenstadt, das Zentrum des Nachtlebens.

„Im Club trägt keiner eine Maske“
Vor dem Szeneclub „Dunaj“ (Anm.: slawisches Wort für Donau) treffen wir Anna und ihre Freundin. Sie wollen wie jeden Samstag die Nacht durchtanzen, von Masken halten sie nicht viel: „Wenn man die richtigen Typen kennt, kann man hier sogar bis 6 Uhr feiern, Maske trage ich keine.“ Auch in Prag waren sie im Juli bereits feiern, die Stimmung sei dort aber nicht so gut wie hier in Bratislava gewesen.

Drinnen im Club bereiten sich DJ und Tontechniker gerade auf die heutige Hip-Hop-Party vor. Der Mann an den Platten, DJ Mercy, erzählt uns, dass sie am gestrigen Abend wiedermal voll gewesen seien: „Da das Feiern in vielen anderen Städten nicht möglich ist, kommen alle Touristen zu uns, das ist schon sehr schräg.“ Zwar gibt der Staat den Clubs gesundheitliche Schutzmaßnahmen wie Maskenpflicht, Mindestabstand und Händedesinfektion vor, daran halten sich jedoch die wenigsten, wie auch Mercy zugeben muss: „Hier im Club trägt keiner eine Maske.“

Ein bisschen ernster geht Andrej, der Tontechniker des Dunaj, an die Sache heran. Um sich und seine Familie zu schützen, trägt er bei der Arbeit so oft es möglich ist einen Mund-Nasen-Schutz, vor allem drinnen: „Mein Chef weiß über alle staatlichen Vorschriften Bescheid, aber sie werden immer weniger, es geht immer mehr in Richtung Normalität.“ Das Dunaj hat außerdem das Glück, eine große Terrasse zur Verfügung zu haben. Im Corona-Sommer würden sich Partygäste dort am wohlsten fühlen.

Ein paar Ecken weiter geht es im „Wax“ bereits heiß her auf der Tanzfläche. Es ist bereits nach 1 Uhr, in Österreich wäre schon alles zu. Da die Sperrstunde aufgrund stabiler Infektionszahlen (mit aktuellem Stand gibt es in der Slowakei knapp 2300 bestätigte Infektionen und 29 Todesfälle) bereits am 10. Juni wieder auf 4 Uhr ausgeweitet wurde, kommen die Partys hier erst richtig in Schwung.

An den Eingängen fragen Securitys gelegentlich nach der Maske, ein Spender mit Desinfektionsmittel steht, so wie in den meisten anderen Clubs, auch bereit. Im Innenbereich ergibt sich aber schon bald ein anderes Bild: keine Hemmungen mehr, was den Abstand betrifft, nur vereinzelt tragen die Leute noch Maske.

„Hier in Bratislava kannst du leben“
Auf den Straßen tummeln sich mittlerweile viele Feierwütige, die Stimmung ist ausgelassen. „In Wien hat entweder alles zu oder die Leute sind unfreundlich, hier in Bratislava kannst du leben“, meint Adam, ein gebürtiger Slowake, der in Wien wohnt. Ela, eine Einwohnerin, erzählt uns, das 70 Prozent der Partygäste aus dem Ausland kommen würden. Beunruhigend findet sie das keineswegs, schließlich müsse man „keine Angst vor dem Coronavirus haben“.

Die Sorge, sich, wie etwa letzte Woche in einem Club in Prag, anzustecken und dann infiziert wieder nach Hause zu fahren, haben die wenigsten. Viel öfter bekommt man dafür das Wort „Hausverstand“ zu hören. So auch von Marcel und Daniel, sie wohnen etwas außerhalb von Bratislava. Wir treffen die beiden am Weg zur nächsten Location: „Wir halten uns an die Vorschriften, meiden enge Räume. Wir selbst bleiben meistens auf der Terrasse und gehen nicht in Clubs, die komplett überfüllt sind“, so Marcel.

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Sollen wir unser Leben aufgeben?

Daniel, 27

Etwas emotionaler auf das Thema reagiert sein Freund: „Ich glaube, dass Bratislava sehr gut damit umgeht. Was sollen wir junge Menschen machen? Sollen wir unser Leben aufgeben? Aufhören, auf Urlaub zu fahren und überall Fieber messen? Das geht nicht.“

„Es wird ja trotzdem gefeiert“
Die Partynacht neigt sich dem Ende zu. Vor dem Underground-Club „Radost“ steht eine Gruppe junger Österreicher. Von drinnen dröhnt laute Technomusik nach außen, die Partytruppe gönnt sich zwischen dem Tanzen eine Rauchpause. „In Wien picken die Leute auch aufeinander, was macht es für einen Unterschied, ob ich jetzt hier oder in Wien was mache?“, fragt eine von ihnen zurück. Ein schlechtes Gewissen hat auch einer ihrer Freunde nicht: „Ich habe dort meine Nummer und meinen Namen angegeben. Wenn hier also ein positiver Corona-Fall bestätigt werden sollte, werde ich informiert.“

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In Wien picken die Leute auch aufeinander.

Maria, 23

Die Gruppe wünscht sich im Endeffekt das, was Clubbetreiber in Wien schon lange fordern: ein schrittweises Öffnen der Clubs wie hier in Bratislava. Unter strengen Auflagen könne man damit angeblich sogar mehr Sicherheit für die Menschen schaffen, als die jetzige Situation es hergeben würde, wie einer der Freunde meint: „Die Partys finden ja trotzdem hinter verschlossenen Türen statt, es wird halt in die Illegalität gepusht. Wenn sich dann Cluster bilden, kann man die absolut nicht nachvollziehen. In den Clubs könnte man die Menschen mit Contact-Tracing wenigstens nachverfolgen.“

Es ist mittlerweile 4 Uhr früh, wir verabschieden uns und machen uns auf den Weg zurück zum Bahnhof. Unsere Landsleute verschwinden wieder in der Dunkelheit des Clubs, dort geht die Party noch bis in die Morgenstunden weiter.

Markus Steurer
Markus Steurer
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