16.07.2020 06:00 |

„Krone“-Interview

Ellie Goulding: „Man muss Liebe annehmen können“

Fünf Jahre nach ihrem letzten Album sorgt sich Ellie Goulding auf dem neuen Werk „Brightest Blue“ um die Probleme in modernen Beziehungen und besingt Oden an die Selbstbestimmung und den Feminismus, ohne bewusst feministisch zu sein. Im „Krone“-Interview entwirrt sie die Knoten ihrer Inhalte und erzählt mitunter auch, wie die letzten Jahre sie menschlich verändert haben.

Fünf Jahre sind seit dem letzten Album von Ellie Goulding ins Land gezogen. Im schnelllebigen Musikbusiness ist das eine halbe Ewigkeit, doch der britische Popstar ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Goulding zog für einige Zeit nach New York, um sich auf sich selbst und die neue Lebenssituation konzentrieren zu können. Ununterbrochen auf Tour zu sein hat die selbstverordnete Pause verlangt, doch mit frischen Ideen und einem leergeräumten Kopf arbeitete sie ab 2018 aktiv am neuen Album „Brightest Blue“. Der Terminus „Feeling blue“ steht sinnbildlich für „schlechte Laune“, womit Goulding in den letzten Jahren öfter zu kämpfen hatte. Mehr denn je ist das Werk persönlich und emotional ausgefallen, Goulding lässt den Hörer tief in ihr Seelenleben blicken.

Dass sie ihr privates Glück mit Ehemann Caspar Jopling auf ihrem vierten Album verarbeitet, ist übrigens nur ein Gerücht. Die Ehe verlaufe viel zu harmonisch und schön, um daraus Inspirationen für Songs ziehen zu können, bekannte Goulding in diversen Interviews. Einmal mehr hat Goulding alle Nummern selbst geschrieben und überall Hand angelegt. Auf dem Hauptteil des Werkes zeigt sie uns ihre Verletzlichkeit, auf der zweiten, etwa 15 Minuten langen Seite geht es um Selbstsicherheit, Mut und Furchtlosigkeit, gestärkt durch Kooperationen mit u.a. DJ-Star Diplo, den viel zu früh verstorbenen Juice WRLD oder Lauv. „Brightest Blue“ ist gleichermaßen eine vertonte Bilanz eines Lebensabschnitts der Künstlerin, als auch ein Mahnmal für die Komplexität von Beziehungen in der digital gesteuerten Gegenwart.

„Krone“: Ellie, zwischen „Delirium“ und deinem brandneuen Album „Brightest Blue“ sind ganze fünf Jahre ins Land gezogen. Eine Ewigkeit im Popgeschäft - was hat dich so lange aufgehalten?
Ellie Goulding:
Gute Frage. Nach „Delirium“ war ich einige Jahre auf Tour und permanent unterwegs. Nicht nur in Europa, sondern auch in Übersee und wieder retour. Danach ging es zurück nach London und von dort bin ich für ein paar Jahre nach New York gezogen. Das war eigentlich der Hauptgrund, denn ich habe zwar immer Musik aufgenommen und viel geschrieben, aber ich wollte dort wirklich aktiv Zeit verbringen und in die Stadt eintauchen. Ich habe auch mein Management gewechselt. Ich war  lange nicht bereit, in dieses Leben einzutauchen und wieder voll in den Business-Modus zu schalten. Das Leben kann dadurch ziemlich stressig sein und ich wollte es einfach genießen, einmal in Ruhe an nur einem einzigen Platz zu leben.

Auf deinem Instagram-Kanal hast du einmal geschrieben, dass du dich in den letzten Jahren öfters „blue“ gefühlt hast, was übersetzt „schlechte Laune“ bedeutet. War das der Grund für den Albumtitel?
Ich habe mit der Zeit meine Emotionen und Gefühle so zu behandeln gelernt, dass ich auch in schlechten Phasen kreativ sein konnte. Ich habe akzeptiert, dass man schlechte Tage nicht einfach auslöschen kann. Dass es okay ist, wenn man sich nicht gut fühlt und ein Tag einmal nicht so produktiv ist. Ich hatte mit Ängsten und Traurigkeit zu kämpfen, war oft melancholisch. Irgendwann habe ich verstanden, wie ich damit umgehen und die vermeintlich negativen Seiten zu etwas Gutem nutzen kann. Der Albumtitel erschien mir eine gute Möglichkeit, meine Traurigkeit für andere beleuchten zu können.

Hast du dich auf diesem Album mehr denn je geöffnet? Ist es das persönlichste Album deiner bisherigen Karriere?
Ich hatte zumindest die bislang meiste Zeit, um mich zu erforschen und in gewisser Hinsicht auch wiederentdecken zu können. Ich habe sehr viel Weisheit freigesetzt, die ich in mir hatte, konnte ein paar Knoten entwirren und auch sehr viel reflektieren. In dieser Hinsicht ist „Brightest Blue“ wohl das ehrlichste Album meiner Karriere. „Halcyon“ war 2012 nach außen hin vielleicht noch etwas persönlicher. Da habe ich wirklich sehr viel von mir preisgegeben, aber ich glaube, dass „Brightest Blue“ in gewisser Weise tiefere Einblicke gibt. Ich habe gewisse Schicksale akzeptiert und es geht in den neuen Texten viel öfter darum, eine Frau zu sein und dieses Frausein darzustellen. Dahingehend war ich sehr offen.

Hast du in der langen Reflexionsphase neue Perspektiven oder Erkenntnisse über dich selbst gewonnen?
Die Musik ist der Weg, wo ich mich selbst am besten verstehen lerne. Es schwirrt mir immer viel im Kopf herum, Dinge beschäftigen oder sorgen mich und erst wenn ich sie niederschreiben kann, fühle ich mich besser. Dann verstehe ich oft auch, warum etwas wie passiert oder eintrifft. Songwriting war schon immer wichtig, um über mich reflektieren zu können.

Einer meiner Favoriten von den vielen guten neuen Songs ist „How Deep Is Too Deep“. Konntest du dir diese Frage mit dem Song beantworten?
Nein, leider nicht. (lacht) Im Prinzip geht es darum, wann etwas zu ernst wird oder wann man sich vielleicht zu weit aus dem Fenster lehnt. Ich erforsche mein persönliches menschliches Verhalten durch den Song und versuche zu verstehen, warum manche Menschen sich in Beziehungen nicht bekennen können oder warum offensichtlich Passendes hinterfragt wird. Natürlich gibt es dafür genug psychologische Gründe, aber ganz so weit geht die Nummer dann nicht. Manchmal hätte man auch den Wunsch, in einer Beziehung tiefer gehen zu können. Dieses Problem kennen ja nicht nur Frauen per se, sondern alle Menschen.

Ein starkes Statement ist auch die vorab ausgekoppelte Single „Power“, die sich primär um das Beziehungsleben im 21. Jahrhundert, Social-Media-Plattformen, Oberflächlichkeiten und materielle Dinge dreht. Bist du selbst sehr stark mit all diesen Dingen oder Problemen konfrontiert?
Ich persönlich nicht, aber ich bin auf den Social-Media-Kanälen sehr präsent und kriege natürlich gut mit, wie sich die Leute ihre gefälschten Realitäten aufbauen und manchmal den Bezug zu sich selbst verlieren. Beziehungen werden heutzutage automatisch von Social Media gesteuert, das ist mittlerweile fast unausweichlich. Wenn du jemanden auf der Straße triffst oder auf ein Date gehst und den Namen hast, kannst du so gut wie alles über diese Person in weniger als einer Minute wissen. Du brauchst dafür nur ihre Instagram- oder Facebook-Accounts. All das hat unweigerlich Konsequenzen auf das Dating und das Beziehungsleben generell.

Ist das Album mit Songs wie „Woman oder „New Heights“ auch ein feministisches Statement?
Es war jetzt nicht direkt die Intention, aber wenn du mich so fragst, ist es eher ein feministisches Statement, als dass es keines wäre. Ich habe auf jeden Fall meine eigene Stärke und meine eigene Identität erforscht. Ich will mich gut fühlen mit dem Album und ich will auch, dass es anderen so geht, aber als feministisches Album würde ich „Brightest Blue“ nicht sehen. Die Songs drehen sich viel mehr um Beziehungen an sich und ihre Auswirkungen durch Mechanismen der modernen Zeit. Feministisch ist das Album in der Hinsicht, dass Frauen und Männer selbstständig sein sollen. Sie sollen machen, was sie für richtig halten. Wenn ich schreibe, geht es aber eher um die Beziehungen und Verhaltensmuster von Menschen an sich. Bei Männern geht es oft mehr um die Kraft, als um die Substanz dahinter oder die Liebe. Frauen sind aber imstande, sich damit identifizieren zu können und natürlich habe ich das Gefühl, in einer von Männern dominierten Welt zu leben. Vielleicht rückt das unbewusst auf das Album. Ich weiß es aber gar nicht so genau.

In der Mitte des Albums hast du den Zweiminüter “Ode To Myself“ platziert. Ist das ein für dich wichtiges Statement? Eine Art Ausruf des Optimistischen und Lebensbejahenden, den du dir angeeignet hast? 
Es ist ein Schlüsselmoment des Albums, das ist schon richtig. Es geht auf “Brightest Blue“ vor allem darum, dass du dich selbst liebst und respektierst, dass du deinen Wert erkennst und Liebe auch annehmen kannst. Man kann dann auch leichter über Hürden drüberkommen. Viele Menschen stecken in härteren Kämpfen als es für sie gesund ist und man muss sich manchmal auch selbst wertschätzen und stolz fühlen. Das ist ganz wichtig.

Ein schöner Song ist auch “Love I’m Given“. Ist der Song ein Statement für deinen Ehemann Caspar Jopling? Hast du ihn für ihn geschrieben?
Auch der Song ist eher generell gemeint. Mit der simplen Botschaft, dass du genau die Art von Liebe erhalten wirst, die du anderen geben kannst. Im Leben geht es doch auch darum, immer die beste Version eines selbst zu sein und das zu vermitteln. Dann fühlst du dich gut und lebendig und wenn du dich so anderen gegenüber verhältst, wirst du auch ein total anderes Feedback auf dich selbst zurückbekommen. Ich habe den Song nicht dezidiert auf Caspar hingeschrieben, aber es geht definitiv um ein Gefühl, das auch in einer Beziehung vorkommt. Ich fürchte, ich überdenke gerade alles viel zu kompliziert. (lacht)

Gibt es nun eine richtige Geschichte, einen Faden, der sich durch das ganze Album zieht und die einzelnen Songs alle miteinander verknüpft?
Wenn ich die Zeit, die Möglichkeiten und vor allem das Geld dafür zur Verfügung gehabt hätte, hätte ich einen großen Film daraus gemacht. Nichts davon stand mir aber zur Verfügung. (lacht) Das Thema wäre einfach sehr schön cinematisch umzusetzen gewesen. Ich habe mir schon bei den einzelnen Videos überlegt, wie ich dieses große Beziehungsthema gesamt umsetzen könnte.

Ist diese Idee jetzt komplett gestorben, oder verfolgst du die filmische Umsetzung eines Albums auch weiterhin?
Ich werde versuchen, es in den Liveshows zu verknüpfen. Es wird auf jeden Fall sehr viele visuelle Details und Specials geben, wie das Thema auch optisch sehr gut widergeben.

Du hast auch wieder an allen Songs selbst mitgeschrieben und hattest so ganz allgemein überall deine Hände im Spiel, was im heutigen Pop-Business nicht immer selbstverständlich ist. Wie wichtig ist es dir, aktiv an allem dabei zu sein und das Produkt wirklich deines werden zu lassen?
Sehr wichtig. Alle Texte kommen von mir, ich spiele viele Instrumente selbst und mische mich auch bewusst in der Produktion ein. Je mehr ich mich einbringe, umso persönlicher wird das Ergebnis und mehr als alles andere sehe ich und bezeichne ich mich als Songwriterin.

Du hast oft gesagt, dass dir das Songwriting die Möglichkeit des Ausbruchs und Eskapismus liefert. Aber ist so ein Ausbruch überhaupt möglich, wenn die Songs prinzipiell sehr persönlich ausfallen?
Doch, das geht schon. Wenn ich sie singe oder aufführe, dann vergesse ich die ursprünglichen Emotionen oder Bedeutungen, die dahinterstecken. Man verliert die Verbindung zu sich selbst, was auch gut sein kann, weil dann deine Live-Performance etwas objektiver und verständlicher zu erfassen ist. Vor allem, wenn du einen Abend nach dem anderen auftrittst, ist es wichtig, sich selbst von den Texten abzukoppeln. Es wäre manchmal zu intensiv, wenn man die ursprüngliche Intention hinter persönlichen Lyrics immer komplett spüren würde.

Auch musikalisch ist “Brightest Blue“ einmal mehr eine leichte Abkehr vom bisherigen. Du hast deinen Sound immer leicht verändert und adaptiert, aber so etwas wie das Interlude “Wine Drunk“, wo man eine industrielle Atmosphäre verspürt und die Autotune über deine Stimme gelegt hast, hätte man so wohl nicht erwartet. Ist dir der Zeitgeist am Ende sehr wichtig?
Vielleicht, darüber habe ich aber nicht gedacht. Das passiert wohl auch deshalb, weil ich moderne Musik höre. Ich habe viel Bon Iver, Francis And The Lights, Kanye West, Solange und Frank Ocean gehört. Ich habe hauptsächlich Musik gehört, die mich direkt beeinflusst hat und dann passiert dir ein modernes Album. Es gibt auch viele klassische Elemente auf dem Album, aber du hast schon recht, ein moderner Zugang ist sicher klar zu erkennen.

„Flux“ ist ein gutes Beispiel für einen sehr epischen Song mit orchestralem Arrangement. War das bewusst geplant, speziell einen solch wuchtigen Song auf das Album zu stellen?
Ich wollte die Idee romantisieren, dass du dich jemanden, den du gut und gerne hättest innig lieben können, im Endeffekt nicht ausreichend geöffnet hast. Ich wollte diese romantische Idee quasi als Anti-Ballade umsetzen, sie aber trotzdem wuchtig klingen lassen. Ich bin ein großer Fan davon, dass ich aus nichts etwas Großes generieren kann. Ich stehe total auf die Dramatisierung einer Thematik. (lacht)

Du bist bekanntermaßen jemand, der sich sehr für das Klima einsetzt und sich auch beim “Black Lives Matter"-Thema nie ein Blatt vor den Mund genommen hat. Willst du aber solche Themen bewusst von deiner Musik abkapseln?
Ich versuche einfach die Plattform, die ich habe, für gute Dinge zu nützen. Meine Texte und meine Kunst sind davon nicht direkt betroffen, aber manchmal fällt es mir auch zu schwer, Dinge in Songs zu verwenden, die mir wirklich Sorgen machen oder die mir sehr wichtig sind. Ich habe gerne eine Stimme, die gehört wird.

Fühlst du dich verantwortlich als Mensch im Rampenlicht eindeutige Statements abzugeben und dich klar zu positionieren, sodass es auch unmissverständlich in der Öffentlichkeit ankommt?
In gewisser Weise glaube ich, dass du als Künstler die Verantwortung trägst, über Tagespolitisches oder aktuelle Dinge zu sprechen. Es gibt aber Sachen, die man nicht mehr ignorieren kann und da muss ich dann das große Bild sehen. Es hat einen Einfluss auf die Kultur und ich habe viele Fans, die ich erreichen kann. Insofern ist es mir wichtig, meine Themen nach außen zu bringen. Ich kann nicht leugnen, dass man mir zuhört, weil eben viele Leute da sind, die darauf achten, was ich zu sagen habe. Es geht nun darum, diese Position gut zu nützen und die Leute auf Dinge aufmerksam zu machen, die schwer verbesserungswürdig sind. Ich bin doch sehr privilegiert und das will ich positiv einsetzen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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