23.06.2020 14:03 |

Coronavirus-Warnung

„Gefahr wird in Österreich massiv unterschätzt“

Glasklare Worte hat der Wirtschaftssoziologe Bernhard Kittel zur nach wie vor schwelenden Corona-Krise in Österreich gefunden. In einem Vortrag gab der Forscher am Dienstag zu bedenken, dass der derzeitige Umgang mit dem Thema teilweise „nonchalant“, also nachlässig, sei. „Das Weiterbestehen der Gefahr wird derzeit in Österreich massiv unterschätzt“, so Kittel, der auch vor den wirtschaftlichen Folgen eines eventuellen zweiten Lockdowns warnte.

In Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftern führte der Forscher vom Institut für Wirtschaftssoziologie an der Universität Wien seit Ende März unter rund 1500 Österreichern eine wiederkehrende Befragung zu Einstellungen und Wahrnehmung, Reaktionen etc. im Zusammenhang mit der Corona-Krise durch.

Vortragsreihe „Wien erforscht Corona“
Beim „Austrian Corona Panel“ geht es etwa um das gefühlte Gesundheitsrisiko, die wirtschaftlichen Effekte oder um die Zustimmung und Befolgung der von der Regierung verhängten Maßnahmen zur sozialen Distanzierung, erklärte Kittel beim Auftakt einer Online-Vortragsreihe mit dem Titel „Wien erforscht Corona“ des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds, der das Projekt als eines von insgesamt 24 Vorhaben mit Corona-Bezug in einem eigenen Förderprogramm unterstützt hat.

Reibungslose Anpassung an „sehr einschneidenden Maßnahmen“
Insgesamt habe ihn die schnelle, reibungslose Anpassung der Bevölkerung und die hohe Zustimmung „zu sehr einschneidenden Maßnahmen“ hierzulande überrascht, sagte Kittel. Österreich steche im internationalen Vergleich als Land heraus, wo schnell, „aber in einer sehr starken obrigkeitsstaatlichen Weise“ auf die Bedrohung reagiert wurde. Woanders habe sich wesentlich mehr Protest in der Bevölkerung geregt.

„Vieles wurde relativ rasch über Bord geworfen“
So war die österreichische Bevölkerung in hohem Ausmaß bereit, die Maßnahmen zu befolgen. Vieles wurde jedoch relativ rasch „über Bord geworfen“, als Lockerungen in Aussicht gestellt wurden, erklärte der Wirtschaftssoziologe. Die verschiedenen Erhebungswellen würden nun eine gewisse Gewöhnung an das Leben mit dem Virus, einen starken Wunsch nach Normalisierung, Krisenmüdigkeit und das zunehmende Verlangen nach Begründungen für Maßnahmen durch Evidenz offenlegen.

Immer noch zeige sich zwar der größte Teil der befragten repräsentativen Stichprobe „durchaus einverstanden mit den Maßnahmen“. Ein „ambivalentes Bild“ habe die Bevölkerung jedoch bezüglich der Darstellung der Gefahr durch die Regierung, etwa mit den Ende März in den Raum gestellten, möglicherweise 100.000 Covid-19-Toten in Österreich.

Lockerer Umgang mit dem Virus als „Tanz auf dem Vulkan“
Es stehe zu befürchten, dass die Bundesregierung nun sozusagen ihr Pulver für den Umgang mit einer etwaigen späteren Verschärfung der Situation verschossen habe. Insofern fürchte er sich am meisten davor, „was passiert, wenn es nochmals zu einem Lockdown kommt“, sagte Kittel. Vor allem die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen wären dann voraussichtlich deutlich größer, denn aktuell fange die Kurzarbeit vieles ab. Der nun vielfach gelebte lockere Umgang sei auch ein „Tanz auf dem Vulkan“. Er selbst nehme sich in dem Zusammenhang auch nicht aus, konstatierte Kittel.

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