30.04.2020 06:00 |

Reinhard P. Gruber

Streitschrift gegen die Pandemie des Geldes

Eigentlich hatte sich Reinhard P. Gruber aus dem Literaturbetrieb zurückgezogen. Doch mit dem Blick auf die Welt hat es in ihm zu brodeln begonnen. „Anders denken“ nennt sich die Streitschrift, die dabei entstanden ist.

Gegen eine Pandemie schreibt Reinhard P. Gruber in seinem neuen Buch an. Doch die Plage der Zeit heißt bei ihm nicht Corona, sondern nennt sich Ökonomie - also die wirtschaftlichen Strukturen, in denen wir leben: „Menschlichkeit, dieses Wort haben die Ökonomen vergessen und durch Profit ersetzt“, schreibt er.

Genau diese Rückkehr zur Menschlichkeit fordert er in seinem neuen Buch ein. „Die Gedanken haben sich schon lange aufgestaut“, erzählt er der „Krone“ am Telefon. Am 7. Februar hat er sich hingesetzt und mit einem Tagebuch begonnen, das sich in gut sechs Wochen zu einer wütenden Streitschrift entwickelt hat, die nun im Grazer Droschl-Verlag erscheint.

Gegen Politik, Kirche und Wirtschaft
Tag für Tag arbeitete er darin all jene Systeme ab, die unser Leben bestimmen, die uns als unersetzlich verkauft werden, aber unserem Leben schon lange nicht mehr helfen: Politik, Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Kirche - all das hinterfragt er auf seinen Wert für eine gute Zukunft. Es geht ihm im Angesicht der Klimakrise nicht nur ums blanke Überleben, sondern um ein „Überleben, das sich auch auszahlt.“

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Im 21. Jahrhundert ist nichts mehr geblieben von den Resten von Wahr- haftigkeit, Aufrichtigkeit, Menschlichkeit. Jede Verteidigung von Positionen ist abgesackt zur Verteidigung von penetranten Lügen. Und die penetrantesten Lügner führen die Staaten an.

Reinhard P. Gruber

Und so startet er einen kritischen Rundumschlag: Er beschreibt ein politisches System, das längst der „Gottheit des Wirtschaftswachstums“ gehorche. Er sieht eine Gesellschaft, in der „die Aufrechterhaltung der brutalen Geldgier“ mehr gelte als die „Charta der Menschenrechte“. Und er prangert die Kirchen an, die bis heute noch nie „eine Wahrheit vertreten haben, die von einer Frau mitbestimmt wurde“.

Für ein bedingungsloses Grundeinkommen
Entschieden schreibt er gegen die Zwänge der Arbeitswelt an, fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen und sieht in Robotern eine Lösung: „Wenn die Roboter zu ihrem wahren Zweck eingesetzt werden, nämlich zur Erleichterung der Menschheit und nicht zur Vermehrung des Reichtums der oberen zehn Prozent, dann wird die Arbeit stufenweise verschwinden, und mit ihr auch die Autos, die notwendig waren, um zur Arbeit zu fahren.“

Doch mehr Freizeit bedeutet für Gruber nicht unbedingt mehr Urlaub. So nimmt er auch unser Reiseverhalten ins Visier: „Fliegen müssen nur Vögel. Wer von den Menschen glaubt, er müsse fliegen, der hat einen Vogel.“

Das einfache Leben hat eine große Qualität
Stattdessen plädiert er für eine neue Einfachheit: „Einfach heißt hier keinesfalls primitiv. Einfach heißt hier einfach sinnvoll. Mit der Einfachheit steigt auch die Qualität“, schreibt er. Genau das würden viele von uns ja in der aktuellen Corona-Krise erkennen. Für Gruber selbst hat diese übrigens keine großen Einschränkungen bedeutet: „Ich lebe ohnehin schon längere Zeit als Einsiedler.“

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Vor uns stehen die Alternativen. Nie hinter uns. (...) Das Kriechen als Abhängige hatten wir schon: Jetzt wollen wir aufstehen und gehen, nämlich fortgehen von den Fesseln, die uns die Religion und der Kapitalismus angelegt haben.

Reinhard P. Gruber

Und so ist „Anders denken“ zwar eine wütende Anklage, aber kein pessimistisches Buch: „Ich erlaube mir immer noch, Hoffnung für die Zukunft zu haben“, sagt Gruber am Telefon. In Jugendbewegungen wie „Fridays for Future“ sieht er ein positives Signal: „Sie erlauben es sich, die Mächtigen und ihre globalen Systeme generell zu hinterfragen. Das gefällt mir“, erzählt er.

Geistiger Reichtum statt finanzielle Gier
In seinem Buch plädiert er dafür, Reichtum neu zu definieren: „Der neue Reichtum besteht nicht im Geld-Besitz, im Kapitalisten-Sinn, sondern im Geistigen: in einem erfüllteren, viel reichhaltigeren Leben mit weitaus mehr Möglichkeiten als jemals zuvor“, schreibt er in seinem Buch.

So wie Gruber mit „Anders denken“ der Welt die Stirn bietet, fordert er uns auf, die Systeme, in denen wir leben, nicht als gottgegeben hinzunehmen: „Alle Denkverbote auf diesem Planeten müssen aufhören!“

Christoph Hartner
Christoph Hartner
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