26.07.2010 15:58 |

Aufregung in Graz

Ausgebüxte 20-Kilo-Schlange hat sich gut versteckt

Die Bewohner der Christophorus-Siedlung in Graz werden wohl noch längere Zeit auf der Hut vor jener drei Meter langen und 20 Kilogramm schweren Würgeschlange sein müssen, die aus der Wohnung eines 52-Jährigen ausgebüxt ist. Die Suchaktion nach der Boa Constrictor - sogar Grazer Polizeischüler hatte man als "Schlangenjäger" losgeschickt - wurde Montagmittag wegen Erfolglosigkeit abgebrochen. Das Tier hatte am Sonntagabend seinen Halter beim Füttern attackiert, worauf dieser flüchtete und die Schlange bei gekippter Balkontür in der Wohnung zurückließ.

Die Schlange lebte seit etwa zehn Jahren bei ihrem Besitzer in der Siedlung nahe dem Magna-Werk im Süden von Graz. Am Sonntag soll das Tier versucht haben, den 52-Jährigen zu würgen. Gegen 14 Uhr flüchtete der Mann aus seiner Wohnung. Davor hatte er dem Reptil noch einen Hasen zu fressen gegeben. Als der Grazer gegen 20 Uhr zurück in seine Wohnung kam, konnte er sein Haustier nicht mehr finden und alarmierte daraufhin die Polizei.

Sofort wurde die Suche nach der von der Polizei für Kinder und Haustiere gefährlich eingestuften Boa eingeleitet. Bis Mitternacht wurde auch mit Wärmebildkameras gesucht, jedoch ohne Ergebnis.

Polizei: "Eher wird ein Passant das Tier finden"
Am Montag ist die Suche nach der Würgeschlange dann erst gegen 11 Uhr wieder aufgenommen worden. Rund 30 Polizeischüler und andere Helfer gingen daran, den Keller und Gärten der Christophorus-Siedlung zu durchkämmen (Bild). Doch schon nach Mittag wurde die Suchaktion wegen Erfolglosigkeit wieder eingestellt.

"Wir glauben mittlerweile, dass eher ein Passant das Tier finden wird," so Einsatzleiter Willibald Thaller. Falls nicht, könne die Boa theoretisch bis in den Herbst mit Beute, die sie sich fängt, überleben. Wenn es kälter wird, müsste sich das Tier ein warmes Plätzchen suchen, ansonsten stirbt es bei frostigen Temperaturen.

Aufregung und Unsicherheit bei Anrainern
Beinahe wie zu Ostern, wenn Kinder nach versteckten Eiern suchen, hat die Szenerie in Graz gewirkt. Die Polizeischüler durchforsteten den Kürbisacker neben der Siedlung, stocherten in den Büschen herum und suchten gespannt nach der ausgebüxten Würgeschlange. Obwohl der Kindergarten neben der Siedlung bereits vor Eintreffen der ersten Schützlinge komplett durchsucht wurde, war der Ort einigen Eltern wohl nicht sicher genug. Als sie ihren Nachwuchs brachten und die Warnhinweise der Polizei lasen, packten einige die Kleinen wieder ein. Kinder, die trotzdem in der Betreuungseinrichtung dortblieben, durften am Montag nicht im Garten spielen.

Die meisten Anrainer dagegen zeigten sich wenig besorgt: Eine Nachbarin des Boa-Besitzers meinte, sie habe keine Angst vor der Schlange und sprach wegen des Polizeiaufgebots von einem "richtig aufregenden Tag". Ein Paar mittleren Alters aus dem Nebenhaus hingegen ließ kein gutes Haar am Tierhalter: "Das ist ein Wahnsinniger, eine bodenlose Frechheit. Wir haben gestern noch unseren kleinen Hund rausgelassen." Sobald sie erfahren hätten, dass eine Schlange entkommen war, hätten sie ihn reingeholt - und auch andere Nachbarn fingen ihre Katzen schnell noch ein.

Schlangenexperte kritisiert: Suchaktion zu spät gestartet
Für Unstimmigkeiten sorgte die lange Pause vor Beginn der Suchaktion am Montagvormittag. Seitens der Polizei begründete man den späten Einsatz damit, dass das Reptil erst mit der Tageserwärmung aktiv wird und dann leichter zu finden sei. Einer von mehreren Schlangenexperten, die am Montag ebenfalls an Ort und Stelle waren, bezweifelte aber die Sinnhaftigkeit dieser Vorgangsweise: Der große Sucheinsatz hätte viel früher erfolgen müssen. "So wie die suchen, finden sie die Schlange nie, weil sie hätten schon um 5.00 Uhr früh beginnen müssen", meinte Klaus Müller vom Reptilien-Notdienst.

Außerdem wüssten die Beamten nicht einmal, wo sie überall suchen müssten, denn die Schlange könne auch in Baumwipfel, im Motorraum des Autos am Parkplatz oder gar in eine andere Wohnung gelangt sein. Eine Suche mit Wärmebildkameras sei auch sinnlos, da sich die Schlange der Umgebungstemperatur anpasse und daher auch auf eine Entfernung von zwei Meter nicht sichtbar sei.

"Einen kleinen Hund frisst sie sicher"
Wer der Schlange begegnet, solle sich ruhig verhalten und sich langsam vom Tier wegbewegen. Auch Erwachsene sollten mit einer Würgeschlange in dieser Größe jedenfalls nicht spaßen: "Ab drei Meter ist ein Python oder eine Boa lebensgefährlich", meint Robert Riener, Reptilienkurator im Haus des Meeres in Wien. "Kleinkinder passen durchaus ins Beuteschema."

Und auch wenn die in Graz entwichene Boa vor ihrer Flucht noch einen Hasen gefressen hätte, satt sei sie deshalb nicht, so Riener. Eine Chance auf weitere Beute würde das Tier durchaus wahrnehmen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. "Einen kleinen Hund frisst sie sicher. Wer weiß, wann sich wieder die Gelegenheit dazu bietet", erklärte der Experte das Instinktverhalten der Boa.

Reptilien in Österreich meldepflichtig
Seitens des Veterinäramtes Graz hieß es, dass derzeit geprüft werde, ob die Schlange - wie laut Gesetz verordnet - registriert ist. Etwa 100 gefährliche Tiere, darunter Würgeschlangen, Spinnen und Skorpione, sind in der steirischen Landeshauptstadt gemeldet.

"Abertausende" Reptilien werden hingegen in ganz Österreich gehalten, schätzt Haus-des-Meeres-Experte Riener. Zwar sei die Haltung meldepflichtig, dennoch dürfte es eine sehr hohe Dunkelziffer geben. Die Größenordnung könnte sich durchaus in den Dimensionen von Hunden oder Katzen bewegen. Dementsprechend regelmäßig kommt es vor, dass Reptilien entfleuchen - oder ausgesetzt werden. "So genau weiß man das nicht", sagt Riener.

"Das sind praktisch Wegwerftiere"
Neben Boas sind vor allem Wasserschildkröten, Bartagame und Grüne Leguane sehr leicht zu bekommen und entsprechend günstig. "Die Tiere werden klein und billig gekauft. Dann werden sie zu groß oder zu teuer oder schlicht langweilig. Die Besitzer setzen sie aus oder bringen sie zu den Aufnahmezentren. Das sind praktisch Wegwerftiere", so Riener. Eine Wasserschildkröte ist um fünf bis 15 Euro durchaus zu haben, das Teure ist aber die Anlage, um sie zu halten. Das würden die Besitzer oft unterschätzen.

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