Lage viel schlimmer
Zahl der Toten in Kirgistan drastisch nach oben korrigiert
Die usbekische Gemeinschaft in Kirgistan spricht mittlerweile von mehr als 2.000 Leichen. Dies und die Tatsache, dass vermutlich weit mehr als 100.000 Usbeken auf der Flucht aus den südlichen Städten Osch und Dschalal-Abad sind, verschärft nach Meinung von Beobachtern auch die Lage im Norden. Gut zwei Monate nach dem Sturz von Präsident Kurmanbek Bakijew hängt die Zukunft des Landes am seidenen Faden.
In der Hauptstadt Bischkek nimmt die Angst vor Unruhen zu. Zwar leben hier kaum Usbeken. Doch könnten nun Revanchisten aus dem Kreis von Bakijew versuchen, auch den Norden zu destabilisieren. Wie gespannt die Lage ist, zeigten die Straßenschlachten nach dem Volksaufstand gegen den autoritär regierenden Machthaber Anfang April. In dem Hochgebirgsland an der Grenze zu China ist die Situation wegen der extremen sozialen Spannungen hochexplosiv. Otunbajewas Übergangsregierung kann kaum Erfolge vorweisen, gilt als von inneren Machtkämpfen zerrissen und kann den Kirgisen keine vielversprechende Zukunft bieten.
Kämpfe flauen ab, aber die Katastrophe ist nicht aufzuhalten
Auch wenn die Kämpfe im Süden nach Augenzeugenberichten am sechsten Tag nach ihrem Ausbruch etwas abflauten, weitet sich die humanitäre Katastrophe aus. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen des Flüchtlingsdramas an der Grenze zu Usbekistan sind kaum abzusehen. Zwar nehmen die internationalen Hilfslieferungen inzwischen zu. Aber auch Otunbajewa ist klar, dass Kirgistan von dieser Krise noch lange gelähmt sein wird. Viele Usbeken haben nach dem Sturz Bakijews auf eine bessere Minderheitenpolitik der neuen Führung gehofft. Das seit Tagen andauernde Morden hat diese Hoffnungen aber im Keim erstickt. Das fruchtbare Ferganatal, der Brotkorb Zentralasiens für die Völker Kirgistans, Usbekistans und Tadschikistans, hat sich in ein "Tal des Todes" verwandelt, wie russische Medien schrieben. Dort, wo mächtige Drogenbarone um ihren Einfluss fürchten und Islamisten am liebsten einen eigenen Gottesstaat errichten würden, droht eine Herrschaft der Gewalt.
Russen zögern weiter
Wohl auch deshalb sieht Otunbajewa nur die Chance auf Frieden, wenn sie Russland zu einem Militäreinsatz bewegen kann. Doch die Russen zögern weiter - wohl auch, weil sie fürchten, im Fall eines Scheiterns von Otunbajewas Regierung alleine in dem Land dazustehen. Inzwischen versucht das kirgisische Militär der Lage Herr zu werden. Doch bei den Truppen fehlt es an einfachster Technik, Kommunikationsmitteln und sogar an Treibstoff. Ein von Russland geführtes Militärbündnis früherer Sowjetrepubliken hat zwar technische Hilfe zugesichert. Aber auf einen Friedenseinsatz wollen sich die Mitglieder des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) wohl nur im äußersten Notfall einlassen. "Wenn die Friedenstruppen nicht kommen, werden bewaffnete kriminelle Banden vielerorts die Macht an sich reißen", warnte der bürgerliche Politiker Felix Kulow in Bischkek. Auch er sieht hinter den blutigen Unruhen den Familienclan des gestürzten und exilierten Präsidenten Bakijew.
Ohne Geld und professionelle Planung hätten sich die traditionell starken Spannungen zwischen Kirgisen und Usbeken aus Sicht auch des Westens nicht in einem solchen Blutrausch entladen können. Acht Millionen Euro soll der Bakijew-Clan ausgegeben haben, um die Unruhen zu provozieren. Bakijews Brüder sollen sich nach kirgisischen Berichten gemeinsam mit bewaffneten Banden im schlecht kontrollierten Dschirgatal in Tadschikistan vorbereitet haben. Von dort sollen Heckenschützen ihren mörderischen Einsatz in Osch und Dschalal-Abad begonnen haben.
Kommentare
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.