12.11.2019 07:00 |

Live in der Simm City

Mayhem: Die Angst vor der dunklen Provokation

Mit der norwegischen Black-Metal-Legende Mayhem kommt eine der umstrittensten und besten Bands ihres Genres in die Wiener Simm City. Bassist Necrobutcher und Co. sind nicht zuletzt dank des Erfolgs des Films „Lords Of Chaos“ auch über die Szene hinaus in aller Munde und antworteten allen Kritikern unlängst mit dem starken neuen Studioalbum „Daemon“. Wir erklären, warum man sich trotz der Vergangenheit und aller Horrorgeschichten vor Mayhem nicht fürchten muss.

Depression. Fadesse. Ausweglosigkeit. Per Yngve Ohlin alias Dead, Frontmann der norwegischen Black-Metal-Band Mayhem, sieht keinen Ausweg mehr aus seinem geistigen Zirkel der Verdammnis und nimmt sich am 8. April 1991 im Bandhaus im beschaulichen Kråkstad das Leben. Zuerst versucht er sich die Pulsadern aufzuschlitzen, doch als das nicht funktioniert, setzt er seinem Leben mit einer Schrotflinte ein Ende. Als Bandkollege und Gitarrist Euronymous alias Øystein Aarseth die Leiche findet, fotografiert er diese erst und geht erst dann zur Polizei und informiert die Bandkollegen. Er sammelt davor auch Schädelstücke, die er später an Freunde im „inneren Zirkel“ verteilen wird und das Foto der Leiche mit der klaffenden Schädelwunde landet 1995 auf dem Cover des Bootleg-Albums „Dawn Of The Black Hearts“. Was wie eine fantasievolle Horrorstory anmutet, passierte tatsächlich in der norwegischen Einöde bei Oslo und wurde letztes Jahr unter dem Titel „Lords Of Chaos“ verfilmt.

Gut im Geschäft
Mit diesem als Unterhaltungsfilm definierten Semi-Biopic wurde die vielleicht skandalträchtigste Periode europäischer Undergroundmusikgeschichte nicht nur wieder an die Oberfläche gespült, auch Mayhem selbst kamen wieder wirkungsvoll ins Rampenlicht zurück. Obwohl - so richtig waren sie ob ihrer Historie, sowie fleißiger Touren und Livekonzerte nie weg. Mit Bassist Necrobutcher alias Jørn Stubberud ist noch ein verbliebenes Gründungsmitglied an Bord, das die Werbetrommel selbst mehr als gut zu rühren weiß. So hat er erst unlängst in einem US-Interview unverblümt zugegeben, dass er seinen damaligen Kollegen Euronymous getötet hätte, hätte sich die Chance dazu ergeben. Denn diesen Mord hat ein anderer vorweggenommen: 1993 beging ihn der einstige Mayhem-Bassist Varg Vikernes alias Kristian Vikernes, der dafür viele Jahre ins Gefängnis kam und heute unter neuem Namen als geächteter Rechtsextremer in den Wäldern der französischen Provinz lebt. Necrobutcher hingegen ist mit einer schon länger stabilen Besetzung bei Mayhem tätig und gut im Geschäft. Die Band hat mit „Daemon“ erst vor wenigen Wochen ein famoses Album veröffentlicht.

Mit der Verfilmung ihrer eigenen Vergangenheit ist Necrobutcher alles andere als glücklich, doch der Popularität der Band war das Projekt von Regisseur und Ex-Musiker Jonas Åkerlund nur zuträglich. Die von diversen Skandalen und Skandälchen durchzogene Legende Mayhems erinnert vor allem zurück an die schönen Tage, in der Szenepolizei und übertriebene Political-Correctness-Prediger sich noch hinter die Macht der Kunst stellten und das voreilige Rülpsen unterdrückten. Wie im Black-Metal-Genre gang und gäbe, verwursten auch Mayhem ihre klirrend-kalten Kompositionen und harschen Vocals mit dem bittersüßen Geruch des Verpönten. Es ist nur ein Gerücht, dass man mit Satanismus und okkulten Bodychecks in der Gesellschaft nicht mehr anstreifen kann. Selbsternannte Moralapostel stören sich auch in aufgeklärten Zeiten wie diesen, dass die mystische Maskerade und das ungreifbar scheinende Inhaltliche Geist und Seele der Hörer verderben würde.

Doppelmoral
Doch wo Angst, da herrscht auch Interesse und mittlerweile 35 Jahre nach der Gründung der ersten und noch immer wichtigsten Band des norwegischen Black Metal erleben Mayhem mit gut verkauften Tourneen, Festival-Headliner-Slots und medialer Präsenz im Feuilleton quer über alle Landesgrenzen hinweg einen Hype, der ihnen in dieser Breitenwirksamkeit noch nicht einmal in den skandalumwobenen 90er-Jahren gewährt war. Nirgendwo wird die offensichtliche Ungleichgewichtung von Medien klarer ersichtlich, als wenn man Black Metal mit dem zeitgemäßen Rap im deutschsprachigen Raum vergleicht. Während Megaseller wie Yung Hurn oder Kollegah scheinbar problemlos ihre misogynen, sexistischen und oftmals xenophoben Texte verbreiten können und dabei noch als Könige der Wortspiele und Ironie gefeiert werden, erleiden diverse Moralwächter lebensbedrohende Schnappatmung, wenn sich Bands wie Mayhem misanthropisch gebärden.

Die allzu oft und allzu schnell eingesetzte Rassismuskeule würde jedenfalls bei stärker im Mainstream verhafteten Acts aus fremden Szenen besser eignen als im Black Metal, wo keinesfalls alles sauber und in Ordnung, vieles aber bewusst nebulös gehaltener Mummenschanz ist. Also: keine Angst, die beißen nicht! Zwei Jahre nach ihren Auftritten beim Vienna Metal Meeting in der Wiener Arena und im Grazer Orpheum kommen Mayhem mit alten Klassikern und neuem Album jedenfalls wieder in die Bundeshauptstadt. Am Donnerstag, 14. November, spielt man in der gut gefüllten Simm City. Im Vorprogramm zu sehen ist Szene-Kultfigur Gaahl mit seiner Band Wyrd und der US-Synthwave-Durchstarter GosT. Restkarten gibt es noch unter www.oeticket.com und an der Abendkassa.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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