09.10.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Johann Sebastian Bass: „Man kann es nicht ändern“

Für Martin Schiske, dem Frontmann der erfolgreichen Popband Johann Sebastian Bass, ändert sich das Leben an einem kühlen Februarsonntag von einem Tag auf den anderen. Eineinhalb Jahre nach seinem plötzlichen Schlaganfall, spricht der 37-Jährige mit der „Krone“ über den tragischen Vorfall, die Therapie, seinen unbeugsamen Lebensmut, das erzwungene Ende seiner Band und die vielen musikalischen Pläne, der er für die Zukunft schmiedet.

Februar 2018, ein kühler Sonntag mitten im Winter. 7. Bezirk. Der 35-jährige Martin Schiske wacht auf und merkt sofort, dass etwas nicht stimmt. Kopfschmerzen, Gleichgewichtsstörungen und Schluckprobleme. „Es war, als hätte sich eine Wespe in der Speiseröhre verkrochen“, rekapituliert er im „Krone“-Gespräch. Seine Freundin reagiert geistesgegenwärtig, ruft den Notarzt und rettet ihm damit wohl das Leben. „Ich selbst hätte wohl erst später gemerkt, was los ist und dann hätten die Ärzte die Wohnungstür aufbrechen müssen. Wäre es eine Hirnblutung gewesen, hätten es die entscheidenden Minuten sein können.“ Hirnblutung lautet die erste Schnelldiagnose, doch es stellt sich heraus, dass es sich um einen Schlaganfall handelte. „Ein Verschluss der Wirbelarterie, den nur fünf Prozent aller Schlaganfallpatienten erleiden. Ich musste wieder gehen und schlucken lernen.“ Und er hat fortan einen zweiten Geburtstag - nur zwei Tage vor dem echten.

Es lässt sich nicht ändern
Quasi von einer Sekunde auf die andere hat sich das Leben des Musikers radikal verändert. Bei den Barmherzigen Brüdern im Zweiten Bezirk startet die Physiotherapie, innerhalb von vier Monaten wird Schiske aufgepäppelt. Von gar nicht gehen auf mühsam breitbeinig und schlussendlich selbstständig gehen. „Bei 50 Prozent der Patienten entsteht diese Art von Schlaganfall traumabedingt durch einen Sturz oder einen Schlag auf den Hinterkopf, bei weiteren 25 Prozent ist es gewebsbedingt und bei den letzten 25 Prozent, zu denen ich gehöre, weiß man nicht genau, warum sowas passiert. Das ist natürlich blöd, lässt sich aber nicht ändern.“ Nach eineinhalb Jahren sitzt Schiske im Wiener Café Podium, um zwanglos und mit neuer Lebensfreude von seinem Schicksal zu erzählen. Die Opferrolle behagt ihm nicht, das bemerkt man schon nach dem Kennenlernen. „Für mich war die Diagnose wirklich okay, weil ich sie ohnehin nicht ändern konnte. Das klingt komisch, aber ich dachte anfangs, in zwei, drei Wochen wird das schon wieder passen.“

Selbst als ihm das wahre Ausmaß seines Schicksals vollends gewahr wird, denkt er nur an die Zukunft und schaut nicht zurück. Das Allerschlimmste war für ihn die Magensonde. „So gesund werde ich mich wohl nie mehr ernähren“, lacht er, „in diesen Spritzen haben sie ja alles an Nährstoffen, was man so braucht. Ich esse aber wirklich gerne und da ich nicht schlucken konnte, ging es nicht anders.“ Auf der Reha am Rosenhügel musste er das Schlucken wieder neu erlernen. Etwas, das für jeden Menschen so selbstverständlich ist, dass man es noch nicht einmal ansatzweise bemerkt, wird für Schiske zu einem zähen Parforceritt. „Es gab Muskelstörungsübungen und Therapien. Das hat aber alles nichts gebracht, weil der Kropf verkrampfte. Das manuelle Schlucken habe ich mir selbst beigebracht. Die Zunge muss rauf und der Kehlkopf sich öffnen, damit das überhaupt geht. Ich bin jemand, der Dinge besser versteht, wenn man sie logisch erklärt.“

Superheld wider Willen
Noch heute ist jedes Schlucken bei Schiske gesteuert und kein Reflex. „Die Automatik, wo sich andere zwei, drei Biere runterstoßen können, die habe ich nicht. Ich kann ein paar Schluck Wasser nehmen und sie runterrinnen lassen. Trockene Dinge zu essen ist ganz schwierig. Natürlich gibt es Momente des Zorns, aber die helfen nicht weiter. Glücklicherweise habe ich meinen Geschmackssinn nie verloren. Ich habe mir immer Schokolade oder Kaffee gekauft, darauf herumgekaut und getrunken und alles wieder ausgespuckt. Ich konnte es ja nicht schlucken, aber geschmeckt habe ich alles.“ Seit dem Schlaganfall hat Schiske auch eine „Superhelden-Seite“, wie er sie humorvoll bezeichnet. „Es ist so, als ginge ein Strich gerade durch meinen Körper. Auf der linken Körperhälfte spüre ich keine Temperaturen und keinen Schmerz. Im Alltag muss ich einfach umdenken. Jetzt drehe ich den Wasserhahn eben mit links auf und teste die Temperatur mit rechts. Mit der Musik ist das auch kein so großes Problem, da ich ohnehin Rechtshänder bin.“

In der Musik kennt man Schiske besser als Johann Martinus Bass, Frontmann und Aushängeschild der heimischen Elektropop-Band Johann Sebastian Bass. 2015 war man in der nationalen Vorentscheidung für den „Eurovision Song Contest“ vertreten, Radio-Airplay, zahlreiche Auftritte und Chartplatzierungen folgten. Der selbsternannte „Electrococo“ spülte die frisch klingende Band in die Öffentlichkeit und zu Erfolgen. Nun ist aber Schluss. Durch die Langzeitfolgen des Schlaganfalls ist es Schiske nicht mehr möglich, in adäquater Art und Weise aufzutreten und zu singen. „Ab 2015 ging es mit der Band wirklich gut dahin und das Ende ist hart, aber nicht anders möglich. Jedes große Projekt braucht eine Persönlichkeit im Zentrum und das war hier meine Rolle. Es tut mir sehr leid, aber wir alle gehen in Frieden, haben intern gut darüber diskutiert. Anfangs wollte ich mir noch mehr Zeit verschaffen, aber mittlerweile kann ich meine Leistungen gut abschätzen. Wenn es schlecht geht, wird die Stimme nie mehr zu 100 Prozent wie vorher. Das kann ich nicht lenken.“

Finanzieller Exitus
Nach dem Schlaganfall kamen auf den freischaffenden Künstler vor allem auch finanzielle und damit einhergehend existenzielle Probleme zu. „Durch Einnahmen von Konzerten und derartigen Dingen konnte ich mein Leben immer recht gut kalkulieren, aber als Selbstständiger brichst du in so einem Fall komplett weg und nichts fängt dich auf. Es ging wirklich von 100 auf 0. Es gibt keine Fortzahlungen und keinen Arbeitgeber, der dich absichern kann. Nach ca. 45 Tagen kriegst du Krankengeld in Mindestsicherungshöhe, aber SVA und Selbstbehalte waren trotzdem zu zahlen. Genau das gleiche war mit der Miete und den Studiokosten. Alle, die im Studio waren, haben im Monatstakt für mich mitgezahlt. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich diesen Menschen bin.“

Das Musizieren an sich wird auch weiterhin einen wichtigen Teil seines Lebens einnehmen, durch den Schicksalsschlag haben sich bei Schiske aber auch die Prioritäten verschoben. „Man lernt, wie unwichtig manche Dinge im Leben sind. In Wirklichkeit ist so vieles, was man im Alltag macht, einfach völlig egal. Vielleicht habe ich noch 20 Minuten, 20 Jahre oder sogar 60 Jahre zu leben - ich will auf jeden Fall aus jedem Tag das Beste herausholen.“ Das tut er vor allem bei seiner großen Leidenschaft. Eine geringfügige Stelle in der Schnitttechnik gibt ihm die Möglichkeit, das kreative Herz so gut wie möglich zu pflegen. Seelenlose Sounddesign-Studiojobs sind passé, neue Pläne geschmiedet. „Ich war ja immer Posaunist und das geht viel besser als singen für mich. Eine Blasmusikcombo als Trio, Quartett oder Quintett schwebt mir da vor. Ich bin jetzt 37 Jahre alt und es geht stetig bergauf.“

Abschiedskonzert
Das große Abschiedskonzert von Johann Sebastian Bass findet am 8. November bei freier Spende in der Kunsthalle des MuseumsQuartiers in Wien statt. Das Goodbye findet übrigens auch mit zahlreichen Wegbegleitern wie u.a. Paenda, Ankathie Koi, den Gewürztraminern oder Maraskino statt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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