27.09.2019 07:00 |

„Wer sagt denn das?“

Deichkind: Die Lust am schrägen Dadaismus

Vier Jahre nach „Niveau weshalb warum“ kehren Deichkind mit ihrem neuen Meisterwerk „Wer sagt denn das?“ ins Rampenlicht zurück. Was die ersten Single-Auskoppelungen bereits angekündigt haben, beweist das Album auch auf voller Länge - das Hamburger Anarcho-Kollektiv hat noch immer genug Feuer, um den Finger mit viel Dadaismus und Ironie in die gesellschaftlichen Wunden zu legen. Live zu sehen in Wien am 21. Februar.

„Wer sagt denn, dass man ohne Einladung nicht eingeladen ist? Wer sagt denn, dass Mark Forster nicht eigentlich Nina Hagen ist? Wer sagt denn, dass impulsive Menschen keine Grenzen kennen und dass `ne Mauer bauen wirklich was bringt, Mr. President?“ Bereits die ersten Zeilen der Deichkind-Single „Wer sagt denn das?“ machten schon vor einigen Wochen klar, in welche Richtung die Hamburger Anarcho-Electropunks mit ihrem neuen Album gehen würden. Hedonismus und gesellschaftliche Haltung gingen beim norddeutschen Kollektiv schon immer Hand in Hand, doch über die Jahre hinweg hat sich das politische Gewissen der Bandmitglieder noch weiter potenziert. Kein Wunder, wer die Einstellung und Historie der Band mit dem aktuellen Weltgeschehen in Relation setzt.

Doppelbödig und sarkastisch
„Keine Party“, ein Trash-Disco-Stampfer par excellence und Dank des dazugehörigen Videos mit dem neuen Band-Maskottchen Lars Eidinger zum viralen Kulthit avanciert, ist eine gewohnt ironische, doppelbödige Verarbeitung des aktuellen Deichkind-Kurses. Der lautet in etwa „bitte nehmt uns etwas mehr ernst, aber hört ja nicht zu genau hin, was wir euch zu sagen haben“. Doch das mit dem Ernst ist, bitteschön, nicht allzu ernst zu nehmen! Deichkind sind seit jeher geschickte Meister des fordernden Sarkasmus und intelligenzbefangener Ironie. Schlichte Geisteshaltungen lehnen sie im Kern genauso ab wie einfache Lösung. Galant lädt man mit ausgefeilter Reimkunst und elektronischer Unbefangenheit zum Diskurs, der gerne einmal ins Philosophische abdriften darf, ohne dabei platt und plump zu wirken.

Die Performance-Kunst von Deichkind geht sogar so weit, das hochkulturelles Feuilleton und Lifestyle-Presse gleichermaßen bedient und beglückt werden. Zumindest indirekt, denn Interviews verweigern Porky, Kryptik Joe und Co. immer noch sehr gerne, wenn das gesamte mediale Drumherum nicht in den Rahmen der Band passt. All das ändert jedoch nichts an der Genialität, mit der die nicht weniger als 18 Songs auf „Wer sagt denn das?“ durchzogen sind. Die Band selbst teilt ihre lange Karriere gerne in zwei Schaffensphasen ein und rechnet Teil zwei ab dem 2008er Durchbruchsalbum „Arbeit nervt“. Wie sehr sich Deichkind seit dieser Zeit musikalisch, aber vor allem textlich und thematisch weiterentwickelt haben, erkennt man beim Durchhören der Diskografie sehr gut. „Wer sagt denn das?“ ist folgerichtig ein kongruenter Nachfolger des 2015er Letztwerks „Niveau weshalb warum“ und zeigt den bunten Haufen, der sich dem steigenden Alter mit Händen und Füßen verweigert, in vielen Bereichen noch ausgefeilter.

1000 Jahre Bier
Dass man klar vom angestammten Saufband-Image abrücken will, zeigt neben „Keine Party“ auch das kongenial betitelte „1000 Jahre Bier“. Wer dort Rammstein-Frontmann Till Lindemann hören will, muss übrigens genau aufpassen. Deichkind haben unter anderem auch Ärzte-Drittel Bela B., Olli Schulz, Charlotte Brandi, Jan Böhmermann oder Kraftklub-Frontmann Felix Brummer als Gäste eingeladen, die Features sind aber dermaßen versteckt und einsilbig geraten, dass man schon die akustische Lupe auspacken muss. Diese Herangehensweise an einer Art absurden Form des Name-Droppings ist aber einmal mehr programmatisch für die anarchistische Vorgehensweise Deichkinds, deren moralische Präsenz ohne erhobenen Zeigefinger durchzudringen vermag.

Was sie neben politischen und vor allem zwischenmenschlichen Themen verstärkt in den Mittelpunkt stellen, ist der gegenwärtige Konsumzwang, der längst nicht nur die vorlaut verschriene „Generation Y“ betrifft. „Gewinne gewinne“ oder „Powerbank“ prangern derartige Verfehlungen in der Gesellschaft relativ deutlich an und zeigen, dass sich Deichkind vermehrt als trojanisches Pferd im zwanglosen Partyleben zu erkennen geben. Spaß ja, aber bitte mit den nötigen Dosen Weltverständnis und Verantwortungsbewusstsein. So mäandern die Hamburger einmal mehr geschickt durch alle möglichen Gegenwartsprobleme und -sorgen, ohne sich dabei in Detailreichtum zu verrennen oder moralingesäuert zu nerven. „Wer sagt denn das?“ ist nichts weniger als ein musikalisch buntes, dadaistisches Meisterwerk, das die Grenzen zwischen klanglicher Obskurität und performativer Prägnanz einmal mehr erweitert. Live zu sehen am 21. Februar in der Wiener Stadthalle. Karten erhalten Sie unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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