27.07.2019 06:00 |

Hilferuf an Politik

IHS-Chef: „Brauchen Masterplan für Fachkräfte“

Der Mangel an Beschäftigten mit einer guten Ausbildung wird sich in den nächsten Jahren verschärfen. Die Politik muss rasch handeln.

Die Lage am heimischen Jobmarkt hat sich in den letzten zwei Jahren wieder etwas entspannt. Seit ihrem Rekordhoch von 9,1% in den Jahren 2015 und 2016 ist die Arbeitslosenquote wieder auf 7,7 Prozent gefallen und nähert sich der 7-Prozent--Marke. Die Kehrseite der Medaille: Heimische Unternehmen klagen wie nie zuvor über den Fachkräftemangel. Und dieses Problem dürfte sich in den nächsten Jahren noch verschärfen.

Geburtenzahl rückläufig
Der Grund ist die demografische Entwicklung. Martin Kocher, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), analysiert: „1963 gab es bei den Geburten einen Höchststand - fast 135.000. Dann sank die Zahl der Geburten auf den Tiefpunkt von rund 85.000 im Jahr 2001.“ Und ab 2023, wenn die Pensionierungswelle der Baby-Boomer beginnt, kommen nur jene aus den geburtenschwächsten Jahrgängen neu auf den Arbeitsmarkt.

Firmen finden schwerer qualifiziertes Personal
Kocher rechnet damit, dass daher aus Sicht der Wirtschaft 2023 bis zu 30.000 Fachkräfte wegfallen. In den Folgejahren wird das dann jeweils ähnlich sein. Für unsere Firmen ist das eine schlechte Nachricht: Sie werden sich noch schwerer tun, qualifiziertes Personal zu finden.

„Wer jetzt richtige Ausbildung wählt, muss sich keine Sorgen machen“
Eine gute Nachricht ist das andererseits für all jene, die in vier, fünf Jahren zu arbeiten beginnen und dann eine Stelle suchen. Kocher: „Wer jetzt die richtige Berufsausbildung oder das richtige Studium wählt, muss sich keine großen Sorgen machen. Aus Sicht der Jobsuchenden werden es ganz gute Zeiten.“ Viele Betriebe dürften dann auch bereit sein, mehr zu zahlen. „Über die gesamte Erwerbstätigkeit verdienen jene, die in guten Zeiten auf den Arbeitsmarkt kommen, im Durchschnitt um zehn Prozent mehr als jene, die in Rezessionszeiten beginnen.“

Gesundheitsberufe gefragt
Voraussetzung dafür ist freilich, dass die Qualifikation zur Nachfrage passt. Beste Chancen hat man laut Kocher mit den „MINT“-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. „Wir wissen, dass es hier jetzt schon eine Knappheit bei den Arbeitskräften gibt.“ Aufgrund der Alterung der Gesellschaft werden zudem jene gefragt sein, die in Gesundheitsberufen tätig sind, etwa Ärzte, Pfleger oder medizinisch-technische Assistenten. Die Pharma-Industrie wird ebenfalls einen größeren Bedarf an Mitarbeitern haben.

Bei den Lehrberufen dürften etwa die technisch-handwerklichen Berufe gute Zukunftsperspektiven bieten. „Auch Lehre plus Matura ist sicher etwas, das man sich überlegen könnte.“ Damit aber die heimische Volkswirtschaft wegen des Personalmangels nicht ins Hintertreffen gerät, fordert Kocher von einer neuen Regierung: „Wir brauchen einen Masterplan für Fachkräfte.“

Dieser müsste von Lehrberufen über die Studien bis zur Weiterbildung von Beschäftigten und Arbeitslosen besser koordinierte Maßnahmen umfassen, die Österreich fit für die digitalisierte Zukunft machen. Unternehmen wiederum sollten öfter in Verbünden kooperieren, um dann gemeinsam auszubilden.

Vergil Siegl, Kronen Zeitung

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