25.07.2019 01:19 |

Furiose Bombast-Show

Pink: Akrobatik gegen die Gesetze der Schwerkraft

Es steckte gewiss keine Absicht dahinter, entbehrte jedoch nicht einer gewissen Ironie: Bevor Superstar Pink im Zuge ihrer „Beautiful Trauma“-Tour endlich auch die österreichische Bühne im Wiener Ernst-Happel-Stadion betrat, heizte zuerst ein DJ und dann eine Anlage den Fans noch einmal richtig ein.

Exakt eine Woche nach der stimmlich farblosen Vorstellung von Rocklegende Jon Bon Jovi ertönt kurz vor Konzertbeginn die Albumversion von „Livin‘ On A Prayer“ und bringt die Stimmung zum Kochen. So hätte es also sein können, wäre der Rockbarde in Topform gewesen. Bei Alecia Beth Moore, wie Pink bekanntermaßen im richtigen Leben heißt, sind solche Sorgen ohnehin unbegründet. Ihre doch schon einige Wochen laufende Europatour ist ein einziger Triumphzug voll hymnischer Kritiken. In seltener Co-Union zeigen sich Fans und Presse einig, dass sie derzeit die Messlatte für Live-Popshows hochlegt und dabei auch noch gewohnt nahbar und locker bleibt.

Bis zur Perfektion
Die rund 57.000 Karten im ausverkauften Stadion waren in immensem Tempo verkauft - nur die deutschen Megaseller Rammstein waren dann doch noch etwas schneller. Ihr zweistündiges Stelldichein startet die 39-Jährige fulminant. Zu den Klängen ihres alten Top-Hits „Get The Party Started“ hat eine Zuseherin unlängst in Liverpool ein Kind geboren - die Action in Wien bleibt allerdings ganz auf der Bühne verhaften. Auf einem Kronleuchter turnt die Künstlerin waghalsige Küren, verliert dabei keinen Ton und wird von leuchtenden Visuals begleitet. Zwei der drei monströsen Videoleinwände flankieren die opulente Bühne in Herzform, die ersten Raketen werden schon beim Opener in den Himmel gefeuert. Wer kopfüber herabhängt und sich an Klimmzügen versucht, ohne auch nur annähernd an Stimmkraft zu verlieren, der hat akkurates Showbusiness-Training bis zur Perfektion inhaliert.

Wunderbar konterkarieren sich Botschaft und Präsenz, um dann doch zu einem gemeinschaftlichen Ganzen zu finden. Einerseits strotzt die zweifache Mutter aus Pennsylvania nur so vor physischer Kraft, vollbringt tänzerische und akrobatische Höchstleistungen und lässt garantiert jedem Fan den Atem stocken - andererseits propagiert sie so wichtige und noch immer viel zu selten einzementierte Botschaften von Liebe, Schönheit, dem Miteinander, Frieden und Gleichberechtigung. Mit ihrer immensen Kraft beschützt sie die zu ihr aufblickenden Schwachen, ohne dabei an verbaler Zärtlichkeit und grundfreundlicher Aura einzubüßen. Die Fans beschenken ihr Idol mit Stofftieren, einer Sachertorte, BHs und selbstgemalten Zeichnungen, die Pink teilweise so rühren, dass sie sie unterschrieben wieder ins Publikum zurückreicht.

Spaß für alle
Die Beziehung zwischen Künstler und Zuseher ist selten so nah wie bei Pink und ihren treuen Fans. Vor allem in der ersten Konzerthälfte versteckt sie diese Art von Intimität hinter einem audiovisuellen Bombast-Stakkato, das manchmal mehr an einen Zirkus denn an ein Konzert erinnert. Mit „Beautiful Trauma“, „Just Like A Pill“, „Who Knew“ oder dem mit Feuerwerk begleiteten „Funhouse“ halten sich ältere und jüngere Songs die Waage. Stets mit dabei ist eine ständig wechselnde Bühnenoptik, eine energetische Künstlerin und furiose Lichteffekte, die Hand in Hand mit Pinks intensiver Darbietung gehen. Als sie ihre achtköpfige Band vorstellt und jedem ein kurzes Solo auffahren lässt, merkt man erst, wie viel Spaß alle Beteiligten auf diesem Spielplatz für Erwachsene haben. Hier ist nichts ungezwungen und trotz der produktionstechnisch nötigen Detailplanung zu jeder Zeit alles ungemein warmherzig und gefühlt individuell.

Zwischen den Songs lässt Pink immer wieder Raum für Videobotschaften, die an das Einende und Gute im Menschen appellieren. Ein früher Höhepunkt ist etwa der Übergang des Videos „Nature“ zum wundervollen Hit „Try“, wo sich die Tänzer Tier- und Fabelwesenmasken aufsetzen und den Song zu einer Art gespenstisch-mystischer Ausdruckstanzorgie verwandeln. Die stärkste Phase des Abends wird mit dem wuchtigen Blues/Soul-Cover „River“ von Bishop Briggs fortgesetzt und endet in einem Pyrotechnikwahn zu „Just Like Fire“. Kein Wunder, dass Pink danach auf die Bremse tritt und bei Songs wie „90 Days“ (mit Duett-Partner Wrabel), dem Cyndi-Lauper-Cover „Time After Time“ und dem eingehenden „Walk Me Home“ auf sanfte Akustik setzt. Die Übergänge funktionieren geschickt und unmerkbar. Rasante Action und entlastende Ruhephasen ergänzen sich ungemein kongruent.

Mehr als nur Musik
Die artistischen Highlights sind das partnerschaftliche und atemberaubende Seilturnen zu „Secrets“ sowie eine durch das gesamte Stadion fliegende Künstlerin im Finish zu „So What“. Die Grenzen der Schwerkraft setzt Pink aber auch musikalisch außer Kraft. In der zweistündigen Show bietet sie nicht nur ein kunterbuntes Potpourri ihrer gewaltigen Karriere feil, sie veredelt die Tracks zudem mit einer makellosen Stimmleistung und einer gesamt fast 20-köpfigen Bühnencrew, die Professionalität, Motivation und gute Laune versprüht. Dass bei „Raise Your Glass“ auch noch Töchterchen Willow radschlagend auf die Bühne kommt, um mit Mama dem Publikum zuzuwinken, rundet das Gute-Laune-Feeling dieses Abends würdevoll ab. Pink ist viel mehr als bloße Musik. Sie ist eine leibhaftige Botschafterin für Menschlichkeit, Selbstbewusstsein und Nächstenliebe - gesegnet mit einem Naturtalent für Musik und Theatralik.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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