So, 26. Mai 2019
17.05.2019 06:02

Steiermark forscht:

Durch den Klimawandel: Bäume in „Bewegung“

Um höchstens zwei Grad soll die Durchschnittstemperatur auf der Erde laut Pariser Abkommen steigen. Für die Steiermark hieße das bis zu vier Grad mehr. Deshalb hat die Forstdirektion ein weltweit beachtetes Mammutprojekt gestartet: Mehr als 100 Forscher erstellen eine Landkarte der künftigen Baumzonen.

„Ein Baum kann nicht einfach sagen, mir ist es zu heiß, ich zieh’ woanders hin“, sagt Landesforstdirektor Michael Luidold. Auch wenn das komisch klingt - die Lage ist ernst: Fünf Millionen Festmeter Schadholz gab es in Österreich 2018 durch Hitze und Borkenkäfer. Obwohl die Steiermark dank starker Niederschläge mit 250.000 Festmetern Verlust glimpflich davonkam: Im Forstland Nummer eins mit einer Million Hektar Wald ist guter Rat für die Klima-Zukunft teuer.

Deshalb hat die Forstdirektion ein weltweit beispielgebendes Forschungsprojekt entwickelt, dessen Umsetzung soeben begonnen hat und bis 2021 dauern wird. 5,6 Millionen Euro stellen Land, Bund und EU dafür zur Verfügung.

Seit Wochen arbeiten sich Dutzende Wissenschafter mit Spaten und Bohrstock durch die steirischen Wälder. Beteiligt sind neben der Boku-Uni Wien auch Uni Graz, Joanneum Research oder ZAMG. „Wir bewegen uns mit der Schneeschmelze vom Süden ins Bergland“, erklärt der Projektleiter, Oberforstrat Heinz Lick. „Derzeit sind unsere Dreierteams, je ein Botaniker, ein Geologe und ein Helfer, im Murtal unterwegs.“

An 3800 Punkten wollen die Experten Daten erheben. Inhalt: Welche Bäume gedeihen unter welchen Bedingungen? „Entscheidend ist dafür die Dreier-Matrix aus Nährstoffen, Wasserhaushalt und Temperatur“, so Forstdirektor Luidold.

Weltweit neu an der von Agrarlandesrat Hans Seitinger unterstützten Aktion ist die Genauigkeit. Mit Hilfe der Proben werden am Ende Modelle erstellt, die für jede Parzelle von 50 mal 50 Metern exakte Prognosen ermöglichen: Wie wirkt sich das Klima an dieser Stelle aus? Welchen Baum muss ich heute pflanzen, um in 80 Jahren ernten zu können?

Bisher gebe es lediglich grobe Modelle, erklärt Luidold. Zum Beispiel werde es die Fichte als Flachwurzler im trockenen Süden schwer haben. Auch im mittleren Bergland müssen Forstwirte die Fichte mit anderen Bäumen mischen, um das Risiko zu reduzieren. Eichen und Tannen zum Beispiel überstehen als Pfahlwurzler auch längere Durststrecken. Die Buche, die es gerne warm hat, wird höher wandern.

Dramatisch: Die Waldgrenze soll um bis zu 400 Meter ansteigen. Die Steiermark dürfte also trotz allem ein Waldland bleiben.

Matthias Wagner
Matthias Wagner

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