19.04.2019 13:32 |

Nagoro stirbt aus

Japanerin ersetzt Dorfbewohner durch Puppen

In Nagoro lebten einst Hunderte Familien. Heute sind in dem kleinen Bergdorf rund 550 Kilometer südwestlich von Tokio nur noch 27 Einwohner übrig - und der jüngste von ihnen ist 55 Jahre alt. Tsukimi Ayano konnte dem Aussterben ihres Dorfes nicht mehr länger zusehen und begann jeden Weggezogenen und Verstorbenen durch lebensgroße Puppen zu ersetzen. Mittlerweile gibt es mehr Puppen als lebende Bewohner in dem Dorf - nämlich 270 Stück. Man trifft sie überall.

Die Idee entstand durch Zufall. Um von den Feldern ihres Vaters Vögel fernzuhalten, baute Ayano eine Vogelscheuche und zog dieser die Arbeitskleidung seines Vaters an. Ein Arbeiter habe tatsächlich geglaubt, dass es sich um den Vater handeln würde und habe die Vogelscheuche sogar gegrüßt, erinnert sich die 69-Jährige in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP. „Das war sehr lustig“, schmunzelt Ayano.

„Tag der offenen Tür“ in Schule nachgestellt
An die früheren Zeiten, als man andauernd jemanden vor den Geschäften und auf den Straßen antraf, erinnert sich die Japanerin sehr gern. „Es ist einsam geworden hier“, sinniert Ayano, die mithilfe ihrer Puppen in alten Erinnerungen schwelgen kann. So sitzen Vogelscheuchen in der Bushaltestelle, „unterhalten sich“ vor einem Lebensmittelgeschäft. Auch in der seit Jahren geschlossenen Schule wird wieder „unterrichtet“. Ayano hat eigenen Worten zufolge einen „Elternbesuchstag“ nachgestellt.

Japan und seine immer älter werdende Bevölkerung
Nagoro ist kein Einzelfall. Japan leidet an einer Überalterung. Ein aktueller Bericht der Regierung zeigt, dass jeder vierte Japaner über 65 Jahre alt ist. Im Jahr 2050 sollen es bereits 37,7 Prozent sein. Vom Aussterben sind laut Bevölkerungsforscher 40 Prozent der japanischen Städte. „Ich weiß nicht, wie Nagoro in zehn bis 20 Jahren aussehen wird. Aber ich werde weiterhin meine Puppen machen“, sagt Ayano zu AFP.

Gabor Agardi
Gabor Agardi
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