Mo, 22. April 2019
22.03.2019 07:00

Neues Album und live

Lambchop: Unkonventionell und entrückt

Knapp zweieinhalb Jahre nach der klanglichen Kehrtwende auf dem Album „FLOTUS“ setzt Kurt Wagner mit seiner „Band“ Lambchop das Prinzip des Unkonventionellen fort. Auf „This (Is What I Wanted To Tell You)“ verwebt er einmal geschickt Elektronik, Autotune, Lounge, Americana und Jazz-Anleihen zu einem völlig originärem Gebräu. Im Interview erzählt er von der Entstehung des Werkes und macht auf das Konzert im Wiener WUK Lust.

Als Nashvilles alternativer Querdenker Kurt Wagner im Herbst 2016 „FLOTUS“ veröffentlichte, schockierte er seine Fans mit einer radikalen Stiländerung. Anstatt wie gewohnt auf Americana, Folk, Country-Rock und Cowboy-Indie zu setzen, experimentierte er mit Vocodern und Elektronik und unterzog seinen Sound einer unerwarteten Generalüberholung. Für die einen war es ein Anfall von Midlife-Crisis, für andere die Abkehr von gängigen Normen und nur ein weiterer Fortschritt im ohnehin schon bunten, nur schwer greifbaren Schaffen des introvertierten Klangkünstlers mit dem Hang zu trockenem Humor. Diesen setzt er - genauso wie seine neue musikalische Liebe - auf dem brandneuen Album „This (Is What I Wanted To Tell You)“ unmissverständlich fort. Obwohl es sein erst 13. Studioalbum ist, verkauft er es in Pressetexten als Werk Nummer 14. Wieso? „Ach, das ist einfach meine Art von Humor“, erzählt er im Gespräch mit der „Krone“, „genauso wie bis auf den Abschlusstrack ,Flower‘ jeder Song das Wort ,you‘ enthält.“

Neue Zugänge
Nach mehr als 30 Jahren als Musiker muss auch ein Stilverweigerer wie Wagner Mittel und Formen finden, um sein Werk möglichst frisch und spannend zu halten. Auf dem Cover-Artwork glänzt er übrigens ohne sein programmatisches Kapperl und liegt quer. In der Welt von Lambchop hat man wenig übrig, für Ordnung im herkömmlichen Sinne. In den acht neuen Songkapiteln verzerrt Wagner seine Stimme genauso vehement und mit kindlicher Freude, wie schon auf „FLOTUS“. Hauptunterschied ist der inhaltliche Zugang. Während das letzte Werk dank seiner Frau, die bei den US-Demokarten arbeitet, sehr politisch und schlussendlich prophetisch (Trump) geraten ist, fällt „This“ wesentlich introspektiver aus. „Das Album ist einfach nicht mehr so stark mit meiner Frau konnotiert“, lacht er durchs Telefon, „aber natürlich ist und bleibt die Politik ein Teil meines Lebens. Das ist auch der Grund, warum ich jeden Tag so viel Zeit damit verbringe, Medien zu konsumieren.“

Medien und ihre zugegeben disperse Wirkung auf die heutige Gesellschaft machen einen erklecklichen Anteil an der inhaltlichen Ausrichtung des neuen Albums aus. Etwa durch den Song „The News Isn’t So You Anymore“, der auf Sensationsheischerei und alternative Fakten abzielt. „So funktioniert die Welt momentan leider. Weltweit stehen wir in der Kultur des Zusammenlebens vor herausfordernden Zeiten. Je älter ich werde, umso mehr befasse ich mich mit solchen Themen. Durch die Sozialen Medien ist es heute vielen Menschen kaum noch möglich, echte Nachrichten von alternativen Fakten zu unterscheiden. Es ist auch nicht möglich, die über uns hereinbrechende Informationsflut vernünftig verarbeiten zu können. Es ist eine verdammte Herausforderung und ich versuche selbst, jeden Tag so gut wie möglich in Form zu bleiben.“ All diese Themen reichert Wagner mit gewohnt unkonventioneller Instrumentierung an. Pedal-Steel-Gitarren hier, Mundharmonika dort. Loungige Piano-Parts mischen sich mit Jazz-Anklängen und einer fast extraterrestrisch anmutenden Direktheit im Sinne experimenteller Stimmverzerrung. Aus allen Ecken und Poren trieft der Autotune-Sound, den man sonst eher aus dem Cloud- und Trap-Bereich kennt.

Aktueller Sound
„Es ist einfach eine Maschine, die mir Spaß macht und die ich daher benutze. Für mich ist Autotune nichts anderes als ein Gitarrenpedal. Ich habe mir unlängst auf Spotify eine Playlist mit aktuellen Singles angehört. In 85 Prozent der Songs hörst du Autotune heraus. Es ist Fakt, dass diese Technik zum Sound unserer aktuellen Kultur zählt und es längst nicht mehr so abgedreht ist, wie das manche Menschen darstellen. Mittlerweile arbeite ich schon so lange damit, dass es einfach zu mir und meinem Sound dazugehört.“ Auf „This“ merkt man eindeutiger als je zuvor, dass Lambchop längst von dem ursprünglichen Bandcharakter abgerückt ist und als Ventil für Wagners persönliche Welt dient. Das Album ist zu keiner Sekunde Easy Listening und zu manch entrückter Stelle gar dissonant-entartet, aber gerade deshalb mit einer glanzvollen Langzeitwirkung ausgestattet, die sich wie ein unsichtbarer Klangschleier durch die Gehörgänge webt.

Dass es überhaupt zu einem ganzen Studioalbum gekommen ist, ist eher dem Zufall geschuldet. Wagner fuhr im Sommer 2017 zur Geburtstagsfeier seines langjährigen Freundes und Chef von Merge Records, Mac McCaughan und traf dort seinen Bruder Matt, den man hauptsächlich als Bon-Iver-Drummer kennt. Obwohl sich die beiden schon länger kannten, beschlossen sie erst dort, es einmal gemeinsam mit Musik zu versuchen. „Ich kannte ihn schon als Teenager, aber irgendwie haben wir nie zusammengearbeitet. Bei der Party fragte er mich dann, ob ich nicht ein paar Vocal-Spuren schicken könnte, die er mit seinem analogen Synthesizer verbinden würde. So entstand der erste Song und wir haben einfach weitergemacht. Ich liebe es immer noch, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten. Es ist jedes Mal aufs Neue großartig, wenn man andere Talente entdeckt und mit den eigenen Fähigkeiten vermischt. Ein feiner Prozess und dafür ist Musik schließlich da.“

Live in Wien
Am 19. April kommt Kurt Wagner mit Lambchop wieder in sein „österreichisches Wohnzimmer“, das Wiener WUK, um die neuen Tracks von „This“ live vorzustellen. Mit im Gepäck hat er wieder eine famose All-Star-Band, die unter anderem aus Matt McCaughan, Wye Oaks Andy Stack und seinem langjährigen Freund Paul Niehaus besteht. Weitere Infos und Karten für das Konzertereignis gibt es unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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