02.02.2019 07:45 |

„Limits beachten“

Verletzungsserie: „Das hält der Körper nicht aus!“

Weit über dreißig Ausfälle sind in der laufenden Ski-Weltcupsaison schon zu beklagen. Was jetzt die Sportler auf den Plan ruft. Mit deutlichen Worten bringt Liechtensteins Skistar Tina Weirather, Tochter von Österreichs Ex-Abfahrts-Weltmeister Harti Weirather, ihre Gefühle zum Ausdruck: „Bitte nicht falsch verstehen. Der Skisport soll ein Spektakel bleiben. Aber es gibt Limits, und die muss man beachten!“

Der immer schnellere Ski in Kombination mit dem Kunstschnee habe die Lage verschärft: „Fakt ist, was wir machen, hält unser Körper nicht aus!“ Als erste Maßnahme spricht sich die Super-G-Weltcupsiegerin für einen dickeren Rennanzug aus: „Man wäre bei einem Sturz besser gepolstert und er würde Tempo rausnehmen.“ - Ein Vorschlag, den auch Matthias Lanzinger unterstützt. Ihm ging beim Sturz in Kvitfjell 2008 die Bindung nicht auf. Der linke Unterschenkel musste amputiert werden.

„Neben dem dickeren Anzug bin ich für einen verpflichtenden Airbag, der auch automatisch die Bindung auslöst.“ Denn die ist bis ans Limit eingestellt. „Die Läufer wollen natürlich möglichst schnell sein. Deshalb kannst du Entschärfungen nur über das Reglement durchsetzen.“

Keine leicht lösbare Aufgabe, wie auch Peter Schröcksnadel weiß, der sich seit 40 Jahren mit der Unfallprävention im Skisport beschäftigt: „Wir müssen die genauen Ursachen finden. Vor allem bei den Frauen haben wir dringenden Handlungsbedarf. Da müssen wir rasch beim Material etwas umstellen“, weiß der 77-Jährige.

„Die Damen sind leichter als die Männer, fahren aber fast das gleiche Material. Das passt nicht. Unsere Sportlerinnen sind perfekt trainiert, an der Fitness liegt es definitiv nicht.“ Aufgrund der jüngsten Verletzungsserie hat er die Uni Innsbruck mit Berechnungen beauftragt. Und seine vor zwei Jahren installierte Expertenkommission reaktiviert.

Den Einsatz von mehr Experten will auch Tina Weirather. Vor allem wenn es um die Rennstrecken geht: „Die Entscheidungsträger sind zu wenig nah dran. Es werden etwa Sprünge gebaut, wo die Landung im Flachen ist. Da müssen erst drei stürzen oder der Helikopter kommen, bis wir gehört werden“, übt sie Kritik am Weltverband FIS.

Bei der objektiven Sicherheit durch Fangnetze oder Polsterungen wurden seit dem Unglück von Ulli Maier bei der Garmisch-Abfahrt vor 25 Jahren die Defizite kontinuierlich behoben.

Beim Zusammenspiel von Ski, Schuh und Schnee, das eine zentrale Rolle bei den aktuellen Verletzungen spielen dürfte, ist die FIS leider zu träge, schützende Verbesserungen herbeizuführen. Hoffentlich muss nicht erst wieder ein Drama die Verantwortlichen wachrütteln.

Christian Fink ist einer der Ärzte in der vom ÖSV eingesetzten Expertenkommission zur Unfallvermeidung im alpinen Rennsport. Die „Krone“ bat ihn zum Interview.

„Krone“: Herr Doktor, Tina Weirather nennt Material und den Schnee als Risikofaktoren, Anna Veith indes findet den Rennkalender zu voll. Was denken Sie?
Christian Fink: Genau das ist die Schwierigkeit: Die Verletzungsursachen sind im Skisport multifaktorell. Da hilft kein Schnellschuss. Wenn man an einer Schraube dreht, weiß man nicht, was es auslöst.

„Krone“: So weitermachen wie bisher ist aber auch keine Lösung …
Fink: Stimmt. Darum ist der vom ÖSV eingeschlagene Weg richtig. Es müssen sich alle zusammensetzen und gemeinsam Lösungen finden. Die Sportler, die Trainer, die Serviceleute, die Funktionäre und die Ärzte.

„Krone“: Eine Verletzung ist für jeden Sportler ein Schock.
Fink: Natürlich, zudem sind etwa Kreuzbandrisse meist mit Zusatzverletzungen verbunden. Solche Knorpelschäden können die Athleten ein Leben lang begleiten. Auch vorzeitige Gelenksabnützungen sind nicht selten. Selbst wenn die Sportler sechs Monate nach der Verletzung wieder auf dem Ski stehen, leiden sie oft lebenslang an Einschränkungen.

Physiker Werner Gruber erklärt in Beispielen, welche enormen Kräfte auf Skirennläufer wirken.

„Krone“: Herr Gruber, welche Kraft wirkt auf einen Ski-Profi?
Werner Gruber: Wenn ein Skirennläufer mit 100 km/h unterwegs ist, entspricht das einem freien Fall aus 40 Meter Höhe. In Kraft übersetzt, sprich, wenn er abrupt abbremst, sind das 100.000 Newton.

„Krone“: Hätten Sie dafür einen Vergleich parat?
Gruber: Es ist in etwa die zehnfache Bisskraft eines Alligators oder ein Zehntel der maximalen Beschleunigung einer großen Diesel-Lokomotive.

Anja Richter, Kronen Zeitung

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