13.01.2019 06:00 |

Tödlicher Kopfschuss

Tochter des Opfers: „Wusste immer: Es war Mord“

2014 lag Alois H. in seiner Küche, mit einem Kopfschuss. Zunächst galt sein Tod als Selbstmord, jetzt geht die Justiz von einem Verbrechen aus. „Auch ich habe Angst, getötet zu werden“, sagt die Tochter des Opfers - und erzählt von ihrer Horror-Beziehung zu einem obersteirischen Skandalarzt.

Monja H. sitzt in einem kleinen Café in einem abgelegenen Dorf irgendwo in der Steiermark. „Ich will nicht, dass bekannt wird, wo ich gerade bin“, sagt die 29-Jährige und streicht mit einer nervösen Handbewegung eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Die Altenpflegerin spricht mit leiser Stimme, fixiert mit Blicken die Gäste im Lokal: „Ich weiß, ich wirke, als würde ich unter Verfolgungswahn leiden, aber es sind halt viele fürchterliche Dinge in meinem Leben geschehen“, versucht sie ihr Verhalten zu erklären: „Und die Angst ist eben in mir. Auch jetzt noch.“

„Es wollte mir einfach niemand glauben“
Als hysterisch, als rachsüchtig, als verrückt habe sie gegolten, „so viele Jahre hindurch“, für die Menschen in ihrem Heimatort, für die Polizei und die Justiz: „Es wollte mir einfach niemand glauben.“ Diese Geschichte, ihre Geschichte, die klingt, als hätte sie ein Krimi-Autor erfunden - „doch Beweise dafür, dass sie wahr ist, hat es gegeben, von Anfang an“. Was war der Anfang? „Alles begann 2013. Eine Verwandte von mir starb damals, es ging mir danach seelisch sehr schlecht. Ich weinte ständig, fühlte mich entsetzlich alleine gelassen.“ Nachsatz: „Und er war in meiner Not für mich da.“

„Bei einer Sitzung verlangte er einen Kuss“
Er, um 30 Jahre älter als sie, der Hausarzt ihrer Familie, einer der angesehensten Bürger der Gemeinde; angeblich glücklich verheiratet, vier Kinder; Bruder eines bekannten Politikers. „Ich kannte Edi von meiner Kindheit an, ich vertraute ihm, es tat mir gut, mich bei ihm ausreden zu dürfen.“ Stundenlang, immer wieder, in seiner Praxis. „Ich merkte zunächst nicht, dass er bloß deshalb so nett zu mir war, weil er mich psychisch von ihm abhängig machen wollte. Und als er das geschafft hatte, verlangte er bei einer Sitzung plötzlich einen Kuss von mir.“

Es wurden mehr Küsse, „rasch geriet ich vollends in seinen Bann, und wir gingen eine Affäre ein. Die für mich bald zu einem Albtraum wurde. Weil Edi grauenhafte Dinge von mir verlangte.“ Ständig habe der Mediziner von seiner Todessehnsucht gesprochen und von seinem Wunsch nach einem gemeinsamen Suizid. „Irgendwann wollte ich nur noch weg von ihm.“ Bei einem letzten Treffen in seiner Ordination im August 2014 sei dann „der totale Wahnsinn“ geschehen: „Er betäubte mich mit Drogen, fesselte mich an einen Behandlungsstuhl, vollzog perverseste Sexualpraktiken an mir.“

Der Mediziner schoss währenddessen mit seinem Handy Fotos. Sie wurden später bei ihm sichergestellt.

„Ich wurde mit dem Umbringen bedroht“
Monja H.: „Nach der Tat war ich völlig geschockt, ich vertraute mich meiner Mutter an, ich erzählte ihr von meinem Plan, die Polizei zu informieren.“

Die Altenpflegerin zeigte den Arzt wegen Vergewaltigung an, trotz des belastenden Bildmaterials wurde er im Prozess freigesprochen. Auch, weil Monja H.s Mutter vor Gericht unter Eid geschworen hatte, sie sei niemals über den Übergriff informiert worden. In einer weiteren Verhandlung widerrief die Frau diese Angaben, sie bekam eine Verurteilung wegen falscher Zeugenaussage - zu der sie, wie sie beteuerte, der Mediziner genötigt habe. Für den Mediziner hatte diese Beschuldigung keine Folgen, auch das Missbrauchsverfahren wurde bislang nicht fortgesetzt.

Zurück zu den Ereignissen im August 2014: „Gleich nach der Trennung von Edi begannen auch schon diese schrecklichen Drohungen“, so Monja H., „eine seiner Geliebten rief mich ständig an, beschwor mich, über das, was er mir angetan hatte, zu schweigen. Andernfalls würde er mich von der russischen Mafia töten lassen.“

Monja H. nahm die Telefonate auf - und übermittelte die Tonbandaufzeichnungen der Kripo. Die Freundin des Arztes wurde in der Folge wegen gefährlicher Drohung angeklagt. Ihre Strafe: lediglich 800 Euro.

Der Altenpflegerin ist das milde Urteil bis heute unverständlich: „Ich hatte doch Todesangst.“

Vater in endloser Verzweiflung“ eingeweiht
In ihrer „endlosen Verzweiflung“ habe sie dann beschlossen, ihrem Vater von ihrem Drama zu berichten: „Das fiel mir nicht leicht. Weil ich ja wusste, dass er selbst viele Probleme hatte.“ Alois H., schwer leberkrank, seit einem Arbeitsunfall konnte der einstige Zimmerer den rechten Arm kaum bewegen, „und gerade erst hatte er sich bei einem Sturz die linke Schulter gebrochen“.

Auch seine Situation daheim war angespannt: „Meine Mutter und er führten seit Langem keine eheliche Beziehung, sie lebten trotzdem zusammen, sie vertrugen sich gut.“ Aber kürzlich war der neue Partner der Frau in das Haus eingezogen - ein Mann mit einer zwielichtigen Vergangenheit, polizeibekannt. „Dennoch“, so Monja H., „mein Papa ließ sich nicht unterkriegen. Als ich ihn am 23. September besuchte und ihm von meinen Schwierigkeiten erzählte, sagte er gleich, ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Er würde nämlich den Schnorrer - er nannte Edi so, weil er ständig Patienten beerbte - zur Räson bringen.“

„Meine Mama fand ihn in einer Blutlache“
Es war das letzte Mal, dass die Altenpflegerin ihren Vater sah. Zwei Tage später war er tot. „Meine Mama fand ihn am frühen Morgen des 25. September in der Küche in einer Blutlache.“

Neben ihm ein Revolver, der dem Mediziner gehörte. In Vernehmungen beteuerte der Arzt, er wisse nicht, wie die Waffe in den Besitz von Alois H. gekommen sei.

Der 63-Jährige habe Selbstmord begangen, sich eine Kugel in den Kopf gejagt, so das rasche Urteil der örtlichen Polizei. „Ich erklärte den Beamten, dass mein Papa sich sicherlich nicht selbst umgebracht hat, dass er ermordet worden sein muss.“

Monja H.s Aussage wurde zu Protokoll genommen, allerdings fanden keine weiteren Erhebungen statt. Obwohl Gerichtsmediziner bei der Obduktion der Leiche feststellten, dass an den Händen des Verstorbenen Schmauchspuren - wie bei einem Suizid üblich - fehlen würden. Und obwohl eine Tatortanalyse des Bundeskriminalamts dasselbe alarmierende Ergebnis brachte.

"Es war ein Kampf gegen Windmühlen“
„Jahrelang führte ich einen Kampf gegen Windmühlen“, klagt die 29-Jährige: „Immer wieder versuchte ich die Behörden davon zu überzeugen, die Causa aufzurollen. Aber es hieß immer nur: Lassen Sie Ihren Vater in Frieden ruhen, er ist freiwillig aus dem Leben geschieden, finden Sie sich mit dieser Tatsache ab.“

„Kugel unmöglich selbst abgefeuert“
Letztlich wandte sich die Steirerin an Gerichtsmediziner Johann Missliwetz und bat ihn um eine Überprüfung der Akten. Wochenlang studierte er dann die medizinischen Befunde, die Aufzeichnungen über den Schusswinkel - und kam letztlich zu dem eindeutigen Schluss: „Alois H. kann die Kugel unmöglich selbst abgefeuert haben.“

Die Ausführungen wurden der Justiz übermittelt, die daraufhin Manuel Fließ, einen Waffensachverständigen, mit Untersuchungen beauftragte. Auch er stellte schließlich in einem Gutachten fest: „Es ist von Fremdverschulden auszugehen.“

Die Staatsanwaltschaft Graz hat mittlerweile ein Verfahren eingeleitet wegen des Verdachts des Mordes, an Alois H., gegen unbekannte Täter.

„Warum erst jetzt?“
Fahnder des Landeskriminalamts, so ein Gerichtssprecher, sollen demnächst Ermittlungen in dem mysteriösen Todesfall starten. Um endlich die wahren Umstände und Hintergründe der Tragödie zu klären. „Warum erst jetzt?“, fragt Monja H. und sieht sich wieder einmal ängstlich im Lokal um: „Ich fürchte mich davor, dass der oder die Killer meines Vaters hinter mir her sind. Denn sie ahnen sicherlich, dass mein Wissen für sie gefährlich werden könnte.“

Der Mediziner will zu den neuen Entwicklungen keine Stellungnahme abgeben. „Mein Klient“, so seine Anwältin Klaudia Reißner, „hat das in früheren Verfahren nicht getan - und er wird diese Strategie beibehalten. Aber fest steht natürlich: Er ist unschuldig.“

Ein Freispruch und noch ein Prozess
Ihr Vater habe sie von klein an schwer misshandelt, psychisch und physisch, behaupten die vier Kinder des Arztes, und erst nach der Scheidung ihrer Eltern im Jahr 2014 wollen sie den Mut gefunden haben, der Mutter von dem jahrzehntelangen Drama zu berichten. Davon, dass ihnen der Arzt regelmäßig Drogen verabreicht, ihnen ständig mit Selbstmord gedroht, sie körperlich verletzt und sich einer seiner drei Töchter sogar sexuell genähert habe.

2017 wurde dem Arzt wegen dieser Vorwürfe im Landesgericht Graz der Prozess gemacht - er endete mit einem Freispruch für ihn. Das Oberlandesgericht hat das Urteil mittlerweile wegen diverser Verfahrensfehler aufgehoben. Am 26. Februar beginnt nun der Prozess in zweiter Instanz. Abermals im Landesgericht Graz.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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