Mo, 22. Oktober 2018

„Krone“-Interview

23.09.2018 06:00

Kern: „Ein Egotrip war nie mein Bedürfnis“

Ein verpatzter Rücktritt und eine Kandidatur, von der keiner etwas wusste: Damit endete diese Woche die kürzeste Amtszeit eines Vorsitzenden in der Geschichte der SPÖ. Mit der „Krone“ spricht Christian Kern (52) über Mumpitz und Glaubwürdigkeit, Bihänder und Maulwürfe und seine Wunschnachfolgerin Pamela Rendi-Wagner.

Der Wiener Heldenplatz am Freitagnachmittag. Im Ersatzquartier des SPÖ-Parlamentsklubs, einem schwarzen Pavillon aus Holz, bittet Christian Kern noch um ein bisschen Geduld. Hochkonzentriert und mit einem Ausdruck der Zufriedenheit tippt er Nachrichten in sein iPhone, es überschlagen sich gerade die Ereignisse. Während unseres Gesprächs trudeln die Unterstützungserklärungen für Pamela Rendi-Wagner ein, Kern kann ihre Nominierung zu diesem Zeitpunkt noch nicht bestätigen (ein Teil des Interviews wurde deshalb am Samstagmittag telefonisch aktualisiert).

„Krone“: Sie wirken fast fröhlich. Ein Wunder eigentlich, nach dieser desaströsen Woche. Finden Sie nicht?
Christian Kern: Fröhlich sicher nicht, da kennen wir uns zu wenig, dass Sie das richtig einschätzen könnten. Aber ich war nie ein Kind von Traurigkeit. Man kann ein Glas immer halb voll oder halb leer bewerten.

Für Sie ist es immer noch halb voll?
Genau. Weil dieser Abschied natürlich mit vielen Emotionen verbunden ist - die SPÖ, ihre Mitglieder und Unterstützer liegen mir wirklich am Herzen. Aber - wie soll ich sagen? - es ist eine Entscheidung, die mir auch etwas von den Schultern nimmt. Ich möchte es gar nicht als Last bezeichnen, aber die Verantwortung, die man 24 Stunden am Tag trägt, das macht schon was mit einem Menschen.

Ihr Rückzug als Parteichef und die Ankündigung, als Spitzenkandidat für die EU-Wahl anzutreten, hat alle auf dem falschen Fuß erwischt. Altkanzler Franz Vranitzky sagte, ihn erfasse „ein großes Entsetzen“, so könne man nicht abtreten. Die Länderchefs hatten keine Ahnung, wie auch viele in Ihrer Partei. Vizekanzler Strache meinte, das sei „eine bizarre Überraschung“. Wie kann etwas so schief laufen?
Der springende Punkt ist, dass diese Entscheidung schon länger in mir gereift ist, eigentlich schon vor dem Sommer. Und natürlich ist es eine Entscheidung, die man nicht für sich alleine trifft. Man trifft sie aus politischer Verantwortung, aber auch aus Verantwortung gegenüber der Familie. Das ist mir sehr wichtig, weil ich ein ausgeprägter Familienmensch bin. Dann versuchst du, so eine Entscheidung vorzubereiten, Leute einzubeziehen und dann passiert folgendes: Entweder beziehst du zu wenig Leute ein, oder du erlebst, selbst wenn nur wenige eingeweiht sind, dass es leider zu früh in die Öffentlichkeit kommt. Das bedaure ich und übernehme die Verantwortung dafür, wenn auch nicht alles in meinem Einflussbereich lag.

Aber mit Verlaub: Sie haben noch im ORF-Sommergespräch auf die Frage, ob Sie bei den EU-Wahlen antreten, gesagt: „Totaler Mumpitz!“ Was ist da passiert?
Ich kann ja nicht durch Wien laufen und laut über meine Entscheidung nachdenken. Ich konnte also schlecht sagen, jawohl, das überlege ich mir.

Also war der „Mumpitz“ eine Notlüge?
Du musst dich immer zwischen unvollendeten Optionen entscheiden, das ist leider das Wesen der Politik. Und: Hinter den politischen Kulissen geht es oft viel banaler zu, als man glauben möchte.

Sie sagen, es lag nicht in Ihrem Einflussbereich, und haben sich in einem Brief an die Parteimitglieder für die Vorgangsweise entschuldigt. Wenn es nicht Ihre Schuld war, wessen Schuld war es dann?
Als Parteivorsitzender übernehme ich am Ende die Verantwortung, da braucht man sich auf niemanden auszureden. Es hat auch überhaupt keinen Sinn, Schuldige zu suchen. Das Motto lautet: Abhaken, nach vorne schauen! Wenn ich anfange, mich zu verbeißen, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wer mir da in die Quere gekommen ist, dann ist das nicht gut für das persönliche Gemüt. Ich glaube, das vergiftet letztlich deine Persönlichkeit.

Wie viele Leute haben Sie eingeweiht?
Wenige. Und denen vertraue ich nach wie vor absolut.

Aber wer hat es dann geleakt?
Sagen Sie’s mir!

Kein Verdacht?
Ich neige weder zu Rache noch zu Paranoia oder Verfolgungswahn. Ich habe es zur Kenntnis genommen, ich bedauere es sehr, ich hätte mir das anders gewünscht, auch für unsere Mitglieder. Aber ich werde mich nicht nächtens mit der Frage beschäftigen, wer das gewesen ist. Weil es irrelevant ist für die weiteren Pläne.

Ihr Sohn hat in einer Stellungnahme gemeint, da gebe es auch persönliche Gründe, und Sie seien schon längere Zeit frustriert gewesen.
Das wird er hoffentlich nicht gesagt haben.

Doch, das hat er gesagt. Und dass Sie bei dieser Regierung gegen eine Betonwand gelaufen seien.
Ich liebe meinen Sohn über alles und freue mich, wenn er sich bemüßigt fühlt, den Vater zu verteidigen. Aber das ist seine persönliche Einschätzung, da liegt er absolut falsch.

Es gibt auch das Gerücht, Ihre Frau hätte Druck gemacht, den SPÖ-Vorsitz abzugeben, weil es ihre Geschäfte belastet habe.
Es ist völlig logisch, dass ich meine Frau in meine Überlegungen einbezogen habe. Alles andere sind miese Unterstellungen. Meine Frau musste sechs Verleumdungsklagen führen, sie hat jede einzelne gewonnen. Also versuchen wir doch, gewisse moralische Maßstäbe zu wahren.

Und das Gazprom-Gerücht?
Eine Verleumdung.

Können Sie ausschließen, demnächst vielleicht doch noch in die Wirtschaft zu gehen?
Mit dieser Frage werde ich in regelmäßigen Abständen konfrontiert, weil es natürlich die Glaubwürdigkeit eines Politikers reduziert, wenn man solche Dinge herumerzählt. Natürlich ohne dass es die geringste Bestätigung dafür gibt.

Für Verwirrung hat Ihre Erklärung gesorgt, dass Sie „nicht mehr mit dem Bihänder auf Leute eindreschen“ wollen. Woher kommen diese martialischen Bilder?
Ich bin eigentlich jemand, der komplexe Dinge gerne komplex benennt und dem die Zuspitzung gar nicht so liegt. Aber in der Opposition gehört sie eben dazu. Wenn du vorne an der Front stehst, musst du sehr deutlich formulieren. Das ist bei mir vielleicht nicht immer so gut gelungen, weil die Leute die angezogene Handbremse spüren.

Ein Krone-Leser hat geschrieben, nicht jeder sei so gebildet wie Sie, und somit über die Waffen des Spätmittelalters informiert. Und dass Sie jetzt das Handtuch werfen würden, um einen gut dotierten Job in der EU zu ergattern.
(Christin Kern lacht, aber man kann deutlich sehen, dass er es nicht nur lustig findet.) 
Also ganz ehrlich, das sind künstliche Unterstellungen. Wenn es mir um einen gut dotierten Job gegangen wäre, warum hätte ich dann in die Politik gehen sollen? Mit Verlaub, mein Einkommen hat sich gesechstelt. Also wenn das nur eine Sekunde lang meine Überlegung gewesen wäre, dann würden wir heute nicht das Vergnügen dieses Gesprächs haben.

Dass Sie, um noch kurz in der Kriegssprache zu bleiben, „als Speerspitze für die Opposition“ nicht geeignet seien, hätten Sie das nicht früher wissen müssen?
Wir haben am 15. Oktober eine Wahl mit Stimmenzuwächsen gefeiert, da waren wir die einzigen Sozialdemokraten in Kontinentaleuropa, denen das in den letzten zwei Jahren gelungen ist. Aber es hat nicht gereicht, um das Bundeskanzleramt zu verteidigen. Da war mir klar, dass jetzt viele Entscheidungen zu treffen sind. (Kern spricht über die Hainfelder Erklärung, das Linzer Programm, die Migrationsfrage, und es ist schwer, ihn dabei zu stoppen.)

Und dann kam der Moment, wo Sie nicht mehr wollten?
Dann kam ich an einen Punkt, an dem ich mich entscheiden musste. Sehe ich in der österreichischen Innenpolitik meine Lebensperspektive? Da war mein Eindruck: Nein, es gibt Kandidaten und Kandidatinnen, die das besser können als ich.

Pamela Rendi Wagner also. Ist es nicht symptomatisch, dass eine Frau antreten muss, wenn es brenzlig wird? Oder anders gefragt: Braucht die SPÖ jetzt eine Trümmerfrau?
Wenn man eine Frau bestellt, sagen alle, das ist eine Trümmerfrau. Wenn man keine Frau bestellt, sagen alle, was für eine Chauvi-Partie. Also was soll ich dazu sagen.

Frau Rendi-Wagner ist einen Tag vor ihrer Ernennung zur Ministerin erst SPÖ-Mitglied geworden, hat nie in einer Sektion „gedient“ und deshalb keine Hausmacht. Kann so jemand die Partei führen?
Hundertprozentig! Weil die Vorsitzende und Spitzenrepräsentantin der SPÖ ja nicht in erster Linie den Funktionären gefallen muss, sondern den Wählern, die sich für sie entscheiden sollen. Rendi-Wagner hat genau jene Wertehaltungen, jenes Menschenbild, das die Sozialdemokratie auszeichnet. Was die fehlende Hausmacht betrifft, die wurde mir auch immer vorgehalten. Aber meine Hausmacht war die Basis.

Welchen Rat geben Sie ihr nach den Erfahrungen, die Sie in der Innenpolitik gemacht haben?
Sie wird das hervorragend machen und braucht von mir keinen Rat. Ich würde ihr vielleicht mein Lebensmotto ans Herz legen wollen: Niemals den Humor verlieren!(Lacht)Pamela Rendi-Wagner ist das Gegenstück zu Kurz und Strache. Eine Frau, bestens ausgebildet, mit hoher sozialer Kompetenz, Das macht sie zu einer ernstzunehmenden Herausfordererin, sie wird Kurz richtig gefährlich werden können.

Sie überlassen Ihr also das Feld und gehen als SP-Spitzenkandidat in die EU-Wahl. Wollen Sie auch europäischer Spitzenkandidat werden?
Mir geht es nicht um einen Posten oder Job. Mir geht es darum, jene Kräfte zu stärken, die für ein gemeinsames Europa stehen, nicht jene, die ihre Abrissbirne gegen Europa einsetzen. Die Trumps, Salvinis, Orbans, Kaczynskis und Straches wollen Europa zerstören. Deshalb will ich verhindern, dass die rechten Demagogen zweitstärkste Fraktion im Europaparlament werden. Das sehe ich als meine Aufgabe.

Werden Sie sich bewerben? Die Frist läuft ja am 18. Oktober aus?
Ich werde mir die Gesamtkonstellation ansehen und dann schauen, was das Beste ist. Das ist wie in der SPÖ. Man muss schauen, was der Idee am meisten hilft, und wer am meisten einbringt. Ein Egotrip war nie mein Bedürfnis.

Also ist die Bewerbung nicht fix?
Wir werden das in Ruhe diskutieren. Das ist die Antwort. Wenn es gewünscht wird, werde ich es tun.

Ist Kommissionspräsident ein Ziel?
Meine Anliegen sind inhaltliche, der Rest sind wilde Spekulationen. Ziel muss jetzt einmal sein, in Österreich eine Kampagne aufzusetzen und ein Team zu formen, das die kommende EU-Wahl gewinnen kann. Mein Bild von Europa ist, wie Kohl und Mitterrand in Verdun auf dem Soldatenfriedhof stehen, sich im Angesicht der Toten von zwei Weltkriegen die Hände reichen und schwören, so etwas darf nie wieder passieren. Mitterrand hat damals gesagt: „Nationalismus führt am Ende immer zum Krieg.“ Und das ist ein bedeutender Satz, der heute wieder Gültigkeit hat.

Dieser große, schöne Satz von Ihnen, über das Schauspiel der Macht- und Zukunftsversessenheit: Hat der auch noch Gültigkeit?
Ja, sicher. Was ich getan habe, ist ja wohl eine Demonstration, dass ich nicht machtversessen bin. Mir geht es nicht um eine Rolle, sondern um das beste Ergebnis für das Land und die Sozialdemokratie. Die 130-jährige Geschichte der SPÖ hat gezeigt, dass die Dinge nie an einer einzelnen Person hängen. Wenn Sie beim 1. Mai am Rathausplatz stehen und die Massen sehen, dann verstehen Sie, dass es die Vielen sind, die die Idee vorantreiben und dass Sie ein Teil dieser Vielen sind, ein Tropfen im Ozean eigentlich.

Verstehen Sie nicht, dass viele enttäuscht sind?
Ja klar verstehe ich das und es tut mir auch wirklich zutiefst Leid. Aber am Ende geht es um eine optimale Aufstellung und darum, dass jeder mit seiner Rolle im Reinen ist. Ich habe zweieinhalb Jahre lang jede Woche 80 bis 100 Stunden in diese Rolle investiert, und das mit großer Leidenschaft. Die Enttäuschung muss ich zur Kenntnis nehmen. Der Parteivorsitzende, der von allen immer geliebt wird, der ist noch nicht geboren.

Nun gehen Sie als kürzestdienender Kanzler und Parteichef in die Geschichte ein. Trifft das einen wunden Punkt?
Nein. Das ist keine Kategorie.

War es vielleicht Ihr größter Fehler, den Plan A nicht sofort durchzuziehen und in Neuwahlen zu gehen?
Das sind Spekulationen. Wer weiß, wie es dann gekommen wäre.

Sehen Sie Ihre Glaubwürdigkeit durch all das beschädigt?
Natürlich wird daran vom politischen Gegner permanent gearbeitet. Das müssen aber andere beurteilen. Aus meiner Sicht war es ein gerader Weg. Ich bitte da meine persönlichen Motive zu respektieren. Es muss doch möglich sein zu sagen: Ja, ich bleibe in der Politik, aber ich möchte einen anderen Schwerpunkt setzen.

Sind Sie eigentlich ein Mensch, der in wichtigen Entscheidungen eher der Ratio oder der Emotion folgt?
Ich habe, wenn ich ehrlich bin, alle meine beruflichen Entscheidungen gegen mein Bauchgefühl getroffen. Ich wollte nicht von den ÖBB weg, ich wollte nicht unbedingt in die Politik. Trotzdem bereue ich den Schritt keine Sekunde, weil ich unendlich viel erlebt und gelernt habe.

Was ist Ihre Conclusio?
Dass es wahrlich wenige Politiker gibt, denen es vergönnt war, die Welt zu verändern. Mitterrand und Kohl gehören dazu, sicher auch Bruno Kreisky. Über den Rest wird das Gras der Geschichte schneller wachsen als ihnen lieb ist.

Also auch über Sie.
Selbstverständlich. Auch wenn mir manchmal Überheblichkeit nachgesagt wird: Sie können mir glauben, dass ich mir meiner Bedeutung in dieser Welt bewusst bin. Ein Tropfen im Ozean.

„Zur Person“: Manager, Politiker, Vater
Geboren am 4. Jänner 1966 als Sohn einer Sekretärin und eines Elektroinstallateurs in Wien-Simmering. Kern studiert Publizistik und engagiert sich schon früh in der SPÖ. 1997 Wechsel in den Verbund, ab 2007 Vorstandsmitglied. Im Juni 2010 wird er Vorstandsvorsitzender der ÖBB-Holding AG sowie ab 2014 Vorsitzender der Gemeinschaft europäischer Bahnen. Am 17. Mai 2016 wird Kern Bundeskanzler, am 25. Juni 2016 SPÖ-Chef. Verheiratet mit der Unternehmerin Eveline Steinberger-Kern. Vater von vier Kindern aus zwei Ehen.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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