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11.12.2016 - 14:31
Foto: Zwefo, Kristian Bissuti

Wohin führt diese Völkerwanderung, Herr Portisch?

20.10.2015, 06:09
Beinahe-Bundespräsident und Welterklärer Hugo Portisch (88) spricht mit Conny Bischofberger über die Flüchtlingskrise, Frauen in der Politik, sein neues Buch und - die Liebe.
Tag vier nach Erscheinen seiner Biografie - und es wird bereits die zweite Auflage gedruckt. "Wunderbar!", ruft Hugo Portisch, als er das hört. Er verfolge aber die Verkaufszahlen nicht, er wisse nicht einmal die Höhe der Tantiemen. Wir treffen den 88- Jährigen in seinem Büro im 3. Wiener Gemeindebezirk. Ein nüchterner Besprechungsraum mit ein paar gerahmten Drucken von Keith Haring an der Wand. Auf dem Tisch vor ihm liegt das dunkelrote Buch, in dem er die Geschichte der Zweiten Republik mit seiner eigenen Geschichte verwoben hat.

Hugo Portisch mit "Krone"-Interviewerin Conny Bischofberger
Foto: KRISTIAN BISSUTI

"Krone": Sind Sie stolz, wieder einen Bestseller geschrieben zu haben?
Hugo Portisch: Das Wort "stolz" hab' ich nie gemocht, also stolz möchte ich nicht sein. Aber ich bin glücklich, vor allem, wenn ich damit auch ein bisschen was bewirke. Man plagt sich ja ziemlich lange mit so was.

"Krone": Wie lange haben Sie am Buch gearbeitet?
Portisch: Das kommt darauf an, was Sie unter Arbeit verstehen. Vorbereitet hab' ich es ein paar Monate, aber das Diktieren - denn ich schreibe ja nicht selber - ist recht flott gegangen. Drei, vier Wochen höchstens.

"Krone": Rechnen Sie im Kopf mit, wie viel Sie jetzt verdienen werden?
Portisch: Nein, ich weiß nicht einmal den Verkaufspreis. Ich weiß nur eines: Was immer mir dieses Buch bringen wird, die Hälfte nimmt das Finanzamt weg (lacht).

"Krone": Ihre Erinnerungen sind auch ein Abbild der wechselvollen Geschichte dieses Landes...
Portisch: ... dieses Wunderlandes! Denn Österreich besteht ja aus vielen Glücksfällen und Zufällen und sehr, sehr tapferen Menschen. Auf dieses Österreich bin ich wirklich stolz. 1956 kamen an die 200.000 Ungarn nach Österreich, ohne Pass und Visum, und die Menschen haben sie willkommen geheißen, haben sie genährt, gekleidet und aufgenommen. In Wien haben Tausende Bürger Flüchtlinge in ihre Privatwohnungen eingeladen. Auch heute noch verhalten wir uns vorbildlich und europagerecht. Auch wenn wir die Flüchtlinge großteils nur durchwinken.

"Krone": Sie empfehlen ein militärisches Eingreifen der europäischen Armeen in Syrien. Hat Europa in der Flüchtlingspolitik versagt?
Portisch: Europa hat sich ganz schwere Versäumnisse geleistet. Es gibt zwar eine gemeinsame Sicherheitspolitik, aber ohne Militär gibt es keine Sicherheit. Der Nahe Osten - geografisch gesehen ganz Arabien - ist das beste Beispiel dafür, dass man in bestimmten Situationen, zum Beispiel gegenüber den Schlächtern des IS, militärische Gewalt anwenden muss, um nicht selber vor die Hunde zu gehen.

"Krone": Sie haben als Historiker immer auch Szenarien vorausgeahnt. Wohin führt uns diese Völkerwanderung noch?
Portisch: Das ist eine "Million Dollar Question", wie die Amerikaner sagen würden. Schwer vorauszusagen. Sicher sagen kann man allerdings, wohin sie nicht führen sollte. Denn wenn sich ein guter Teil der Mitgliedsstaaten der EU - Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn und möglicherweise auch noch andere - weiter so verhalten, dann wird es zu einer Zerreißprobe für die Europäische Union kommen. Man kann nicht in eine Gemeinschaft eintreten, die auf Zusammenhalt und Solidarität basiert, und dann, wenn es auf eigene Opfer ankommt, ausscheren und plötzlich nur noch nationalistische Ziele verfolgen. Das ist schändlich.

"Krone": Hat Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban kein Recht zu sagen: "Ich will, dass Ungarn ein christliches Land bleibt"?
Portisch: Das ist demagogisch und verlogen. Ungarn war jahrhundertelang besetzt von den Türken! Ein paar Tausend, ja selbst ein paar Zehntausend Mohammedaner zerstören doch das christliche Ungarn nicht! Orban soll nicht so groß reden.

"Krone": Welche Chance hat die EU gegen solche Länder?
Portisch: Es wird Kräfte geben, die sich das auf Dauer nicht gefallen lassen werden. Wer nicht solidarisch ist, hat entweder in der EU nichts zu suchen oder zumindest keinen Anspruch auf EU- Schutz und EU- Schutzgelder. Dieser Zerreißprobe muss die EU entgegentreten.

"Krone": Und wenn es ihr nicht gelingt?
Portisch: Dann wird es letzten Endes zu einer Spaltung kommen. Aber diese Spaltung wird nicht so unerwartet und überraschend sein, denn die Frage, ob alle Länder Schritt halten können, stand ja schon bei der Einführung des Euro im Raum. Einige gar nicht so dumme EU- Politiker haben gesagt: Notfalls machen wir eine Union mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Eine, die langsamer vorangeht, und eine, die schneller ist. Das wäre ein denkbares Szenario.

"Krone": Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht. Muss Europa Angst vor einer Islamisierung haben?
Portisch: Ich sehe es eher umgekehrt. Wenn all die Flüchtlinge in Deutschland erst einmal die Sprache lernen, einen Job annehmen müssen, wenn ihre Frauen und mitgebrachten Kinder diese freie, liberale Gesellschaft erleben, dann müssen die Muslime Angst haben, dass sie ihre strikten Gebote und Regeln in dieser Umgebung nicht aufrechterhalten können. Ich glaube eher, dass die Muslime ihren Einfluss auf Kinder und Frauen verlieren werden, als dass wir Angst vor einer Islamisierung haben müssten.

"Krone": Am kommenden Montag ist Nationalfeiertag. Ist die "immerwährende Neutralität" in Zeiten globaler Herausforderungen noch ein hohes, wertvolles Gut?
Portisch: Die Neutralität war nie ein wertvolles Gut, die Neutralität hätte uns im Kriegsfall nicht eine Sekunde geschützt. Aber die Neutralität war identitätsstiftend. In der Ersten Republik haben sich ja alle als Deutsche gefühlt, und nach dem Krieg hat eine Million Österreicher für Großdeutschland gekämpft. Heute käme es keinem Österreicher mehr in den Sinn, sich als Deutscher zu bezeichnen. Einer der Gründe dafür ist: Wir sind neutral.

"Krone": Am Nationalfeiertag ist Tag der Offenen Tür in der Hofburg. Hat es Ihnen nie leidgetan, dass Sie eine Präsidentschaftskandidatur abgelehnt haben?
Portisch: Nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde!

"Krone": Sollten sich SPÖ und ÖVP jetzt auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen?
Portisch: Ich halte das nicht für sehr sinnvoll, denn Demokratie besteht nun einmal in der Auseinandersetzung. Wenn alles im Konsens erledigt werden könnte, brauchen wir keine Wahl. Ich halte das für eine Schwächung der Demokratie.

"Krone": Würden Sie es begrüßen, wenn erstmals eine Frau Bundespräsidentin würde?
Portisch: Selbstverständlich, sehr sogar! Auch in Amerika wird es höchste Zeit, dass endlich eine Frau regiert, so wie es höchste Zeit war, dass mit Barack Obama ein Afroamerikaner Präsident wurde.

"Krone": Glauben Sie eigentlich, dass Sie als Frau auch so erfolgreich gewesen wären?
Portisch: Gute Frage. Das weiß ich nicht. Aber ich hoffe, dass auch eine Journalistin Portisch wirken hätte können, wie ich als Journalist gewirkt habe.

"Krone": Sie sind 88 und erstaunlich fit. Haben Sie ein paar Tipps?
Portisch: Ich trinke gerne ein Gläschen Wein und mache nie Gymnastik. Ich werde zwar als uralter Mensch wahrgenommen, fühle mich selbst aber überhaupt nicht alt.

"Krone": Ihr Wegbegleiter, "Krone"- Herausgeber Hans Dichand, hat sich einen überraschenden Tod am Schreibtisch gewünscht. Wie ist das bei Ihnen?
Portisch: Beim Diktieren tot umfallen, das wär's (lacht). Aber ich denke noch lange nicht dran!

"Krone": Sie sind unglaubliche 65 Jahre mit Ihrer Frau Traudi verheiratet: Wie haben Sie die Liebe so lange frisch gehalten?
Portisch: Es ist eine völlig falsche Vorstellung, dass Liebe verwelkt. Das Gegenteil ist wahr: Je länger man beisammen ist und Gemeinsames durch- und erlebt, desto stärker wird sie. Liebe verwelkt nicht, Liebe wächst.

Zur Person

Geboren am 19. Februar 1927 in Pressburg. Studium der Geschichte, Germanistik, Anglistik und Publizistik. 1948 beginnt seine herausragende journalistische Karriere. Als ORF- Korrespondent erlebte und erzählte Hugo Portisch Weltgeschichte. Seine Memoiren "Aufregend war es immer" sind im ecowin- Verlag erschienen und kosten 24,95 Euro.

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Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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