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08.12.2016 - 05:27
Foto: Peter Tomschi

Neue "Burg"- Chefin: "Ich bin keine Trümmerfrau"

22.03.2014, 16:53
Erstmals in seiner 238-jährigen Geschichte leitet eine Frau das Wiener Burgtheater (fünf Millionen Euro Steuerschulden, 8,3 Millionen Minus): Im Interview mit Conny Bischofberger spricht Karin Bergmann (60) über ihr Himmelfahrtskommando, für das sie auch noch deutlich weniger Gage verlangt, als man ihr angeboten hat.

Samstagmorgen beim Eingang des Burgtheaters. "An guaten Griff hamma g'mocht mit ihr", freut sich der Portier. Dann holt Karin Bergmann ihre Gäste dort höchstpersönlich ab. Das Büro von Vorgänger Matthias Hartmann, der nach einem Finanzdebakel fristlos entlassen wurde, sieht jetzt aufgeräumter aus. Den Schreibtisch hat die neue "Burgherrin" - "Mir ist 'Chefin' aber lieber!" - von der Mitte des Raumes an die Wand gerückt. Überall stehen Blumensträuße. Es wird Kaffee serviert, den die gebürtige Deutsche auf der zweiten Silbe betont. Sie selbst trinkt nur Wasser aus einem Tonhäferl. Zum schwarzen Nadelstreifblazer trägt sie avantgardistische Ohrringe. Wenn sie erzählt, ranken sich ganz viele Lachfältchen um ihre wasserblauen Augen. Karin Bergmann hat Peymann, Bachler und Hartmann erlebt – nun ist sie selbst zur Spitze aufgerückt.

Foto: Peter Tomschi

"Krone": Dass ein Burgtheater- Chef gefeuert wird, gab es in der 238- jährigen Geschichte des Hauses noch nie. Dass eine Frau die Leitung übernimmt, ist auch eine Premiere. Was finden Sie bemerkenswerter?
Karin Bergmann: Das Zweite wäre hoffentlich sowieso eines Tages passiert und wird irgendwann völlige Normalität sein. Also doch das Erste - das ist ein Faktum, von dem ich hoffe, dass es nie wieder eintreten muss.

"Krone": Frauen wird ja oft nachgesagt, dass sie zögerlicher und selbstkritischer sind, wenn sie eine Führungsposition angeboten bekommen. War es bei Ihnen so?
Bergmann: Selbstkritik ist tatsächlich eine Eigenschaft, die ich sehr gut kenne. Von Zögerlichkeit konnte keine Rede sein. Ich hatte das Gefühl, dass es nötig ist, es zu machen. Ich war auch nicht überrascht, sondern im Gegenteil: Es hätte mich gewundert, wenn man mich nicht angerufen hätte. Es gab ja auch Angebote anderer Theater. Die habe ich aber abgelehnt, weil ich liebend an Wien gebunden bin.

"Krone": Stimmt der Eindruck, dass Männer hier ein Schlamassel angerichtet haben, und jetzt soll eine starke Frau das wieder in Ordnung bringen?
Bergmann: Frauen werden ja oft gerufen, wenn es ans Aufräumen geht. Trotzdem, ich bin keine Trümmerfrau. Die Fundamente der "Burg" stehen ja, und man kann darauf sehr gut neu aufbauen und Schäden reparieren...

"Krone": Warum haben Sie es billiger gegeben als Ihr Vorgänger?
Bergmann: Dazu muss ich ganz ehrlich sagen: Man hat mir die gleiche Gage angeboten, die Matthias Hartmann bezogen hat. Dass ich jetzt eine deutlich reduzierte Gage hab', ist nicht, weil man mich runtergehandelt hat. Ich habe zum einen mein Gehalt in Relation zu dem gesetzt, was ich hier als Vizedirektorin unter Klaus Bachler verdient habe. Zum anderen dachte ich mir: In Zeiten, wo alle rechnen und sparen müssen, will ich ein Zeichen setzen.

"Krone": Aber war es für die Gleichstellung der Frauen das richtige Zeichen?
Bergmann: Natürlich ist eine Gage ein Statussymbol, und ich kann verstehen, wenn man sagt: Das ist politisch wichtig, sich hier unnachgiebig zu zeigen. Aber mir erschien es in dieser besonderen Situation, in der das Burgtheater - also wir alle - sind, korrekt.

"Krone": Fünf Millionen Euro Steuerschulden und ein Minus von 8,3 Millionen: Können Sie das Burgtheater retten?
Bergmann: Mit fähigen und willigen Partnern schon. Allen voran mein kaufmännischer Geschäftsführer Thomas Königstorfer, aber ich brauche auch die Holding und die Politik dazu. Und natürlich die Schauspieler. Ich gehe jeden Abend vor den Vorstellungen durch die Garderoben, wir haben uns darauf verständigt, nicht über die Vergangenheit zu reden, sondern sofort angefangen, Pläne zu schmieden und über die Zukunft zu sprechen...

"Krone": Wie können Sie verhindern, dass es dabei immer rechnet in Ihrem Kopf?
Bergmann: Das Denken muss immer groß bleiben. Selbst in schwierigen Zeiten muss man sich trauen, erstmal alles zu träumen, und dann wird man auch ein Format finden, es im richtigen Maß zu realisieren. Das Burgtheater hat ja einen sehr, sehr komplexen Kulturauftrag.

"Krone": Aber kein Geld mehr...
Bergmann: Trotzdem muss es gut aufgestellt sein. Es soll sich auch weiterhin große und aufwendige Produktionen leisten, aber wenn ich einen Haushalt führe, kann ich eben auch nicht jeden Tag einen Sonntagsbraten kaufen. An unserem Spielplan für die kommende Saison wird man ablesen können, dass man die Spielstätten auch unter bescheideneren Konditionen gut bespielen kann, ohne die 12.000 festen Besucher, die Abonnenten, die Wahlabonnenten, die Freunde des Burgtheaters vor den Kopf zu stoßen.

"Krone": Lässt sich der Spielplan denn realisieren?
Bergmann: Wir untersuchen im Augenblick genau, was realistisch ist - es gibt ja auch noch Regiepositionen, die mit Matthias Hartmann besetzt waren.

"Krone": Haben Sie schon mit ihm gesprochen?
Bergmann: Ja, es gab bereits ein Gespräch.

"Krone": Wird sein Stück "Im falschen Film" aufgeführt werden?
Bergmann: Ich wünsche es mir, wir verhandeln gerade darüber. Der April- Termin lässt sich aber sicher nicht halten.

"Krone": Auf sein Auto soll geschossen worden sein, Hartmanns Kinder wurden auf der Straße angepöbelt. Tut er Ihnen Leid?
Bergmann: Ich finde das grauenhaft und möchte mir gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die so handeln oder auch nur so denken. Ich hoffe für Matthias Hartmann und seine wunderbare Familie, dass der Moment kommt, in dem sich alles in Würde aufklärt.

"Krone": Hat die "Süddeutsche" recht, wenn sie schreibt, Matthias Hartmann sei ein Repräsentant der "Generation Gier" gewesen?
Bergmann: Mit diesem Begriff tue ich mir sehr schwer. Ich glaube, die Gier liegt nicht in den Menschen, sondern in dem, was ihnen alles an Statussymbolen geboten wird. Ich hoffe, dass Frauen da wacher und vorsichtiger sind, was Korrumpierbarkeit betrifft.

"Krone": Sie werden sich also jetzt keinen Porsche anschaffen?
Bergmann: Ich bin Fußgängerin... Manchmal fahre ich auch mit dem Rad. Ich wohne im achten Bezirk, da geht das gut. Und wenn ich bepackt bin mit schweren Akten, leiste ich mir auch ab und zu ein Taxi.

"Krone": Hartmann bekam die Fristlose, genauso wie Geschäftsführerin Silvia Stantejsky. Herr Springer hingegen - immerhin Aufsichtsrat - ist fein heraußen. Ist das in Ihren Augen fair?
Bergmann: Da ich vier Jahre nicht im Haus war, und das ist eine lange Zeit, kann ich das wirklich nicht beurteilen.

"Krone": Das war jetzt eine sehr diplomatische Antwort...
Bergmann: Der Punkt ist der: Ich habe Matthais Hartmann in unserem ersten und einzigen gemeinsamen Jahr darauf aufmerksam gemacht, dass ich das Gefühl habe, wir übernehmen uns. Ich habe ihm das Haus damals in einem guten Zustand übergeben... Über das, was in den vier Jahren danach entstanden ist, maße ich mir kein Urteil an. Da sind so viele Juristen damit beschäftigt, dass ich nicht dilettieren werde.

"Krone": Wertet es Sie eigentlich ab, dass Sie "nur" Interimsdirektorin sind?
Bergmann: Nein, denn das muss ja nicht ständig so stehenbleiben.

"Krone": Werden Sie sich für die Burgtheaterdirektion nach 2016 bewerben?
Bergmann: Ich schaue mir das jetzt einmal an. Und dann treffe ich meine Entscheidung...

"Krone": Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit?
Bergmann: Sagen wir fifty- fifty.

"Krone": Sie sind 1986 mit Claus Peymann nach Wien gekommen und haben mit ihm gemeinsam turbulente Jahre durchlebt. Woran erinnern Sie sich besonders gern?
Bergmann: An den "Heldenplatz". Das war ein Triumph, nicht nur für Claus Peymann, sondern für ganz Österreich. Ich glaube, mittlerweile haben alle begriffen, dass es hier nicht um Österreich- Beschimpfung ging, sondern dass Thomas Bernhard zu einem Zeitpunkt, an dem sich das niemand vorstellen konnte, davor gewarnt hat, was alles wiederkommen kann, wenn wir nicht wachsam sind. Thomas Bernhard war nahezu visionär - und ist heute aktueller denn je.

"Krone": Was haben Sie von Claus Peymann gelernt?
Bergmann: Unbestechlichkeit. Hartnäckigkeit. Und manchmal laut in den Wald hineinzurufen, damit man sich nicht fürchtet!

"Krone": Sie stammen aus einer Bergarbeiterfamilie, wie sind Sie zum Theater gekommen?
Bergmann: Ich hatte einfach Sehnsucht nach Schönheit... In meiner Kindheit im Ruhrpott hat man die Gardinen alle zwei Wochen gewaschen, weil es so grau war. Die Fördertürme der Kohle waren ständig in Bewegung... Literatur war meine große Leidenschaft. Am Theater habe ich gesehen, dass es eine Kunstform gibt, die sich mit den großen Themen der Menschheit an einem öffentlichen Ort auseinandersetzt. Da wollte ich unbedingt hin.

"Krone": Frau Bergmann, Sie hatten während des ganzen Gesprächs ein Lächeln auf den Lippen. Sind Sie so glücklich, dass Sie jetzt Burgtheater- Direktorin sind?
Bergmann: Glücklich würde ich es nicht nennen, dazu bin ich von meinem Grundnaturell her nicht unbeschwert genug. Ich bin jemand, der sich gerne alles etwas düster ausmalt, um sich dann positiv überraschen zu lassen. Das Lächeln kommt vielleicht daher, dass ich Zuversicht ausstrahlen will. Das haben wir im Moment alle hier bitter nötig.

Zweite wird Erste

Geboren als ältestes von drei Kindern am 13. Juli 1953 in Recklinghausen, der Vater ist Bergarbeiter. Matura im zweiten Bildungsweg. 1979 beginnt sie als Direktionsassistentin am Schauspielhaus Bochum unter Claus Peymann, ist dann Pressereferentin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und geht 1986 mit Peymann als Pressesprecherin ans Burgtheater nach Wien. 1993 wechselt sie zu den Vereinigten Bühnen, 1996 zu Klaus Bachler an die Volksoper. Als Bachler 1999 Burgchef wird, ist Karin Bergmann seine Vizedirektorin. Bei Matthias Hartmann bleibt sie noch die erste Spielzeit. 2011 scheidet sie aus, 2012 geht sie nach 40 Berufsjahren in ASVG- Pension. Am 18. März beruft sie Josef Ostermayer nach der fristlosen Entlassung Hartmanns zur Interimsdirektorin der "Burg".

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Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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