So, 17. Dezember 2017

Ergiebig geschürft

07.04.2008 18:54

Fotos: "Nach dem Goldrausch"

Bei ihrem Debüt lehnten sich die deutschen Indierocker "Fotos" noch an Bloc Party und Co. an. Mit ihrem neuen Longplayer "Nach dem Goldrausch" hat die Band um Frontmann Tom Hessler nun ihren Stil gefunden und zeigt, dass man der Mammutaufgabe mit der sprichwörtlichen schwierigen, zweiten Platte einfach entgehen kann, in dem man dem eigenen Sound so lange ein Feintuning verpasst, bis man sich neu erfunden hat. Jetzt experimentieren die "Melodien-Goldgräber" aus Hamburg mit jazzig-funkigen Sounds, Disco-Synthesizern und singen herzhaft Kopfstimme. Am 14. April gastieren Tom Hessler und seine Mannen übrigens im Wiener Flex.

Die Veränderungen auf "Nach dem Goldrausch" haben Berechtigung. Der rotzige Sound ihres selbstbetitelten Debütalbums ließ sie Ende 2006 zwischen den anderen etwas härter ausgerichteten Indie-Germanen hervorstechen. Mittlerweile erblickt aber man zwischen Dauerbrennern wie Madsen oder den Ärzten vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr - und da kommt ein etwas aufgefrischter Sound gelegen. Man ist seiner Zeit also wieder etwas voraus.

Der Sound von "Nach dem Goldrausch" ist für die Geradeaus-Lyrik von Tom Hesslers Texten wie ein samtiger, maßgeschneiderter Einband. Synthesizer, die an die Signale von Casino-Spielautomaten (die Guten, nicht das analoge Geräusch-Geklimper!) erinnern, umhüllen die jazzig-funkig und hin und wieder auch glasklaren Sounds von Gitarrist Deniz, der das neue Album mit seinen Licks auf Händen trägt und sich einmal selbst übertreffen darf: Die Single "Nach dem Goldrausch" (Video oben) ist doppelt vorhanden, heißt als letzter Track aber "Kalifornien" und ist bis auf den Text nicht wiederzuerkennen. Das Album erreicht hier seinen Sound-mäßigen Höhepunkt, an dem Akustik-, Jazz-, Slide-Gitarre und ein knackiger Clean-Sound in vier spannenden Minuten und 54 Sekunden zueinander finden, als wäre das das Natürlichste der Welt.

Von der Hektik und Überstürztheit des Debüts haben sich die vier Hamburger ebenso verabschiedet, wie von allen Britpop-Klischees, die sie damals noch fleißig zitierten. Nur auf "Serenaden" dringt etwas Gestampftes durch, das der besungenen Beziehungskiste und dem trägen "Frühstücksbeat" aber bestens steht. Mit dem gemächlich marschierenden "Explodieren", den betont tanzbar gemachten Songs "Ich häng and Dir und Du hängst an Mir" und "Essen, schlafen, warten, spielen", dem trägen Lounge-Track "Ein Freak und ein Spinner" oder dem garstigen "Das ist nicht was ich will" präsentieren sie abwechslungsreiche Songs, die jedesmal eine Wendung einschlagen, wenn man glaubt, sie durchschaut zu haben. Mit "Fotos" hat es Tom Hessler nun auch geschafft, wirklich einen Song über Fotos (also Bilder) zu schreiben. Die Herren, ihr könnt euch ruhig noch öfters auf so eine ergiebige Schürftour begeben!

8,5 von 10 Goldgräber-Melodien


Von Christoph Andert

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