Mi, 13. Dezember 2017

"Lage unerträglich"

12.07.2017 13:41

Italien im Würgegriff des Massentourismus

Politische Wirren und Terrorangst haben die Urlauberströme umgeleitet - weg von der Türkei, Ägypten, Tunesien und Marokko hin zu sichereren Destinationen. Davon profitiert Italien in großem Stil. Allerdings stoßen mittlerweile viele italienische Städte an ihre Grenzen. Politische Proteste und mitunter skurrile Versuche, die Besucherströme zu verringern bzw. zu kanalisieren, sind die Folge. So wollen einige Bürgermeister einen Numerus Clausus für Gäste einführen. Mancherorts werden Touristen gar mit Seife und Wasser "verjagt".

Nicht nur in Venedig, auch in den Cinque Terre an der ligurischen Riviera wächst der Protest gegen Kreuzfahrtschiffe. Deren Passagiere - in der aktuellen Saison um 30 Prozent mehr als im vergangenen Jahr - strömen nämlich in Massen in die fünf Dörfer an der steil abfallenden Küste. Die Straßen der kleinen Orte - Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore - sind an Sommertagen vollgestopft mit Kreuzfahrtpassagieren, die per Bus von der Hafenstadt La Spezia anreisen.

"Rote Ampeln" für Touristen in Nationalparks gefordert
Pro Schiff sind es 1500 Besucher, die in 30 Autobussen in die Cinque Terre gebracht werden. Die Region ist als Nationalpark geschützt, 1997 wurden die Cinque Terre zusammen mit Porto Venere zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Die Gemeinden fordern die Einführung einer Art von roter Ampel, um die Zahl der Touristen auf den Wanderwegen entlang der malerischen Meeresküste zu reduzieren.

"Jegliche Grenze überschritten, Lage ist unerträglich"
Vor allem Inseln leiden unter dem Druck des Massentourismus. Der Bürgermeister von Capri, Gianni De Martino, will einen Numerus Clausus für Touristen auf dem Eiland vor Neapel einführen. Er will chaotische Zustände wie jene Anfang Juni vermeiden, als in 24 Stunden 24.000 Personen die Insel erreichten. "Wir haben jegliche Grenze überschritten. Die Lage ist unerträglich geworden. Täglich erleben wir Probleme wegen der Überbelastung durch Touristen, was unserem Ansehen als Urlaubsort schadet", berichtet der Bürgermeister. Die meisten Bürgermeister und Bewohner beklagen, dass sich Touristen nicht an örtliche Regeln hielten und Müllberge hinterließen.

Beschränkungen für anlegende Boote und Schiffe?
Die Insel La Maddalena, Urlaubsparadies im Norden Sardiniens, ist im Sommer täglich von Hunderten Jachten, Motor- und Segelbooten belastet, die oft die Geschwindigkeitsgrenzen ignorieren und auch in die Gewässer des Naturschutzparks eindringen. Die Gemeinde der Insel diskutiert über eine Einschränkung der Zahl der Boote und Schiffe, die rund um die Insel vor Anker gehen können.

Wasser und Seife vor Kirchen in Florenz
Im Kampf um mehr Sauberkeit und Ordnung in der mit einer Touristeninvasion konfrontierten Stadt Florenz ergreift Bürgermeister Dario Nardella drastische Maßnahmen. Um die Mittagszeit spritzen die Mitarbeiter der Straßenreinigungsgesellschaft Wasser und Seife auf die Stiegen und Plätze vor den wichtigsten Kirchen der Stadt, darunter der weltberühmten Basilika Santa Croce. Ziel ist es, zu verhindern, dass sich Touristen auf die Treppen der Kirchen setzen, essen und die Gegend beschmutzen. Über einen Numerus Clausus für Touristen in der Innenstadt wird schon seit Wochen gestritten, doch der Bürgermeister ist dagegen.

Rom: Reduktion der Besucherzahlen als Anti-Terror-Maßnahme
Angesichts eines neuen Touristen-Rekordhochs will auch Rom die Zahl der Besucher auf der Spanischen Treppe und dem Platz vor dem Trevi-Brunnen regeln. Dies sei auch eine wichtige Anti-Terror-Maßnahme, hieß es. In der Ewigen Stadt riskieren Touristen saftige Geldstrafen, wenn sie vor dem Kolosseum oder an der Spanischen Treppe ihre Pizza essen - zumindest wenn sie sich dazu hinsetzen.

Vizekulturministerin will Ticketsystem für Kunststädte
Italiens Vizekulturministerin Ilaria Borletti Buitoni drängt auf die Einführung eines Ticketsystems zur Regelung der Touristenströme in den Kunststädten. Zugleich sollte das Interesse der Besucher für weniger bekannte Ortschaften geweckt werden. "Das Problem des Massentourismus muss geregelt werden, weil die Besucherzahlen in den nächsten fünf Jahren weiterhin wachsen werden", sagte sie.

Deutsche und US-Amerikaner stellen größtes Touristenkontingent
2016 ist die Zahl ausländischer Touristen in Italien auf den bisherigen Höchstwert von 56 Millionen gestiegen, wie aus einem Bericht des italienischen Handelsverbands Confcommercio hervorgeht. Dies entspricht einem Zuwachs von einem Prozent gegenüber dem Jahr 2015, in dem bereits ein Anstieg von sieben Prozent gegenüber 2014 gemeldet worden war. Die meisten Ausländer, die Italien besuchen, stammen aus Deutschland, den USA, Frankreich und China. Österreicher belegen Platz sieben. Von den Italien-Besuchern kommen 39 Millionen aus Europa.

 krone.at
Redaktion
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