Mo, 23. Oktober 2017

"Das Telefon"

18.06.2017 19:37

Grazer Oper lädt auf die Murinsel

Eine von ihrem Telefon dauerabgelenkte Frau und ihr zusehends genervter Verehrer als Opernfiguren. Heute ist der Nachkomme des Telefons, das Smartphone, noch viel präsenter, als es der Komponist Gian Carlo Menotti 1947 ahnen konnte. Seine Komödie "Das Telefon oder Die Liebe zu dritt" ist nun auf der Murinsel zu sehen.

Seitdem es Medien gibt, gibt es auch Medienkritik. Vom Buch bis zum Internet, von der Schrift bis zu Snapchat, jegliche mediale Innovation war Kulturpessimisten ein untrügliches Anzeichen für den Untergang der Zivilisation. Schon früher sah man das Telefon skeptisch: das sinnlose Dauergeplapper, die ständige Ablenkung! Wenn Menschen von 1947, dem Jahr der Uraufführung von "Das Telefon", nur geahnt hätten, in welche Dimension sich die Präsenz dieses Quälgeistes im Alltag noch steigern würde. Menotti machte damals kleine Opern-Buffa über ein medial gestörtes Liebesverhältnis: komponiert als humoristische Beigabe zu seinem thematisch eng verwandten, jedoch wesentlich schwergewichtigeren Einakter "Das Medium".

Kein Leerlauf und kleine Fremdkörper
"Das Telefon" für sich allein genommen ist kaum lebensfähig, es ist ein niedliches Werklein, dass man nicht noch kleiner machen darf, als es ist, weil es sonst ganz verschwindet. Allerdings darf man es nicht gesellschaftskritisch überladen, was dem leichten Tonfall gar nicht bekommen würde. Auf der Grazer Murinsel findet man eine recht gute Balance: David McShane, Lalit Worathepnitinan und das lästige Smartphone der Frau sind das Liebesdreieck einer harmlos-reizenden Farce, in der der Verehrer mit einem Trick doch zum Erfolg kommt.

Christian Thausings Regie hat keinen Leerlauf und setzt ein kleinen Fremdkörper in die Buffa: Wenn Ben/David McShane allein ist, und unabgelenkt, ohne schmückendes Toupet, ganz für sich sein Leben rekapituliert. Ein hübscher Moment in einer sehr sommerlichen Angelegenheit, die der neuen Reihe "Kurzgenuss" einen leichtgewichtigen Abschluss bereitet. Nächste Saison in dieser Leiste: Menottis "Amahl", Poulencs "Voix humaine" und Händels "Apollo e Dafne".

Martin Gasser, Kronen Zeitung

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