Sa, 25. November 2017

Mit 284.000 Menschen

24.11.2016 07:21

Kenia: Weltgrößtes Flüchtlingslager vor Schließung

Bereits Ende November wollte Kenia das weltgrößte Flüchtlingslager in Dadaab auflösen. Monatelang protestierten Menschenrechtsorganisationen dagegen. Es sei unverantwortlich, die vorwiegend somalischen Flüchtlinge in den Krisenstaat zu schicken. Jetzt räumt Kenia eine Schonfrist von sechs Monaten ein. Zum Aufatmen ist den 284.000 Menschen in Dadaab aber nicht. Was passiert in sechs Monaten?

Das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) begrüßte die Schonfrist - auch wenn im Vorfeld bereits klar war, dass eine Schließung Ende November praktisch nicht umsetzbar war. "Starre Zeitpläne werden schwer einhaltbar sein", meint das UNHCR.

Auch die Hilfsorganisation CARE begrüßte die Entscheidung, die Räumung des Camps zu verschieben, doch auch in sechs Monaten "wird das ein riesengroßer Kraftakt", zeigte sich die deutsche CARE-Mitarbeiterin Ninja Taprogge überzeugt. Dennoch gehe sie "stark davon aus, dass, wenn es die Sicherheitslage in Somalia erlaubt, mehr Menschen zurückgeschickt werden", so Taprogge. Es sei jedoch "fast unmöglich, das Camp bis Mai 2017 zu schließen", immerhin lebten rund 284.000 Menschen dort.

Lager besteht seit 25 Jahren
95 Prozent der Flüchtlinge in dem seit 25 Jahren bestehenden Lager im Nordosten Kenias stammten aus Somalia, der Rest aus dem Südsudan, Ruanda und Burundi, so Taprogge. "Ursprünglich war das Camp für 90.000 Leute konzipiert. Während der großen Dürre 2011 lebten sogar 400.000 Menschen im Lager" und daher sei klar, dass Dadaab "keine nachhaltige Lösung" sei.

In den nächsten Monaten sollen nicht-somalische Flüchtlinge aus Dadaab nach Kakuma ins zweitgrößte kenianische Flüchtlingslager überstellt werden, teilte die Regierung mit: Menschen aus dem Kongo, aus Uganda, Äthiopien, Ruanda und aus dem Sudan. Die mehr als 260.000 Somalier sollen nach Somalia rückgeführt oder in Drittstaaten überstellt werden. So plant es jedenfalls die kenianische Regierung. Heuer seien etwa 30.000 Menschen freiwillig nach Somalia zurückgekehrt, so Taprogge.

Man müsse aber unterscheiden zwischen jenen, die etwa während der großen Dürre 2011 gekommen seien - "da gibt es viele, die sich vorstellen können nach Somalia zurückzukehren" -, und jenen, die seit 25 Jahren in Dadaab leben. Hier seien die Kinder im Lager geboren und diese Familien "wollen eher nicht zurückkehren, weil sie sich das Leben in Somalia nicht vorstellen können" und oft auch keine Familie mehr in Somalia hätten. Auf jeden Fall müsse bei einer Rückführung darauf geachtet werden, dass die Sicherheitslage dies erlaube und die Menschen Möglichkeiten hätten, in Somalia zu leben.

Polizei sorgt für Sicherheit im Lager
Für Sicherheit sorge die kenianische Polizei, die im Camp stationiert sei, so Taprogge. Zwar sei "die Sicherheitslage in Somalia sehr schwierig und Dadaab ist nur 100 Kilometer von Somalia entfernt", doch in ihren persönlichen Gesprächen mit Flüchtlingen habe sie noch nichts von Rekrutierungen durch die Terrormiliz Al-Shabaab gehört, so Taprogge. Die kenianische Regierung hatte die geplante Schließung des Lagers damit begründet und gemeint, dass sich auch Islamisten im Lager versteckt hielten.

EU-Kommission unterstützt Hilfsorganisation
Im Camp gebe es Märkte, wo die Menschen arbeiten, einkaufen und die Kinder in die Schule gehen könnten. Mit Unterstützung der EU-Kommission beschäftige CARE 1500 Flüchtlinge, die als Lehrer, Installateure oder bei der Lebensmittelverteilung angestellt seien. Darüber hinaus seien 400 Mitarbeiter aus Kenia und zwei aus Kanada im Lager beschäftigt, berichtete Taprogge. "Die Reisebedingungen für Flüchtlinge im Camp sind sehr eingeschränkt. Flüchtlinge haben keine Arbeitserlaubnis in Kenia", daher böten die Märkte im Lager die einzige Arbeitsmöglichkeiten. "Wenn das Camp geschlossen wird, hat das auch große Auswirkungen auf die Gemeinden in der Umgebung", warnte Taprogge. Immerhin profitiere die Region wirtschaftlich vom Lager.

Einmal pro Monat gebe es eine Nahrungsmittelverteilung des Welternährungsprogramms (WFP), wobei die Leute nur "das Nötigste" erhielten. Reis zähle etwa nicht dazu, Wasser gebe es nur literweise. Als das WFP aufgrund finanzieller Engpässe die Rationen um 30 Prozent kürzen musste, hätten das die Menschen sehr wohl negativ gespürt. Überhaupt herrsche im Camp große Armut, die Menschen "wohnen unter Wellblechdächern und in Zelten, nur wer auf den Märkten etwas Geld verdienen kann, kann sich eine Lehmhütte leisten". Daher sei es auch unrealistisch, dass die Menschen bei einer Schließung des Lagers nach Europa aufbrechen könnten - dafür fehle ihnen einfach das Geld.

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