So, 19. November 2017

„Kauft dort nicht“

11.08.2016 06:10

D: Erdogan-Jünger machen Jagd auf Gülen-Anhänger

"Esst nicht in diesen Restaurants!" oder "Kauft nicht in diesen Läden!": Mit Parolen wie diesen rufen derzeit Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Deutschland offen zum Boykott von Unternehmen auf, die dem muslimischen Prediger Fethullah Gülen nahestehen sollen. Es sei "wie in den 1930er-Jahren, als es hieß: Kauft nicht beim Juden", sagte ein betroffener Lebensmittelhändler. Gülen wird bekanntlich von der türkischen Regierung für den gescheiterten Militärputsch gegen Erdogan Mitte Juli verantwortlich gemacht.

Die Hetze gegen Gülen-Anhänger in Deutschland scheint eine neue Stufe erreicht zu haben. In Boykottlisten, die in den sozialen Netzwerken unter Erdogan-Anhängern geteilt werden, wird dazu aufgerufen, gezielt Unternehmer in Deutschland zu boykottieren, die der Gülen-Bewegung nahestehen sollen: Friseure, Bauunternehmer, Restaurantbesitzer, Gemüsehändler, Ärzte.

Gülen-Anhänger: "Sind zur Zielscheibe geworden"
Türkischstämmige Unternehmer aus Berlin, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg berichteten der "Zeit", sie würden auf offener Straße angeschrien oder beleidigt: als Gülen-treue Vaterlandsverräter und Terroristen. Unternehmer seien in ihren Läden überfallen worden, erhielten Morddrohungen und ihre Geschäfte würden beschmiert. In mehreren Städten werde in Moscheen öffentlich dazu aufgerufen, in bestimmten Läden nicht mehr einzukaufen. Die örtlichen Polizeidienststellen bestätigten bereits mehrere Übergriffe. In Nordrhein-Westfalen ermittelt der Staatsschutz. "Wir sind zur Zielscheibe geworden", sagte ein Druckereibesitzer aus dem Rheinland, der sich selbst als Gülen-Anhänger bezeichnet, gegenüber der "Zeit".

Erdogan: "Gülen-Anhänger melden"
Erdogan appellierte unterdessen an die "patriotische Pflicht" der Türken, Gülen-Anhänger in der Türkei den Sicherheitskräften zu melden. Erdogan sagte am Mittwoch in einer Ansprache vor Vertretern der türkischen Exportwirtschaft, auch unter deren Freunden könnten sich Anhänger der Gülen-Bewegung befinden. "Sie sind überall eingedrungen, wie ein Virus", sagte er. Erdogan warnte, auch mehr als drei Wochen nach der Niederschlagung des Putsches könnten Anhänger der Gülen-Bewegung versuchen, zu fliehen. "Wir haben nicht das Recht, Mitleid mit ihnen zu haben." Die Regierung werde auch die Geschäftswelt "säubern".

Erdogan vergleicht "Säuberungen" mit deutscher Wiedervereinigung
Gleichzeitig verteidigte Erdogan die "Säuberungen" nach dem gescheiterten Militärputsch in seinem Land, indem er auf die deutsche Wiedervereinigung verwies: Im Zuge des Einigungsprozesses seien zahlreiche Staatsbeamte mit Verbindungen zum SED-Regime der DDR entlassen worden. "Ihr habt das bei der Wiedervereinigung in noch größerem Ausmaß betrieben", sagte Erdogan. "Ihr habt das gemacht, und dann wollt ihr uns belehren."

In der Türkei wurden nach dem Putschversuch rund 60.000 Menschen aus dem Staatsdienst entlassen, darunter Richter und Staatsanwälte. Mehr als 25.000 Menschen wurden laut Behörden festgenommen, die Reisepässe von fast 75.000 Personen wurden für ungültig erklärt, um die Flucht von Verdächtigen ins Ausland zu verhindern.

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