Mi, 23. Mai 2018

"Krone"-Interview

27.04.2015 07:32

Brauchten Sie je einen Psychiater, Herr Dr. Lingg?

Albert Lingg, einst psychiatrischer Leiter des LKH Rankweil ("Valduna"), hat in seiner "irren" Zeit als Primar viel erlebt. Im Interview mit Simin J. Blum erzählt er von Momenten des Burn-Outs, gesteht seine Liebe zu den Rolling Stones und "Seelentröster"Jack Daniels und doziert über das Wesen der menschlichen Psyche.

Es ist ein heiterer Frühlingstag, als wir Albert Lingg, den langjährigen Primar des Landeskrankenhaus Rankweil – im Volksmund nur "Valduna" genannt – in Bregenz treffen. Heiter wie das Wetter ist auch die Stimmung des frischgebackenen Pensionisten, dem man seine 65 Jahre nur nach Einsicht des Personalausweises abnimmt. Der sympathische Wälder will jetzt aber keineswegs die Beine hochlagern – dafür macht ihm das Leben einfach zu viel Spaß.

"Krone": Herr Dr. Lingg, sie sind seit letztem Oktober im Ruhestand. Wie fühlt sich das Leben als Pensionist an?
Albert Lingg: Ich bin ganz bewusst an meinem 65. Geburtstag, dem 1. Oktober 2014 in den Ruhestand gegangen. Das heißt allerdings nicht, dass ich nichts tue. Ich bin in fünf verschiedenen Vorständen, halte Vorträge und schaffe es jetzt, nur noch 20 Stunden in der Woche zu arbeiten. Meiner Frau habe ich aber versprochen, mich zu bessern Schmunzelt

"Krone": Das heißt konkret?
Lingg: Ich habe es doch glatt fertig gebracht, bis im Sommer keine Woche frei zu haben. Daneben habe ich bald sechs Enkelkinder und bin gerade dabei, ein Generationenhaus in Lustenau zu bauen. Das heisst, meine Frau und ich, mein Tochter, mein Schwiegersohn und meine Enkelkinder werden unter einem Dach leben. Erstens können wir dann gegenseitig aufeinander aufpassen, und zweitens kann ich endlich zu Fuß zum Austria-Match gehen!

"Krone": Doktern Sie, berufsbedingt, immer noch herum oder anders gesagt: Sehen Sie Menschen immer noch aus der Sicht des Arztes?
Lingg: Nein. Ich habe keine Patienten mehr. Außerdem war ich nie ein typischer Psychiater, habe deswegen auch nie in gesund und krank eingeteilt. Ich war immer mehr Philosoph.

"Krone": Ist es in ihrem Job eigentlich möglich, in Pension zu gehen, denn den hippokratischen Eid schwört man ja auf Lebenszeit, oder?
Lingg: Ich helfe immer so gut ich kann. Gerade diesen Winter habe ich auf einer Skihütte eine Schulter eingerenkt.

"Krone": Wieso sind sie so pünktlich in Pension gegangen?
Lingg: Das hatte mehrere Gründe. Zum einen war der Job natürlich fordernd, und ich habe ihn mit Herz und Seele gemacht. Ich habe als junger Primar um ein Uhr nachts noch Visiten gemacht. Zum zweiten bin ich mit 32 Jahren Primar geworden, übrigens, ohne, dass ich das Gebäude zuvor je betreten hatte. Und dann war ich vor drei Jahren ernsthaft krank. Ich hatte Darmkrebs, zwei Darmverschüsse und Notoperationen und da fiel meine endgültige Entscheidung, zur Zeit aufzuhören und mit genau 65 Jahren auf den Tag in Pension zu gehen.

"Krone": Kann es sein, dass ihnen ihr Beruf auf den Magen geschlagen hat?
Lingg: Das würde ich so nie sagen. Ich bin gegen so eine psychsomatische Erklärung und psychologisieren ist mir fremd. Natürlich gibt es Dinge, die nur so erklärbar sind, wie etwa meine früheren Rückenschmerzen oder meine Bandscheibenprobleme. Die waren sicher psychosomatisch, aber da muss man vorsichtig sein. sonst hängt man den Leuten noch etwa an, mit dem sie doppelt gestraft sind. Es gab ja Fälle, in denen Frauen mit Brustkrebs vorgeworfen wurde, sie lehnen ihr Kind ab, weil sie nicht stillen wollen. Solchen Quatsch gab es!

"Krone": Wie gehen sie mit dem Alter um?
Lingg: Ich merke, dass Verrücktheiten wie Bergläufe oder durchfeierte Nächte passé sind. Lieber spiele ich jetzt mit meinen Enkelkindern Fußball, oder Lese. Lesen ist neben der Musik meine ganz große Leidenschaft. Nur unsere Band R.T.M.F. ist derzeit stillgelegt. Den Bonus als singender Primar habe ich nicht mehr und drum lasse ich anderen den Vortritt.

"Krone": Gibt es Schicksale, die sie über Jahre berührt, oder begleitet haben?
Lingg: Ja, sogar über Jahrzehnte. Menschen, die in jungen Jahren an Schizophrenie erkranken, können auch Freunde werden. Unendliche Therapien sind aber unprofessionell. Man lernt über die Jahre, mit menschlichen Tragödien umzugehen. Am Anfang des Berufslebens hat man damit mehr Mühe, was aber nicht heißt, dass man abstumpft, sondern, dass man lernt, seine Kräfte einzuteilen. Ich habe immer darauf geachtet, dass die Therapie nicht zu eng oder unendlich wurde. Das ist unprofessionell.

"Krone": Sehen Sie sich mehr als Psychiater oder als Psychotherapeut?
Lingg: Der Psychiater deckt, wenn er richtig positioniert ist, alles ab. Vorausgesetzt, er bildet sich nicht ein, alles alleine machen zu können. Er muss offen sein für die biologische Seite, das körperliche inklusive der Pharmakologie, für die Lebensgeschichte und: ganz wichtig: das Soziale! Sprich: welches Schicksal haben die Menschen, und woher kommen sie. Oder welche Krankheiten gerade wieder mehr anfallen. Es gibt ja Krankheiten, die eindeutig "zeitgeistorientiert" sind.

"Krone": Zum Beispiel?
Lingg: Eßstörungen, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) oder auch Menschen mit Borderline-Erkrankungen, oder Burnout.

"Krone": Hat sich ihrer Ansicht nach das Image psychischer Erkrankungen verbessert?
Lingg: Definitiv. Da hat sich die letzten Jahrzehnte sehr viel bewegt. Ich war vorige Woche in einem Theaterstück in Bizau mit dem Titel "Einer flog übers Kuckucksnest", einer trialogischen Veranstaltung, der eine sehr offene Diskussion folgte, und der Saal war brechend voll. Das wäre früher undenkbar gewesen. Auf der anderen Seite hat mir eine Krankenschwester in der Schweiz vor kurzer Zeit erzählt, dass die Eltern mancher Kinder lieber sagen, ihr Sprössling sei im Gefängnis, als zuzugeben, dass er in der Psychiatrie ist.

"Krone": Sie haben in einem Vortrag gesagt, sie vermissen alte Traditionen, wie zum Beispiel das Trauerjahr: Früher hat man den Menschen ein Jahr gegeben, den Verlust eines Menschen zu betrauern.
Lingg: Das stimmt, früher gab es diese "Schonzeit". Heute wird vieles, was dem Menschen geholfen hat an alten Traditionen, nicht mehr gelebt. Früher halfen Gespräche mit der Familie oder gemeinsames Trauern, heute geht man zum Psychotherapeuten. Heute wird man wahrscheinlich nach höchstens zwei Monaten zum Psychiater geschickt oder medikamentös behandelt, wenn man nicht gleich wieder funktioniert. Bereits 1966 haben die Rolling Stones in ihrem Song "Mothers little helpers" die missbräuchliche Verwendung von Medikamenten besungen – für mich ein prophetischer Song. Später wurde bestätigt, dass die "stille Sucht", also Frauen, die Beruhigungsmittel nehmen, genau in dieser Richtung zu finden ist.

"Krone": Haben Sie selbst je einen Psychiater gebraucht?
Lingg: Nein. Aber bin immer wieder am Rande eines Burnout spaziert. Wenn ich gemerkt habe, dass die Freude an der Arbeit verloren geht, ich ungeduldig wurde oder nicht schlafen konnte, habe ich die Notbremse gezogen.

"Krone": …und sich selbst therapiert?
Lingg: Ja, ich habe im Wald hinter meinem Haus einen Lindenbaum. Wenn alles zu viel wurde, bin ich dort hinaufgewandert, habe mich unter den Baum gelegt und in die Sterne geschaut, da kam dann eine unendliche Ruhe über mich und ich wusste wieder, was zu tun ist. Auch die Musik, die ich mit der Band R.T.F.M gemacht habe, war Therapie. Als mein Vater gestorben ist, habe ich in der Tiefgarage das Radio in meinem Auto auf volle Lautstärke gedreht und den Stones-Song "Shine a light" gehört. Traurig tröstlich und wunderschön.

"Krone": Und es war Ihnen möglich, ihren 60-Stunden Job zu machen und diesen nicht mit nach Hause zu nehmen?
Lingg: Schon, aber ich habe in solchen Zeiten schon häufiger zur Flasche gegriffen. Als bekennender Rolling Stones Fan natürlich nur zu Jack Daniels, dem Lieblingsgetränk von Keith Richards. Ich muss zugeben, so ms diese Entwicklung eine Gefährliche ist. Wenn man anfängt, etwas heimlich zu machen, beginnt die Grenze zum Abusus.

"Krone": Haben Sie sich je gravierend in einer Diagnose getäuscht?
Lingg: Ja. Ich kann mich an einen Patienten erinnern, der konnte einen epileptischen Anfall so gut spielen, dass er es sogar auf die Intensivstation geschafft hat. Er ist dann mit der Kaffeekasse abgehauen und hat in Wien (als es noch gar keine anerkannten Psychotherapeuten gab), eine Praxis für Psychotherapie aufgemacht. (grinst)

"Krone": Sie haben in einem Interview bemängelt, dass Mediziner immer mehr zu Technokraten verkommen, was genau meinen sie damit?
Lingg: Bei der Auslese für die Ausbildungsplätze geht es immer mehr um mathematische Fähigkeiten, als um die "Berufung" Arzt zu sein. Zu dieser Aussage stehe ich. Ich fürchte mich davor, wenn diese Menschen dann auf Patienten losgelassen werden!

"Krone": Das heißt, ihnen fehlt die concordiale Seite des Arztes, wie etwa die eines "Bergdoktors", der sich mit ganzen Herzen der Patienten annimmt?
Lingg: Ja, wobei es solche Ärzte durchaus noch gibt. Aber sie werden immer weniger. Ich habe meinen Assistenten immer "Der Tod des Iwan Iljitsch" von Tolstoi zu lesen gegeben. Es verdeutlicht, dass Ärzte nicht die Götter in Weiss sind, wir Demut vor dem Tod haben müssen, und die Unheilbarkeit von Krankheiten anerkennen müssen.

"Krone": Sind Krankheiten nicht gleichzeitig auch eine Art "Gesundungsversuch des Körpers"?
Lingg: Die Unterscheidung zwischen gesund und krank gibt es in ihrer absoluten Form nicht. Jeder hat in seinem Leben irgendwann psychische Probleme, deswegen ist er aber nicht gleich krank. Ich warne an dieser Stelle auch dezidiert vor einer Psychiatersieriung.

"Krone": Wie heilend ist ihrer Meinung nach ein Aufenthalt in der Psychiatrie?
Lingg: Das hängt ganz vom Fall ab. Es geht von lebensrettend bis hin zum "Hängenbleiben". Früher hatte man Angst vor der Psychiatrie, heute bleiben die Menschen länger, und man ist fast schon fast gezwungen, sie irgendwann rauszuschmeißen.

"Krone": Zum Abschluss: Glauben Sie, dass Sie in ihren Jahren als Primar etwas bewirken konnten?
Lingg: "Ich glaube ja. Aber zum einen hatte ich tolle Mitstreiter, zum anderen kam uns die Politik entgegen. In den 1980er Jahren herrschte Aufbruchsstimmung und vieles, das wir damals durchsetzten konnten, wie etwa Musiktherapie, oder mehr Personal, wäre heute rein politisch nicht mehr möglich. Ich persönlich sehe mich als Glückskind, weil ich so viel verändern konnte."

Geboren am 1. Oktober 1949 in Au/Bregenzerwald. Studium der Medizin in Innsbruck und Wien. Übernahm 1981 im Alter von 32 Jahren das Primariat der Psychiatrie II des Landesnervenkrankenhaus Rankweil. Seit 1.10.2014 in Pension, privat glücklich verheiratet, fünf Kinder, bald sechsfacher Großvater, Rolling Stones-Fan, Sänger, und Anhänger der Austria Lustenau.

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