Do, 23. November 2017

Langes Martyrium

16.05.2014 13:44

Bettler musste jeden Cent Menschenhändlern geben

Menschenhandel als solchen nachzuweisen, ist für Ermittler ein äußerst schwieriges Geschäft. Es scheitert meist daran, Opfer zu identifizieren und sie dazu zu bringen, gegen die Täter auszusagen. In einem Fall ist dies nun gelungen: Ein 33-jähriger, nach einem Unfall körperlich massiv beeinträchtigter Bettler sprach mit den österreichischen Ermittlern. Nach seinen Aussagen konnten 13 Beschuldigte ausgeforscht werden.

Das Opfer sei durch Folter gefügig gemacht worden, berichtete Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle Menschenhandel im Bundeskriminalamt, am Freitag. Tagelang wurde der Betroffene an einen Baum gebunden, Nahrung und Wasser wurden ihm dabei verweigert. Erst bei der 19. Einvernahme beim BK habe er mitbekommen, dass er die Toilette einfach dann benutzen darf, wenn er das müsse. "Er war immer fremdbestimmt", sagte der Experte.

Bettler: "In Österreich regnet es Geld"
Zumindest sechs Jahre musste der 33-Jährige für seine Hinterleute betteln. Dabei dürfte er nicht zuletzt wegen seiner Behinderung eine Goldgrube für die Täter gewesen sein. Im Durchschnitt nahm er 300 Euro pro Tag ein, an Spitzentagen waren es bis zu 1.000 Euro. "In Österreich regnet es Geld", sagte er den Ermittlern bei einer der rund 25 Einvernahmen.

Er selbst bekam von diesen Einnahmen nicht einen Cent. Schaffte er die Durchschnittseinnahmen nicht, setzte es allerdings Schläge und andere Misshandlungen. Der Mann erlitt während des Martyriums schwere körperliche Schäden, etwa durch das Liegen auf dem Boden bei jeder Witterung. Freie Tage gab es nicht.

Drei Beschuldigte in Rumänien festgenommen
Den Tätern soll in den nächsten Monaten in Wien der Prozess gemacht werden. Drei Beschuldigte wurden aufgrund der Aussagen des 33-Jährigen in Rumänien festgenommen und an Österreich ausgeliefert. Die Polizei geht von zumindest zehn weiteren Opfern der Gruppe aus.

Bettler als Opfer von Menschenhändlern sind laut Tatzgern generell aber die kleinste Gruppe von insgesamt drei. Die erste Gruppe sind "selbstbestimmte Armutsbettler", die zweite Gruppe sind dem BK-Experten zufolge die organisierten Bettler. Von der Zahl her würden sich diese beiden Gruppen etwa die Waage halten. Die dritte Gruppe ist eben von der Ausbeutung durch Menschenhändler betroffen.

Die zweite Gruppe befindet sich an sich nicht im Visier der Ermittler. Werden Verwaltungsübertretungen wahrgenommen, leiten die Ermittler diese an die zuständigen Behörden weiter. Den Bettlern in der zweiten Gruppe werden große Teile ihres Einkommens mit dem Argument abgenommen, dass der Erhalt der Organisation einiges kostet. Dabei geht es um Transport- und Reisekosten, Unterkunft, Verpflegung und Ähnliches. Laut Tatzgern werden den Menschen für eine Matratze pro Monat 100 Euro und mehr berechnet. Die Ermittler fanden Unterkünfte, bei denen rund 40 Menschen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung untergebracht waren, was für den Vermieter monatliche Einnahmen von 4.000 Euro pro Wohnung ergab.

Rumänen betteln in Wien, Slowaken in Graz
Neben heimischen Bettlern stellen rumänische Staatsbürger die größte Gruppe. Stark vertreten sind auch Menschen aus der Slowakei und Bulgarien. Wobei die Nationalitäten nach Städten getrennt sind. So arbeiten in Wien Tatzgern zufolge fast nur rumänische Bettler, während in Graz vor allem Slowaken ihrer Tätigkeit nachgehen.

Ein besonders wichtiger Punkt ist laut dem BK-Experten der Schutz der Opfer: Der 33-Jährige ist bis an sein Lebensende versorgt, es gibt eine Schutzwohnung. Daneben soll die Prävention stark forciert werden. So plant man eine Aktion gemeinsam mit der Caritas, bei der Ein-Euro-Gutscheine verkauft werden sollen.

Gutscheine und Registrierung bei Magistraten als Lösung?
Die Gutscheine sollen für Bettler den Erhalt von Sachspenden - Nahrung, Kleidung etc. - bei der Caritas ermöglichen. Das soll die Attraktivität des Gewerbes für die Hinterleute minimieren. Auch über eine Registrierung der Bettler bei den Magistraten wird nachgedacht. "Es geht uns darum, das Umfeld für die Hinterleute unattraktiver zu machen", sagte Tatzgern. Derzeit gebe es für diese Personen de facto ein "freies Feld".

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