Mo, 23. April 2018

Neues Buch des Sängers

12.04.2018 14:30

Corey Taylor: Gnadenlose Abrechnung mit Amerika

Slipknot- und Stone Sour-Frontmann Corey Taylor wollte eine Ode an sein Heimatland schreiben und wurde von der Realität überrascht. So ist sein drittes Buch „Zertrumpelt - Meine Abrechnung mit dem modernen Amerika“ eine wütende Abhandlung eines frustrierten, aber nicht hoffnungslosen Bürgers, dessen Liebe zu seinem Land auf eine harte Probe gestellt wird. Eine Wutschrift, die sich leider allzu oft in Niveaulosigkeiten und Gedankengeplänkel verliert.

Corey Taylor ist nicht nur Sänger der immens erfolgreichen Metalband Slipknot und der ebenso weithin respektierten Rocker Stone Sour, sondern vor allem auch ein selbsterschaffenes Internet-Phänomen. In einschlägigen (Metal)Kreisen gilt der 44-Jährige als Öl-ins-Feuer-Gießer, der zu jedem noch so unnötig scheinenden Thema nicht nur eine Meinung hat, sondern sie auf seinen diversen Social-Media-Plattformen auch gerne und mit Feuereifer kundtut. Die in Kommentarspalten abgesonderte Fragestellung „What Would Corey Say?“ in jeder x-beliebigen, virtuellen Diskussion wurde über die Jahre zu einer ähnlich ausufernden Konstante, wie Chuck Norris- und „deine Mudda“-Witze.

Plan verfehlt
Der Hansdampf in allen Gassen hat sich längst auch als Schriftsteller mit einem Hang zum lauten Poltern etabliert. Er gab seinen Fans nicht nur Einblicke in die einzigartige Geschichte von Slipknot, sondern auch in sein eigenes, durchaus problembehaftetes Leben. Angesichts der sich ständig veränderten politischen Zustände in den USA wollte er mit „America 51“ (so der Originaltitel des vorliegenden Buches) eigentlich über den vielbeleuchteten Präsidentschaftswahlkampf, diverse Paradigmenwechsel und ein demokratisches Happy End berichten.

Dazwischengekommen ist ihm die Realität namens Donald Trump und dessen überraschender Triumph und damit einhergehend eine Wutschrift, die sogar für Taylor’sche Verhältnisse radikal und übermäßig emotional ausgefallen ist. Vier Kapitel hatte er - im Glauben, Hillary Clinton würde die Wahl gewinnen - bereits fertig auf seinem Computer gespeichert, bis die Chose eine entscheidende Wende nahm und er sich noch einmal von vorne mit dem Thema befassen musste.

Schimpftiraden
In „Zertrumpelt“ rechnet der Künstler auf seine Weise mit dem modernen Amerika ab und nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund. Das wiederum wirft das Problem auf, dass sich Taylor viel zu oft von seinen Emotionen leiten lässt, in angedachten Themensequenzen den Faden verliert und statt stichhaltiger Argumentation oder einer möglichst neutralen Aufbereitung lieber zu niveaulosen Schimpftiraden und ungebremsten Anschuldigungen antritt. Taylor behauptete in vielen Interviews, dass das Wahlergebnis nötig gewesen wäre, um ihn selbst vom hohen Ross zu holen und seine gefestigten Meinungen zu Amerika zu hinterfragen, ihm die Augen neu zu öffnen.

Wenn der Autor Erinnerungen an „sein“ Amerika aus Kindheitstagen mit der Gegenwart verknüpft und dabei den schleichenden Untergang der Welt prophezeit, tritt mehr der beleidigte Trotzkopf als ein überlegter, vorurteilsfrei an die Sache gehender Analytiker in den Vordergrund. Taylor, bekanntlich im ländlichen und stockkonservativen Iowa aufgewachsen und geformt, wandelt auf den 218 Seiten immer wieder zwischen ungewolltem Patriotismus, inhaltlicher Unsicherheit und polternder Polemik. Er spricht sich für das Waffenrecht und die Todesstrafe aus, zeigt sich in der Rassen-, Abtreibungs- und Geschlechterfrage aber als liberaler Demokrat.

Taylor vs. Amerika
Taylor weist in fast jedem Kapitel deutlich darauf hin, dass seine Auffassung einer funktionierenden Politik das Beste aus der demokratischen und republikanischen Welt vereinen würde, schlägt in den vielen kritischen Stellen aber wesentlich unreflektierter auf die Republikaner ein und lässt somit die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen offen. Er selbst scheint irgendwo zwischen dem unschuldigen Landei mit Redneck-Anflügen aus Jugendtagen und dem belesenen, weltbereisten Rock-Superstar der Gegenwart zu mäandern und versucht zwischen den Zeilen vielmehr seinen eigenen Platz in dieser Welt zu finden, als den des modernen Amerikas.

Als Meister der Provokation zielt Taylor bewusst auf die Nerven der Leser, vor allem die Trump-Anhänger werden sich bereits nach wenigen Seiten angewidert abwenden, doch auch wenig kritikfähige Anhänger der Demokraten könnten mit dem rauen und durchaus primitiven Stil der Taylor’schen Hasspredigten ein Problem bekommen. Er beschimpft den US-Präsidenten immer wieder auf das Übelste und verliert sich über das ganze Buch hinweg allzu oft in die leidige „Not My President“-Floskel, die - ähnlich wie bei den Van der Bellen-Gegnern hierzulande - schlichtweg und begründet falsch ist.

Wider die Borniertheit
Obwohl persönlich ganz sicher in der finanziellen Oberklasse residierend, schwingt Taylor in „Zertrumpelt“ das Zepter für die Mittelschicht und versucht sich mit dem im Stich gelassenen amerikanischen Durchschnittsbürger zu vergleichen. Das ist weder glaubwürdig noch realistisch, auch wenn er mit Geschichten über Nächte mit seinem Sohn in dreckigen Motels oder Rückblicke in seine turbulente Jugend Bodenständigkeit suggeriert. Taylor vergisst aber nicht darauf, die allerwichtigste Botschaft anzubringen: die der fehlenden Diskussionskultur. Abseits all der unterschiedlichen Positionen, die er zwischen Black Lives Matter, der Reagan-Ära und dem Ku-Klux-Klan vertritt, ist er ein glühender Befürworter für einen Meinungsaustausch zwischen den Partei- und Ideologiefronten. Abseits von Borniertheit und ewiger Rechthaberei auf beiden Seiten.

Im Endeffekt ist Corey Taylor ein besorgter Bürger, der sein Land liebt und durch die Plattform seiner Prominenz versucht, so viele Landsleute wie möglich mit seinen zwischen allen Polen wandelnden Gedanken zu infizieren - in einem Gossenslang, der seiner nicht nötig wäre, aber ein Maximum an Authentizität aufbietet. Aber vielleicht ist das auch das Erfolgsgeheimnis, um tatsächlich die richtige Botschaft für Gemeinschaftlichkeit und Gleichheit nach außen zu projizieren. Und Hand aufs Herz - wie viele Metalsänger gießen sonst ihre Sorgen und Gedanken so leidenschaftlich und feurig in Buchform? Corey Taylor kommt mit Stone Sour bald wieder nach Österreich - er wird im Juni beim Nova Rock auftreten. Karten gibt es unter www.novarock.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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