Di, 24. Oktober 2017

So klingt die Krise

16.04.2009 15:53

Mit My Dying Bride in die Frühlingsdepression

Egal ob in der Weltwirtschaft oder im Privaten: Glaubt man den Doom-Metallern von My Dying Bride, dann geht es abwärts. Das allerdings auf hohem Niveau. Die sechs Briten um Sänger Aaron Stainthorpe schaffen es in den neun Songs des neuen Albums "For Lies I Sire" einen dichten Klangteppich der Depression zu erstellen, der mit seinen großen Melodien und ausgefeilten Arrangements überzeugen kann.

Schon der Opener "My Body. A Funeral" macht klar wohin es geht: Zähe Gitarrenriffs aus den Instrumenten von Hamish Glencross und Andrew Craighan ziehen sich über die alles niederwalzenden Zeitlupen-Klänge der Rhythmus-Fraktion von Lena Abé am Bass und Dan Mullins am Schlagzeug. Darüber thront Stainthorpes melodiöser Depri-Gesang wie ein König der Traurigkeit. Und zur großen Überraschung gibt es auf der neuen Scheibe auch erstmals seit über zehn Jahren wieder eine Violine im My-Dying-Bride-Universum zu hören – grandios gespielt von Katie Stone.

In dieser Manier spielen sich die vier niedergeschlagenen Buben und ihre zwei weiblichen Mitmusiker von Nummer zu Nummer immer weiter in die Abwärtsspirale, um doch nie den Boden zu erreichen. Jeder Ton auf diesem Album macht aber klar: der Frühling mag zwar kommen und Sonnenschein mit sich bringen, in der Welt des Doom bleibt es aber trotzdem kalt und neblig. Auch ein Klavier kommt unterstützend zum Einsatz, was die Stimmung noch weiter verdichtet (zum Beispiel in "Echoes from a Hollow Sky"). Abwechslung aus der Tristesse verspricht hingegen die astreine Black-Metal-Nummer "A Chapter in Loathing". Hier vergisst die Band ihren Schmerz und geht richtig böse zur Sache – inklusive ungesund klingendem Röcheln, wildem Gitarren-Geschrammel und Blast-Beats.

Auch die Texte stehen dem allgemeinen Trauermarsch, der immer wieder von Härteausbrüchen mit wildem Doublebass-Gewitter zerrissen wird, in nichts nach. Lyrisch ansprechend und abstrakt weint und zetert Stainthorpe über verlorene Liebe, Tod und Verzweiflung. Nur in den wenigsten Momenten verfällt er dabei in Death-Metal-Geschrei wie auf den ersten My-Dying-Bride-Alben Anfang der 90er-Jahre. Meistens reicht ihm ein gedämpftes Timbre um seine bedrückenden Botschaften unters Volk zu bringen.

Fazit: Das Album ist abwechslungsreich, lebt von dichter Atmosphäre und wunderbaren, wenn auch unendlich traurigen Melodien. Da die Violine endlich wieder mit von der Partie ist, konnte die Band zum Glück auf nervige Konservenstreicher verzichten und geht so auch dem Überladen der Lieder aus dem Weg. Übrig bleibt der Sound zur Krise, der sowohl Metalfans als auch Gothics begeistern sollte. My Dying Bride liefern mit ihrem zehnten Studioalbum einen Genre-Klassiker ab, nach dem sich viele jüngere Bands wohl alle Finger abschlecken würden. Kurz: Ein Leckerbissen für alle, denen Paradise Lost noch zu fröhlich sind. Anspieltipps: "My Body. A Funeral.", "Echoes from a Hollow Sky" und das überragende "Santuario di Sangue".

9 von 10 Punkten

von Stefan Taferner

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