Schlagwort

Fortschritt

Beschreibung
Der philosophisch, politisch, technologisch und ökonomisch geprägte Begriff Fortschritt wird verwendet, um bedeutende Veränderungen bestehender Zustände oder Abläufe in menschlichen Gesellschaften als grundlegende Verbesserungen zu kennzeichnen. Gegenbegriffe sind Rückschritt oder Stillstand. Es gibt keine allgemein anerkannte Definition des Fortschrittbegriffes. Ein Beispiel für den Versuch einer Definition liefert etwa der Soziologe und Ökonom Ferdinand Tönnies, der Fortschritt als „zunehmende Überwindung von Mangelzuständen“ bezeichnete.Jeder Fortschritt setzt willentliche und gezielte Veränderungen voraus, die als Innovationen bezeichnet werden. Ihre Bewertung ist anthropozentrisch und nicht ganzheitlich: Bei angestrebten Neuerungen dient sie den betreibenden Interessengruppen zur Rechtfertigung und Durchsetzung ihrer Ideen – unabhängig von ihrem tatsächlichen Nutzen. Werden Wirkungen solcher Veränderungen erkennbar, die von einem Großteil der Gesellschaft positiv bewertet werden (zumeist, weil sie spürbar die Lebensqualität verbessern), erfährt die Zuschreibung als Fortschritt breite Zustimmung. Nach diesem Muster haben sich vor allem die modernen Industriegesellschaften entwickelt. Die Fortschrittsidee entstand als eine der entscheidenden Leitkategorien der Moderne während der Aufklärungszeit im 18. Jahrhundert. Im 19. und 20. Jahrhundert etablierte sich diese Idee im Rahmen des wissenschaftlichen Weltbildes der Industriegesellschaften, das eine stetige soziale und kulturelle Höherentwicklung des Menschen voraussetzt. Fortschritt und Entwicklung gelten heute als entscheidender Antrieb des soziokulturellen Wandels.Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss erkannte zwei fundamental unterschiedliche Prinzipien menschlicher Gesellschaften, die er als „kalte und heiße Kulturen“ bezeichnete. Die „kalten“ Kulturen – die sich heute nur noch bei einigen wenigen naturnah lebenden Ethnien finden – beharren auf den bewährten Traditionen, da sie jeglichen menschlichen Eingriff in die kosmischen Zusammenhänge als potentielles Risiko betrachten. Die meisten modernen Zivilisationen und ihre historischen Vorläufer repräsentieren hingegen die „heißen“ Kulturen, die viel stärker der Erkenntnisfähigkeit und Kreativität des Menschen vertrauen und die nach Lévi-Strauss ein „gieriges Bedürfnis“ nach kulturellem Wandel haben. Dies hat im Lauf der Geschichte eine zunehmende Distanz vom Naturzustand verursacht: Die Menschheit versucht mehr und mehr, die Natur ihren Bedürfnissen anzupassen. In diesem Sinn beruht der Fortschritt auf dem hoffnungsvollen Streben nach einer „Idealgesellschaft“. Die sich daraus ergebenden Probleme und Risiken sind der vorrangige Ansatzpunkt für die vielfältige Kritik am Fortschritt (Kulturkritik), die es seit der Begriffsbildung gibt. Die (häufig abwertende) Bezeichnung Fortschrittsglaube wird von Kritikern verwendet, um deutlich zu machen, dass die Zuschreibung auf den Wertvorstellungen des Betrachters beruht oder um auf eine (angeblich) dogmatische Verwendung des Fortschrittsbegriffs hinzuweisen. Verschiedene Autoren wie etwa Hermann Lübbe, Harald Haarmann, Eva Horn und Walter Benjamin sprechen von einer Fortschrittsideologie, um deutlich zu machen, dass der Begriff in verschiedenen Zusammenhängen verwendet wird, um Veränderungen ohne nähere Begründung zu rechtfertigen.
Quelle: Wikipedia

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