Das freie Wort

Ach, Herr Stadtrat.

Ich verstehe schon, dass Sie als langjähriger Politiker trotzig-arrogant reagieren, wenn Ihnen ein journalistischer Könner mit unbarmherzigen Fragen auf den Zahn fühlt. Die Höhe der Sozialhilfe in Wien ist nun mal ein Aufreger-Thema vor den Wahlen, und Sie als Verantwortlicher für Soziales haben zweifellos Erklärungsbedarf. Das mag Ihnen nicht gefallen, aber die Zeiten sind auch für Politik-Verantwortliche rauer geworden. Gut so. Im aufschlussreichen 3-Seiten-Interview vom 7. August 2024 („Eine Milliarde Sozialhilfe schreckt mich nicht“) habe ich bei einer Bemerkung von Ihnen allerdings kurz aufgelacht: „Das ist unerträglicher Zynismus.“ Dass nämlich Spätergeborene (im aktuellen Fall jene einer syrischen Familie) das gebrauchte Gewand von älteren Geschwistern tragen sollen. „Das ist echtes Mittelalter“, finden Sie. Ich bin eine Vertreterin jenes Mittelalters. Von der Herkunft her (Arbeiterkind vom Land), und vom Lebensalter her. Ich bin in die gebrauchten Hosen und Jacken meines älteren Bruders geschlüpft. Bis zur Matura 1977. Aus finanzieller Not. Na und? Wovon hätte mich das abhalten sollen? Vom Lesen, Lernen, Erkunden der Welt, Sich-Durchschlagen im arrogant-abweisenden bürgerlichen Milieu von Wien? Wie mir ging es vielen jungen Menschen dieses „Mittelalters“. Sie würden sich wundern, Herr Stadtrat, welche Aufsteiger-Karrieren und Glücksmomente auch für Secondhand-Kleider-Arbeiter-Kinder möglich sind.Sie können mich anrufen, ich erzähle es Ihnen gerne! Dieser eine Satz von Ihnen, Herr Stadtrat, war geradezu eine Offenbarung im fabelhaft geführten Interview von Michael Pommer. Daher noch eine Zusatz-Frage: Sollen etwa auch Menschen mit Migrationshintergrund von uns, den westlichen Konsumgesellschaften lernen, was längst nicht mehr vorbildhaft ist? Die Wegwerf-Mentalität und die Status-Hörigkeit. Ab in den Müll mit gebrauchter Kleidung. Wer soll denn so was tragen? Weg damit! Bestenfalls in die Caritas-Tonne. Vielleicht wird sie in Chiles Atacama-Wüste gekarrt und auf den dortigen, bereits gigantischen Kleiderberg gekippt. Vielleicht landet sie ja auch in Syrien. Als Kreislauf-Wirtschaft sozusagen. Aber ich will ja nicht zynisch sein.

Elfi Thiemer, Wien

Erschienen am Fr, 9.8.2024

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