10.01.2007 16:42 |

Grasser im Interview

Grasser im Interview mit der "Krone"

Als Vizekanzler wäre er der ÖVP beigetreten, nun verabschiedet sich Karl-Heinz Grasser komplett aus der Politik. Im Gespräch mit der "Krone" zieht der Ex-Finanzminister eine Bilanz über die sieben Jahre im Amt: "Es war eine spannende Zeit und eine extrem reizvolle, fordernde Aufgabe."
Herr Minister, Sie werden der neuen Regierung nicht mehr angehören. Wohl keine ganz freiwillige Entscheidung?

Ich habe Bundeskanzler Wolfgang Schüssel bereits im Oktober nach der Wahlniederlage mitgeteilt, dass ich meine Zukunft in der Privatwirtschaft sehe.

Aber Wolfgang Schüssel konnte Sie zum Bleiben überreden.

Ja, und ich sehe sein Engagement mir gegenüber auch als große Ehre an. Mit Wolfgang Schüssel verbindet mich mittlerweile eine echte freundschaftliche Beziehung. Wir wollten bei den Koalitionsverhandlungen das beste Ergebnis für Österreich erzielen.

Und Sie sollten es als Vizekanzler und Finanzminister umsetzen?

Es war eine lange Diskussion. Natürlich wäre es eine tolle Herausforderung gewesen, weil die Position als Vizekanzler und Finanzminister noch mehr Gestaltungsraum und Veränderungsmöglichkeiten bietet. Es ist der nächste Schritt zur Führung der Regierungsmannschaft. Am Ende des Tages ist die Entscheidung anders gefallen.

Wohl innerhalb der ÖVP? Was ist dran an den Gerüchten eines Putsches von Seiten der schwarzen Gewerkschafter?

Zu diesen ÖVP-internen Angelegenheiten möchte ich nicht Stellung nehmen. Nur so viel: Ich habe immer gesagt und klar gemacht, dass ich die neue Aufgabe nur annehme, wenn ich auf breitester Basis unterstützt werde.

Hätte es Ihnen nicht geholfen, ÖVP-Mitglied zu werden?

Es spricht für die Offenheit eines Wolfgang Schüssels, dass er mich nie darauf angesprochen hat. Aber sicher, als Vizekanzler, als Chef der ÖVP-Regierungsmannschaft, wäre es für mich selber ein logischer Schritt gewesen, mich der Partei zugehörig zu erklären.

Gab es die Option, "nur" als Finanzminister in der Regierung zu bleiben?

Ich wollte nie Berufspolitiker sein. Mir war immer klar, dass das Amt des Finanzministers eine geliehene Macht auf bestimmte Zeit ist.

Stimmt es, dass das Finanzministerium wesentliche Kompetenzbereiche an das von der SPÖ geführte Infrastrukturministerium abgeben muss?

Das Finanzministerium bleibt genau so, wie es war. Etwas anderes hätten wir bestimmt nicht zugelassen.

Erstaunlich, was die SPÖ alles zugelassen hat.

Die SPÖ war uns gegenüber sehr offen. Wenn man sich das Regierungsübereinkommen anschaut, dann würde ich sagen, die Wende des Jahres 2000 wird fortgesetzt. Mich freut es total, dass Alfred Gusenbauer diesen Kurs weiterverfolgt.

Immerhin hat die ÖVP zunächst die Koalitionsverhandlungen abgebrochen. Kam die SPÖ knieweich zum Verhandlungstisch zurück?

Die SPÖ war danach guten Argumenten sehr aufgeschlossen. Ein künftiger Kanzler, dem keine Alternativen zur Bildung einer Regierung gegeben sind, muss irgendwie auf ein Ergebnis kommen. Und mit Wolfgang Schüssel, Willy Molterer und Erwin Pröll ist er auf politische Voll-Profis gestoßen. Die SPÖ kann jedenfalls ihr Programm zur Armutsbekämpfung umsetzen.

Sie haben verhandelt und nun setzt der bisherige Klub-Obmann Wilhelm Molterer das Programm um. Hat man mit Ihnen gepokert?

Ich wünsche Wilhelm Molterer und der Regierung nur das Allerbeste zum Wohle Österreichs. Für mich persönlich sind sieben Jahre Politik genug, man wird ja auch betriebsblind.

Ein bisschen wehmütig wirken Sie trotzdem auf mich.

Aussteigen fällt natürlich schwer. Es war eine extrem reizvolle, fordernde Aufgabe. Nun ist es aber Zeit für Veränderung, ich muss den Schritt ins Ungewisse tun.

Schritt ins Ungewisse? Gibt es noch keine Angebote aus der Privatwirtschaft?

Ich nehme mir zwei, drei Monate Zeit, meine Zukunft zu überdenken. Bisher habe ich meine Ehe mehr oder weniger als Wochenendbeziehung geführt. Nun werde ich endlich mehr Zeit für Fiona, die Kinder und die Hunde haben.

Im April haben Sie mir gesagt, dass Sie nicht gerne für den Konzern Swarovski arbeiten möchten. Gilt das noch immer?

Swarovski ist ein großartiges Unternehmen. Aber bisher habe ich alles aus eigener Kraft geschafft. Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, ich würde mich in ein gemachtes Nest setzen. Ich werde mir eine Tätigkeit in der Industrie oder in der Finanzwelt suchen. Ich bin auch bereit, ins Ausland zu gehen, sofern das Unternehmen und meine Aufgabe interessant sind.

Was sagt Ihre Frau Fiona Swarovski zum Abschied von der Politik?

Ich habe die tollste Frau, die es überhaupt gibt. Sie würde jede meiner Entscheidungen mitmachen. Wäre ich in der Politik geblieben, dann hätte sie sogar den Umzug nach Wien in Kauf genommen.

Welches war Ihr schönster Moment als Finanzminister?

Das Erreichen des Nulldefizits.

Und der bitterste?

Die Wahlniederlage im Oktober.

Kritiker werfen Ihnen vor, Sie hätten das Nulldefizit nur durch massiven Verkauf der Nationalbank-Goldreserven erreicht?

Das ist billige Polemik, der ich hoffentlich bald nicht mehr ausgesetzt bin. In den sieben Jahren vor mir unter SPÖ-Finanzministern wurden 200 Tonnen Gold verkauft, in den sieben Jahren mit mir als Finanzminister 80 Tonnen.

Sie wurden bewundert, und Sie wurden scharf kritisiert. Warum polarisieren Sie so stark?

Neid. Das begleitet mich schon immer. Mit 31 Jahren war ich jüngster Finanzminister. Alle haben darauf gewartet, dass ich strauchle, Fehler mache, scheitere. Ich bin es nicht. Obwohl es natürlich genügend Niederlagen und menschliche Enttäuschungen gab. Auf der anderen Seite aber auch viele Siege.

Hat Sie die Kritik niemals verletzt?

Man muss sich eine Teflon-Haut zulegen, an der Angriffe abperlen. Nörgeln hilft nicht weiter. Wenn 22 Schiedsrichter auf dem Platz stehen schießt keiner ein Tor.

Karl-Heinz Grasser, der eiskalte Engel: Mögen Sie dieses Bild von sich?

Von einem Zahlenmenschen will man, dass er kühl und kalt ist. Und vor sieben Jahren war die Arbeit auch alles für mich. Meine Frau hat mir eine neue Welt eröffnet. Unser Anfang war nicht einfach, aber ich habe von Beginn an gewusst, dass sie die Frau ist, die ich heiraten möchte.

Interview: Nadia Weiss

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