Mo, 16. Juli 2018

"Krone"-Interview

07.01.2018 17:00

Erasure: "Warum füllen wir keine Stadien?"

In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre zählte das britische Synthiepop-Duo Erasure zu den populärsten Bands der Welt. Trotz diverser musiktektonischer Plattenverschiebungen und ausbleibenden Erfolgs hielten Andy Bell und Vince Clarke die Flagge ihrer Band immer hoch und sind nun dabei, einen zweiten Karrierefrühling zu erleben. Wir trafen die beiden sympathischen Kultmusiker zum Interview, um über Ungerechtigkeiten in einer Musikerkarriere, die Notwendigkeit politischer Statements und den Vergleich mit Taylor Swift zu sprechen.

Songs wie "Always", "Victim Of Love", "Sometimes" oder "Chains Of Love" sind jedem Fan kultiger Synthiepop-Klänge ein Begriff. Verantwortlich dafür sind die 1985 gegründeten Erasure, die mit ihren hedonistischen Klängen vor allem in den 80er-Jahren den Zahn der Zeit trafen und zu internationalen Superstars mutierten. Das Erfolgsrezept fußte auf zwei essenzielle Zutaten. Einerseits die dekadent-extrovertierte Bühnenshow von Frontmann und Sänger Andy Bell, andererseits das gevifte Songwriting des kreativen Songwriters Vince Clarke, der als Gründungsmitglied von Depeche Mode und mit Alison Moyet als Yazoo bereits zwei große Karrieren hinter sich hatte.

Nach dem Erfolgsflug in himmelhohe Sphären folgte spätestens Mitte der 90er-Jahre der Absturz ins Bodenlose. Grunge und Alternative Rock dominierten die Charts, für künstlich aufgeblasene, exaltierte Sounds aus der Konserve war plötzlich kein Platz mehr. Doch während sich andere Bands in Zeiten der Krise aufrieben, gaben Erasure nie auf und veröffentlichten im Zwei- bis Dreijahrestakt Platten, ohne sich den Spaß nehmen zu lassen. Nach 20 Jahren Österreich-Abwesenheit gaben sie letzten Sommer im Vorprogramm von Superstar Robbie Williams, der selbst großer Fan des Duos ist, endlich ihr Comeback im Alpenstaat. Mit dabei waren sehr viel Spielfreude und das auch von der Kritik gefeierte Album "World Be Gone". Wir haben uns mit Andy und Vince zum gemütlichen Gespräch zusammengesetzt.

"Krone": Andy, Vince - eure Auftritte im Vorprogramm von Robbie Williams im Wiener Ernst-Happel-Stadion und im Klagenfurter Wörthersee Stadion letzten Sommer waren die ersten in Österreich seit dem Donauinselfest 1997 - also seit 20 Jahren!
Vince Clarke: Das weiß ich noch gut, ist aber ewig her. Ich war hier inzwischen sicher schon Mal Skifahren, aber das ist auch schon länger her. Ungefähr 19 Jahre.
Andy Bell: Ich war vor drei Jahren in Wien zu Besuch, auch schon wieder eine Zeit her. Ich habe sehr viele Freunde hier und bin froh, wenn ich sie hie und da sehe. Vor dem Happel-Stadion waren wir drei Tage in der Stadt und haben das typische Touristenprogramm abgespult. Wir waren in der Staatsoper, in allen Parks und haben die Ringstraße begutachtet, aber es war so unglaublich heiß, dass das Flanieren gar nicht so viel Spaß machte. Außerdem kühlt ihr hier die Hotelzimmer zu wenig ab. Wir haben uns aber eher darauf konzentriert, zu entspannen und uns fit zu machen.

Wie fühlte es sich an, in den größten Stadien Europas vor Leuten zu spielen, die eigentlich nicht für euch gekommen sind?
Bell: Ganz ehrlich? Es ist schön, kann aber an schlechten Tagen auch frustrierend sein. Du denkst dir manchmal, dass du das sein solltest, der dieses Stadion füllt und nicht jemand anderes. Es kommt einem nicht immer fair vor. Andererseits haben wir eine großartige Zeit mit einem Job, den wir lieben und zwei Crews, die besser nicht sein könnten. Wenn man lernen und im Leben weiterkommen will, dann kann man nicht immer arrogant darauf pochen, der Beste zu sein. Man kann und muss viel von anderen lernen und das tun wir immer noch - auch von einem Superstar wie Robbie, der jünger ist als wir.

Und ihr müsst doppelt so hart um die Gunst der Aufmerksamkeit kämpfen.
Clarke: Andy arbeitet sich seinen Arsch ohnehin immer so wild ab, wie es nur möglich ist. Ich brauche nur im Hintergrund stehen, ein bisschen Musik machen und schaue auf meine Füße. Andy hat 150 Prozent Workout und muss auch noch Leute überzeugen, die man nicht beeindrucken kann, weil sie für jemand anderen da sind. Andere Künstler würden sich denken "Fuck Off" und ihren Stiefel runterspielen, aber Andy gibt alles und ist einfach er selbst.

Euer aktuelles "World Be Gone" scheint das erfolgreichste seit einigen Jahren zu sein. Ich startet damit Anfang 2018 auch zu einer großen Solotour durch Europa mit dem Fokus auf eure größten Erfolgsmärkte Deutschland und Großbritannien.
Bell: Es war tatsächlich das erfolgreichste seit 23 Jahren, als wir 1994 "I Say I Say I Say" veröffentlichten.
Clarke: Wenn es um die Chartpositionen geht, hat das Album wirklich eingeschlagen, aber wenn du auf die bloßen Verkaufszahlen schaust, sieht die Sache wieder weniger rosig aus. Möglicherweise sind auch meine Erwartungen viel zu hoch.

Ein Problem, das bis auf einzelne Künstler wie Ed Sheeran oder Adele nahezu jeden trifft. Bringt das zum Nachdenken, ob man sich überhaupt noch die Mühe antun sollte, volle Alben zu schreiben, einzuspielen und zu produzieren?
Clarke: Das ist eine sehr schwierige Sache, die noch niemand so ganz lösen konnte. Wenn du Beyoncé bist, dann kannst du wahrscheinlich auf ganze Alben verzichten. Diese Künstler veröffentlichen eine Single nach der anderen und dann gibt es eine Compilation, die am Ende jedes Mal eine "Greatest Hits" ist.
Bell: Für uns läuft der Markt leider anders. Auch die Videos verlieren immer mehr an Boden, so fühle ich das zumindest. Wir haben uns noch nie so wirklich darauf konzentriert, aber mittlerweile kommt mir so vor, dass die Menschen von all dem übersättigt sein würden.
Clarke: Seien wir uns ehrlich - wenn wir keine Alben mehr herausbringen würden, dann hätten wir doch nur mehr sehr kurze Interviews. (lacht) Nicht dass wir auf "World Be Gone" ein Konzept hätten, aber wie könnten wir dann prinzipiell über Konzepte reden? Wie willst du mit uns 20 Minuten über einen Hit sprechen?

Das neue Album ist für euch ungewöhnlich politisch geraten. Konntet ihr da gar nicht mehr aus, nachdem es derzeit weltweit ziemlich kracht?
Clarke: Andy und ich haben uns diesbezüglich lange unsicher gefühlt, irgendwie passte die Sache nicht zu uns. Unsere politischen Ansichten sollten in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben. Derzeit passiert aber weltweit so viel Scheiße und wir werden auch nicht mehr jünger. Wir hatten das Gefühl, uns artikulieren zu müssen. Wir wollen nicht autoritär sein, aber wir haben unsere Erfahrungen und die Geschichte etwas aufgerollt. Du kannst in unserem Alter mehr sagen als mit 21, man nimmt dich ernster.

Vince, du lebst schon einige Zeit mit deiner Familie in New York, einer Stadt, die für US-Verhältnisse sehr liberal ist. Kriegst du die Herrschaft von Donald Trump dort überhaupt zu spüren?
Clarke: Als Trump tatsächlich die Wahl gewann, gab es ein Gefühl in dieser Stadt, dass ich noch nie zuvor bemerkte. Ich glaube kein einziger Einwohner konnte wirklich glauben, dass das tatsächlich passierte, obwohl ihn natürlich einige wählten. Es herrschte am nächsten Tag eine Atmosphäre von Fassungslosigkeit. Zwei Stunden wurde rundum geweint, danach waren aber alle optimistisch, diesen Fehler so schnell wie möglich ausbügeln zu können. Für den Rest des Landes kann ich nicht sprechen, denn in meiner Stadt wählen gefühlte 99,9 Prozent die Demokraten.

Auf der anderen Seite gab es den Brexit in Großbritannien, den du, Andy, natürlich noch intensiver erlebt hast. Gibt es da noch einen milden Ausgang für Brexit-Gegner?
Bell: Nein, der Zug ist sicher abgefahren. Wir sind in den Verhandlungen schon zu weit und zu viel ging daneben. Falls die Dinge bis 2019 alle durch sind, glaube ich zumindest, könnte sich am europäischen Wirtschaftssektor in allen Bereichen extrem viel tun. Möglicherweise wählen wir das nächste Mal die Demokraten und die Leute merken, dass die EU doch nicht so böse ist. Aber derzeit geht es mehr ums Hoffen als ums Glauben.

Ist es euch wichtig, dass die Leute bei euren Konzerten abseits der großen Klassiker und eingängigen Melodien auch zuhören? Dass sie eure Texte wahrnehmen und durchdenken?
Bell: Wir haben die neuen politischen Songs noch nicht so wirklich ausprobiert. Wir haben "World Be Gone" und "Lousy Sum Of Nothing", meinen Lieblingssong vom neuen Album, gesungen. Die Leute haben tatsächlich ihre Feuerzeuge rausgeholt und sie in die Luft gehalten, was ich sehr bewegend fand. Das war aber nicht, weil sie den Text kannten, sondern weil der Song so ein Gefühl von Bewegung und Melancholie vermittelt.
Clarke: Sie wissen sicher nicht immer, worum es uns gerade geht, aber wenn sie die Songs annehmen und fühlen können, sind wir natürlich zufrieden.

Glaubt ihr auch, dass die Hörer da draußen langsam gesättigt sind von den inhaltsbefreiten Hitparadensongs, die Probleme auf der Welt meist nicht einmal streifen?
Bell: Es geht ja nur mehr um das Ausspannen von Freunden, wo die nächste Party steigt und wer den besten Hintern zum Twerken hat. (lacht) Es ist Gossip-Column-Pop. Nicht mehr und nicht weniger. Alles ist elektronisch durchzogen und überhaupt nicht innovativ. Für mich ist das sogar rückschrittlich, weil diese Songs Teenager mehr als alle Songs je zuvor in einer Art und Weise sexualisieren, die nicht mehr okay ist. Ich weiß, dass das keine neue Erkenntnis ist, aber all die jungen Kids in der Mittelschicht spielen nur mehr Videospiele, werden fett und masturbieren den ganzen Tag. (lacht) Ich frage mich bei den Musikern oder Songschreibern dann immer, welchen Plan haben sie für unsere Teenager? Sie fühlen jedenfalls keine soziale Verantwortung und das Internet hat natürlich alles aufgeweicht. Die Kids wachsen mit "like" oder "don't like" auf - mehr gibt es nicht mehr für sie. Entweder mag man etwas oder nicht, aber niemand macht sich mehr die Mühe zu diskutieren oder zu argumentieren.

Habt ihr eure politisch angehauchten Songs vielleicht auch deshalb verfasst, weil ihr eine Art von sozialer Verantwortung gespürt habt, in einer so abgestumpft wirkenden Gegenwart?
Bell: In erster Linie müssen wir unseren Gefühlen freien Lauf lassen. Wir haben gefühlte 200 Lovesongs geschrieben und alle haben ihre Berechtigung, aber jetzt fiel uns nichts mehr ein. Du musst dich einfach verändern, wenn es die Zeit verlangt. Die Lovesongs haben wundervolle Botschaften, aber so läuft nicht unser ganzes Leben ab. Wir sind über 50, haben ein gesichertes, festes Leben mit Familien oder fixen Beziehungen. Wenn Vince die Kinder von der Schule holt, lassen sich keine Teenager-Songs mehr schreiben. (lacht)

Fällt es euch manchmal schwer, eure alten Songs mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit vorzutragen?
Bell: Nicht wirklich, denn über eine so lange Zeitspanne werden sie ein Teil deiner DNA. Du spielst eine Nummer an und weißt exakt, worauf es jetzt ankommt. Dir zieht der ganze Entstehungsprozess am Kopf vorbei. Wir wollten aber stets ehrlich zu uns selbst und unseren Hörern sein. Es hilft dir nichts, wenn du dich zwanghaft in eine Schablone pressen versuchst. Manchmal gibt es auch ein Publikum, das gewisse Songs nicht mag, andere lieben sie. Es ist immer ein hin und her.

Ihr seid verantwortlich für unzählige eingängige Ohrwürmer, die euch vor allem im ersten Karrieredrittel scheinbar aus der Feder zu fallen schienen. Hattet ihr ein Geheimrezept für Hittauglichkeit gefunden?
Clarke: Wir haben niemals nach einen Hit gesucht, sondern immer nur den besten Song geschrieben, der möglich war. Die besten Songs mussten uns immer beiden gefallen und manchmal erreichst du damit eine Emotion bei deinen Fans, ein anderes Mal wieder nicht. In erster Linie musste ein Song aber immer gut für uns sein.
Bell: Ein Song wie "Stop!" klingt vielleicht etwas simpel und einfach gestrickt, aber wenn du dir vorstellst, dass er in Louisiana gespielt wird, mit Banjos und einer Gospel-Stimme, dann wirst du sehen, dass er auch so funktionieren kann. Die Struktur ist simpel, lässt aber viele andere Möglichkeiten zu.

Ihr seid für viele zeitgemäße Elektronikmusiker durchaus Idole und Wegbereiter. Ist euch diese Rolle bewusst?
Bell: Vor allem die Sounds von Vince waren bahnbrechend. Die Refrains in unseren Songs sind tatsächlich meist gut gelungen, weil sie dazu tendieren, einen Höhepunkt immer weiter hinauszuzögern. Bei den modernen Songs wirkt es so, als wenn du nach einer kurzen Strophe sofort mit dem Refrain erschlagen wirst. Es geht nur mehr um Hymnen und nicht um das Songwriting.
Clarke: Diese Songs schreien förmlich nach einem Refrain. Es ist ein Trend, der funktioniert, für uns aber etwas sonderbar wirkt.

Nebenbei arbeitet ihr seit geschlagenen 32 Jahren zusammen, was keinesfalls selbstverständlich ist. Was müsst ihr tun, um diese gute Arbeitsbeziehung immer fruchtbar zu halten?
Bell: Wir prügeln uns zwischendurch, weil er einfach ein Bastard ist. (lacht)
Clarke: Üblicherweise lösen wir uns einmal die Woche auf, um eine große interne Reunion zu feiern, von der draußen niemals wer was mitbekommt. (lacht)
Bell: Distanz ist wichtig. (lacht) Das klingt jetzt gemein, aber nach einer Tour müssen wir schon unsere eigenen Wege gehen.
Clarke: Wir haben aber sehr viel Respekt für das Können des jeweils anderen und wissen, welche Knöpfe wir nicht drücken sollten. Aber ganz im Ernst - man muss sich auch aufziehen können. Wenn kein Platz mehr für Humor ist, dann kannst du die Sache vergessen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Größen von früher veröffentlicht ihr immer noch kontinuierlich neue Alben im 2-4-Jahres-Takt. Hattet ihr einmal die Befürchtung, zu einer reinen Nostalgieband zu verkommen?
Clarke: Vor 20 Jahren hatten wir vielleicht einmal diese Gedanken, als unsere Musikrichtung eigentlich keinen interessierte. Wir waren aber nie feige, haben immer versucht, neue Haken zu schlagen und uns in gewisser Weise neu zu finden. Wir wussten im Vorfeld nie, wohin uns unsere Reise führen würde. Manchmal hatten wir bessere Ideen, manchmal schlechtere. Es gab Zeiten, da saßen wir für zehn Minuten zusammen und uns fiel nicht einmal ein Wort ein. Dann wiederum sprudelte es nur so aus uns raus.
Bell: Viele von diesen sogenannten Nostalgie-Bands, die pro Jahr zwei bis drei Festivals headlinen, haben nur zwei oder drei Songs, auf die man wirklich wartet. Ich glaube, dieses Problem haben wir nicht. Wir waren in den 80er-Jahren sehr groß und menschlich gefestigt. Vince hatte ja schon davor mit Depeche Mode große Erfolge und ich war auch kein Jungspund mehr. Vince war ein Pionier in den 80ern und das haben die Leute nie vergessen.
Clarke: Das ist bei uns im kleinen Rahmen so wie bei Robbie Williams. Seine Fanbase wird für immer da sein, egal was kommen mag. Sie gehen seinen Weg immer mit, weil sie verdammt loyal sind, aber trotzdem gespannt auf neue Songs sind. Das ist unser größtes Glück, dass unsere Fans auch neue Songs und Ideen annehmen und sie nicht schon vorverurteilen.
Bell: Bis auf wenige Ausnahmen dauert eine Erfolgssträhne einer Band nicht lange. Man hat seine paar guten Jahre mit den großen Hits. Es ist eine Art von Teenager-Erfahrung, die man macht. So wie man auch immer in den Laden lief und alle neuen Alben kaufte. Das hört irgendwann einmal auf. Unsere Fans haben - genau wie wir auch - Familien und Kinder. Da kann man nicht mehr verlangen, dass sie sich wie Raubtiere auf Erasure stürzen. Und die Jüngeren interessieren sich nicht für uns alte Hasen. (lacht) Wir bemühen uns natürlich, aber beeindrucken können wir die Jungen nicht - das übernehmen Taylor Swift und Co.

Bemerkt ihr bei euren Konzerten eine Kluft? Fehlt euch wirklich das jüngere Publikum, weil ihr es nicht erreicht?
Clarke: Es gibt welche, aber es sind vereinzelte, keine Mengen.
Bell: Wir hatten unlängst das Glück, dass wir uns vor dem Robbie-Williams-Publikum beweisen konnten und dort gab es viele junge Menschen, die neugierig sind. Zumindest die, die vorne stehen, können sich bei uns fallen lassen und das ist schön zu sehen. Wir müssen aber ehrlich sein und zugeben, dass wir dafür eben Hilfe brauchen.
Clarke: In Argentinien hingegen drehen die jungen Leute alle durch. Da sind Kids, die sind mit Sicherheit nicht auf der Welt gewesen sind, als wir diese Band ins Leben riefen.
Bell: Solche wie du. (lacht)

Da muss ich euch enttäuschen, ich war bei eurer Bandgründung schon auf der Welt.
Bell: Für uns ist das auch ein schönes Zeichen, dass manche unserer Songs einfach angenehm zeitlos sind. Und die jungen Leute wollen selbst erforschen und entdecken. Sie wollen nichts vorgekaut kriegen oder von anderen Musikern hören, was sie hören sollten. Diese Zeiten sind doch längst vorbei.

Ihr müsst diese Menschen natürlich auch auf anderen Plattformen abholen: Stichwort Social-Media-Kanäle. Wie geht ihr persönlich damit um?
Bell: Ich persönlich habe damit aufgehört, ich hatte eine schlechte Zeit damit. Es ist nichts mit Leuten vergleichbar, die dich aus einer gewissen Anonymität heraus persönlich attackieren. Diese Plattformen sind so oberflächlich und nichtssagend.
Clarke: Ich bin schon dort zu finden, versuche aber nichts zu verkaufen. Ich verwende es für meinen Spaß, erzähle gerne Witze und verbinde mich mit Menschen, die denselben furchtbaren Humor haben wie ich.
Bell: Alle anderen versuchen nur, irgendwas an den Mann zu bringen. Entweder sich, ihre Habseligkeiten oder ihre Kunst.

Das bleibt einer Band oder Musikern an sich heute aber nicht mehr aus…
Clarke: Das ist prinzipiell korrekt, aber wir überlassen das zumindest einer Presseperson, die sich damit herumquälen darf. Die Plattenfirma hat uns da unterstützt.
Bell: Wenn du persönlich zu stark drinsteckst, kann das durchaus gefährlich werden.

Gibt es auch musikalisch Grenzen? Bereiche, in denen ihr unter dem Namen Erasure nie vordringen würdet, auch wenn ihr vielleicht Lust dazu verspürt?
Clarke: Jedes Album ist eine total neue Erfahrung und wir versuchen uns niemals zu wiederholen. Natürlich passiert uns das hie und da, aber wir sind zumindest bemüht, das nicht absichtlich zu machen.
Bell: Wir haben schon einen charakteristischen Sound, aber das ist meiner Ansicht nicht der Klang an sich, sondern eher die Art und Weise, wie wir auf Musik zugehen. Du bist wie ein Designer, der ein gewisses Gefühl projizieren will, ohne sich zu wiederholen. Vince ist ein Künstler, denn er ist dafür verantwortlich, dass uns das möglichst gut gelingt.

Ihr habt nicht nur viele unterschiedliche Jahrzehnte im Musikgeschäft erlebt, sondern auch schon viele Änderungen in der Branche durchwachsen. Wie fühlt es sich denn an, 2018 ein Teil dieses großen Fischteichs zu sein?
Bell: Es scheint einfacher zu werden, aber ich habe keine Ahnung.
Clarke: Als wir zusammen angefangen haben, war ich schon drei, vier Jahre im Business und Andy war noch sehr frisch dabei. Heute fühlt er sich sicher entspannter und auch sicherer auf der Bühne, als es vor 30 Jahren der Fall war.
Bell: Ich war früher ebenso fanatischer wie auch das Publikum. Heute gehen wir alle zusammen etwas entspannter miteinander um. (lacht)

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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